Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
«Wir» sind stolz auf «unsere» dicken, schnellen Autos? Glücklicherweise weiß ein Großteil der Bevölkerung mit derartigem Zusammengehörigkeitsgefühl nichts anzufangen und fährt sowieso lieber Fahrrad. Und die werden immer mehr.
Ein Bekannter aus Spanien stellte nach seinem ersten Besuch in Berlin fest: «Die Deutschen scheinen allergisch auf Autos zu sein.» Eine Vermutung, die sich einem dauerhaft in Deutschland lebenden Mensch nicht unbedingt aufdrängt. Nicht unbedeutende Kräfte im Land setzen schließlich alles daran, uns glauben zu machen, ohne etwas Schnelles, Dickes und Großes mit vier Rädern sei man auch nichts.
Aber offenbar geht es noch schlimmer. Wer schon einmal in Südeuropas Städten unterwegs war, kennt die Erfahrungsgrundlage des spanischen Freundes. Und tatsächlich ereilt uns in dieser Woche eine Nachricht, die sich getrost gut nennen lässt: Immer mehr Großstädter nutzen hierzulande das unmotorisierte Zweirad.
13 Prozent radeln auf ihren täglichen Wegen, und das gar nicht, weil sie so ungemein umweltfreundlich sein wollen. Jeder achte deutsche Großstädter hat festgestellt: Es ist meistens schneller, immer günstiger und gesünder und in jedem Fall weniger stressig, per Drahtesel zu Uni, Job oder Supermarkt zu gelangen. Immerhin 22 Prozent entscheiden sich mehrmals pro Woche fürs Fahrrad.
Was so alles zusammenkommt, wenn Großstädter in die Pedale treten, konnten wir in den vergangenen drei Wochen bei der Initiative «Stadtradeln» beobachten, an der 58 Städte teilgenommen haben. Fast 2,8 Millionen Kilometer, also 70 Mal um die Erde, sind die Teilnehmer geradelt. Etliche hundert Kilometer hat dazu auch die news.de-Redaktion beigetragen - und damit Leipzig mit auf Platz eins im Städtevergleich gehievt. Natürlich handelt es sich dabei nur um einen Bruchteil der insgesamt in dieser Zeit in Deutschland erstrampelten Dimensionen, denn die Disziplin, jeden Tag seinen Online-Radelkalender auszufüllen, haben nicht viele.
Nicht auszudenken, jeder Radler wäre direkt an die Stromversorgung angeschlossen, so wie die Mitglieder von 60 Fitnessstudios in den USA. Ihre Treterei lässt Ökostrom direkt in die lokale Energieversorgung einfließen - gleich neben dem Kalorienzähler tickt die Kilowattstundenuhr.
Noch schaffen wir es auf unseren beweglichen Rädern gerade mal, mit Beinkraft unsere Fahrradlichter zum Leuchten zu bringen. Aber gute Nachrichten müssen ja auch noch besser werden können. Und vielleicht leuchten irgendwann die Lichter der Großstadt nur durch ihre Fahrradfahrer.
kra/news.de