Sa., 26.05.12

Zurück zum Glück 16.09.2011 Banker findet im Knast die Freiheit  

Von der Börse in den Knast (Foto)
So kann's gehen: Gerade noch an der Frankfurter BörserMillionen gescheffelt, plötzlich im Knast.  Bild: dpa/Montage

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Vom Gipfel der Glitzerwelt fällt Uwe Woitzig auf die Pritsche im Knast. Doch der Börsenhändler und Banker entdeckt die Chance, die ihm das behütete Leben hinter Gittern bietet: Er macht sich innerlich frei. Und hat darüber ein Buch geschrieben.

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Uwe Woitzig ist ein Weiberheld, daran ist nicht zu rütteln. Doch selbst seinen Sexualtrieb lernte er im Knast zu dominieren - durch Tagebuchschreiben. Das war ein Schritt auf dem Weg, den er in 13 Monaten Untersuchungshaft durchlebte und der, wie Woitzig reflektiert, vor allem ein Ziel hatte: sein eigenes überdimensionales Ego zu zertrümmern und frei zu werden.

Woitzigs Geschichte ist nicht neu, für Google ist sie sogar schon zu alt. Obwohl sie damals, Ende der 1980er, auf allen Titelseiten zu lesen war, findet man im Netz kaum noch etwas über ihn. Doch sein Buch Hofgang im Handstand liegt auch 20 Jahre danach noch im Zeitgeist. Nicht nur, weil die spirituelle Suche nach dem Selbst wohl zeitlos ist, sondern auch, weil Typen wie Uwe Woitzig durch die Finanzkrise in den Fokus gerückt sind. Er war Banker und Börsenhändler und handelte sich dank risikoreicher Geldschiebereien schnell in die Liga der oberen Zehntausend. Mit 34 Jahren hat er es zu einer eigenen Filiale in Monte Carlo und damit in den Geldadel geschafft.

Und Woitzig nimmt alles mit. Urlaube in der Karibik, Champagner-Empfänge in New Yorker Penthäusern und über den Dächern von Monte Carlo, die dicken Autos, die royalen Hotelsuites. Nicht zu vergessen die Frauen, gern auch mehr als eine auf einmal - und das, obwohl er schon mit einer der schönsten Münchens verheiratet ist. Er genießt in vollen Zügen, und trotzdem merkt Woitzig offenbar schon damals, dass er in der Glitzerwelt nicht ganz bei sich ist. Im Garten eines schottischen Schlosses, in dem er gerade mit drei Frauen auf einmal die Nächte verbringt, hört er auf seinem Walkman U2, I still haven't found what I'm looking for. Und tatsächlich: Kurz darauf wird sich sein Leben radikal ändern.

Aus eigenem Antrieb hat Uwe Woitzig den Absprung allerdings nicht gesucht. Obwohl er die Raubtierkapitalisten immer verachtet habe und er ihre Frauen als dürre, operierte und frustrierte Wracks karikiert, musste erst die Untersuchungshaft her, um ihn aus der Scheinwelt zu sich selbst zu befördern. Das ist dann allerdings gründlich gelungen.

Mithilfe diverser schräger Typen, die ihm in der JVA Stadelheim begegnen, wird aus dem aalglatten Makler ein Esoteriker und Experte in fernöstlicher Philosophie, der sich in Demut übt.

In unserer Bildstrecke lesen Sie elf Gründe, die laut Uwe Woitzig einen Gefängnisaufenthalt wertvoll und befreiend machen.

Nebenbei reißt Woitzig das Panorama deutscher Knastrealität auf. Das reicht von der stinkenden Zelle im Münchner Polizeipräsidium in der Ettstraße über hotelgleichen Luxus mit Musikinstrumenten und Stereoanlage in der hessischen JVA Weiterstadt bis zum erbaulichen Pflaumenpflücken nebst Stelldichein am Freigängerhaus. Wie drastisch Gefängnis auch hierzulande wirklich sein kann, hat der Wirtschaftskriminelle am eigenen Leib jedoch nicht erlebt. Er sitzt im Neubau der JVA Stadelheim neben anderen Finanzverbrechern - der Knastelite, sozusagen. Eine Knastrevolte, einen versuchten Ausbruch und die anschließende Isolationshaft für den Rädelsführer schildert er nur aus der dritten Person.

Woitzigs Buch ist so vollgepumpt mit Lebensweisheiten, die er aus seinem Sprung von der Glitzerwelt hinter Gitter gezogen hat, dass wir sie in einer eigenen Textstrecke zusammengefasst haben:

 

Aus der ersten Person darf der Leser miterleben, wie gut sich Woitzig einrichtet in seinem neuen Leben mit sich selbst. Einen eigenen Tauchsieder für den Kaffee, jede Menge Bücher und Nachrichtenmagazine, jeden Tag die aktuellen Zeitungen frei Zelle, seine schicken Kashmir-Pullover darf er auch tragen, und beim Hofgang lernt er die Menschen kennen, die ihn weiterbringen. Zum Beispiel den Auktionator, Karatelehrer und Personal-Trainer Gus, der seinen Mitgefangenen personalisierte Trainingspläne erstellt. Noch nie sei er so fit und gesund gewesen, schreibt Woitzig.

Mit fernöstlicher Kultur das Ego knacken

Ein Zellennachbar ist Öppes, der ihn mit dem indischen Guru Oshu und den Techniken des Meditierens bekannt macht. Der Zigeuner Ronald lehrt ihn, mit seinen Tier-Chakren zu kommunizieren, und seitdem bespricht sich der ehemalige Börsenhändler nach Einschluss in seiner Zelle mit seinem körper- und geisteigenen Löwen oder der Schlange: «Nach 16 Uhr war ich in meiner Zelle völlig frei».

Den Feinschliff erhält der reuige Banker schließlich durch den sogenannten Meister, einen langhaarigen Tibetaner, der eines Tages plötzlich im perfekten Handstand auf dem Gefängnishof steht. An dieser Stelle kratzt das ansonsten prächtig erzählte und tiefgründig nachvollziehbare Buch allerdings an der Grenze zum Hokuspokus. Nur wegen ihm sei er hier, verkündet der wegen Haschischschmuggels verknackte Meister - um ihm zu helfen, seine Begrenztheit endgültig zu lösen und sein Ego zu sprengen, um zum Selbst zu finden. Nebenbei sagt er anderen Gefangenen die Dauer ihrer Haft voraus.

Bestechend ist vor allem ein Gedanke: Wer äußere Freiheit genießt, baut sich automatisch innere Gefängnisse auf - durch Ängste, Druck, Geltungssucht. Wer jedoch hinter Gittern sitzt, ist dort zugleich behütet - und hat Zeit und Ruhe, sich innerlich von falschen Maßstäben zu lösen. Das Resultat hat Richard für Uwe Woitzig zusammengefasst, einer seiner letzten Wegbegleiter in Gefangenschaft: «Du bist gefühlsmäßig wieder zu einem Kind geworden, das in jeder Begegnung etwas Neues und Aufregendes sieht.» Damit aber auch sehr verletzlich. Deshalb wohl hat sich Uwe Woitzig nach dem Ende seiner insgesamt fünfjährigen Haftstrafe in die Einsamkeit nach Tirol zurückgezogen.

Bestes Zitat: «Ich begriff, dass man durch Loslassen alles erreichen kann. Alles, was man krampfhaft zu halten versucht, will entkommen. Bedränge eine Frau, und sie weicht dir aus. Lehne dich entspannt zurück, entziehe dich ihr, und du gibst ihr Raum, sich zu entfalten.»

Titel: Hofgang im Handstand
Autorin: Uwe Woitzig
Verlag: Integral
Seiten: 336
Preis: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 12. September 2011 


Diskutieren Sie mit: Ist ein Aufenthalt im Gefängnis tatsächlich eine Chance, mit sich und dem Leben ins Reine zu kommen?

jag/news.de
Leserkommentare (8) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Elsa
  • Kommentar 8
  • 01.05.2012 15:50
 

Diese Gesellschaft ist anscheinend so krank, dass innere Freiheit sich nur noch unter massiven Druck von außen entfalten kann...

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  • der_steppenwolf
  • Kommentar 7
  • 01.05.2012 15:45
 

W. benutzt den Knast als Metapher für eine alternative Lebensform. Hat mir imponiert, dieser Gedanke. Das Buch zu lesen ist übrigens eine echte Bereicherung.

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  • Petra Wunderlich
  • Kommentar 6
  • 01.05.2012 09:56
 

Woitzigs Buch ist für mich eins der interessantesten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es liest sich spannend wie ein Krimi, ist aber gestopft mit tiefgründigen Erkenntnissen u.a. aus der wunderbaren tantrischen Philosophie, die mir vollkommen unbekannt war. Ich lese immer wieder darin und benutze es inzwischen sogar als Ratgeber

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  • Thomas Berthold
  • Kommentar 5
  • 28.04.2012 08:55
 

Ich habe vor kurzem den spannenden Beitrag "Sokrates hinter Gittern" im TV gesehen, der Insassen der JVA Tegel im Gespräch mit Professoren der FU zeigte. Fast alle Insassen bestätigten, dass sie sich in ihren Zellen manchmal unglaublich frei, glücklich und zufrieden fühlten. Unwillkürlich musste ich an Woitzigs großartiges Buch denken, in dem er dieses.Phänomen nachvollziehbar erklärt. Stichwort: Resilienz

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  • Peter Baumann
  • Kommentar 4
  • 27.04.2012 16:51
 

In Deutschland gab es 2010 kaum glaubliche 5,9 Mio Ermittlungsverfahren mit 2,1 Mio Tatverdächtigen (Kriminalstatistik). Hintergrund ist, dass es in unserem Land inzwischen mehr als 115.000 Paragrafen gibt. Die Anwälte kommen kaum noch nach in der Ergänzung ihrer Gesetzessammlungen bei der steten Flut von neuen Gesetzen und Gesetzesänderungen. Bei dieser Gemengenlage hat Woitzigs Buch mit seiner völlig anderen Sichtweise des Knastes eine zeitlose, gesellschaftspolitische Bedeutung. Ich habe es mit ständig wachsender Begeisterung gelesen.

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  • JürgenB
  • Kommentar 3
  • 15.02.2012 10:02
 

Überflüssig wie ein Kropf. Soll Herr W. doch hingehen, wo der Pfeffer wächst und uns mit seinem überflüssigen Gesülze nicht die Zeit stehlen. Wen interessiert das denn?

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  • Banker Pleitier
  • Kommentar 2
  • 16.09.2011 19:06
 

Besucht diesen Wundermann wenigsten wöchentlich eine/r der ehrenwerten Damen und Herren, die sich mittels Strafbefehl korrupt um den Kanst drücken durften?

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  • Ulli Lommel
  • Kommentar 1
  • 16.09.2011 16:13
 

Uwe Woitzig ist genau der Mann, den wir brauchten, der alles endlich einmal auf den Tisch legt und nicht nur die ganzer Misere darstellt, sondern auch wunderbare Lösungen bietet. You rock, Uwe! Weiter so!

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