Sa., 26.05.12

Tatort real 12.09.2011 Kommissare auf der falschen Fährte

Frau im Bad Homburger Schlosspark erstochen (Foto)
Beamte sichern die Spuren nach einem Mord im Bad Homburger Schlosspark. Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Der Boden, auf dem Kommissare ermitteln, ist wie Pudding. Spuren verwischen, Zeugen reden Mist - mit Wahrheit hat das wenig zu tun. Doch danach suchen Kriminalisten. Ihre Pannen verrät ein neues Buch. Es führt in den Bauch der Gesellschaft.

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Verbrechen fasziniert uns. Sonst wäre der Tatort nicht Kult, sonst setzte uns das quotenorientierte TV  nicht Abend für Abend Kriminahrung vor. Aber es ist nicht nur das Verbrechen selbst, das uns reizt. Es ist auch der Boden aus Pudding, durch den die Ermittler zur Lösung des Falls waten müssen, und die Untiefen der gesellschaftlichen Milieus, in die sie dabei rutschen.

Wenn jemand weiß, was Menschen an Kriminalfällen fasziniert, ist es Stephan Harbort. Der Kriminalhauptkommissar ist Deutschlands Experte für Serienmörder, er hat bei TV-Dokumentationen und Krimiserien beratend zur Seite gestanden und ist häufig gesehener Gast in Talkrunden. Nein, Harbort ist keiner von der wortkargen Sorte, das hat er auch im news.de-Interview bewiesen. Der Düsseldorfer Kommissar erzählt einfach gern und teilt seine persönlichen Emotionen im Angesicht mit einem Serienmörder ebenso freimütig mit der Öffentlichkeit wie kriminalistische Kenntnisse. Er hat seine Erfahrungen in diverse Bücher gebracht, auch über die Frauen der Serienmörder hat er geschrieben und über mordende Weibsbilder.

Nicht verwunderlich also, dass er auch keine Hemmungen hat, die Fehler seiner Zunft in den Fokus zu rücken. Harborts neues Buch Falsche Fährten - Kriminalirrtümer und ihre Folgen liest sich wie eine Sammlung von Kurzgeschichten. Ist aber feinste Kriminalgeschichte und damit, ganz ähnlich wie das Sammelsurium der Fernseh-Tatorte aus der gesamten Republik, eine Tour durch die Milieus des Landes.

Ein paar Beispiele aus Harborts Fehlerkiste stellen wir in unserer Bildstrecke vor. 

«Erst der wirklich Erfahrene, der ebenso an eigenen wie an fremden Fehlern gewachsen ist, wird Fehler vermeiden können.» Den sehr menschlichen Satz des Düsseldorfer Kripochefs Armin Mätzler hat Harbort seinem Vorwort vorangestellt. Besonders vertrauenerweckend ist das nicht. Weil wir alle als Hobbyermittler bei Tatort und CSI tätig sind, kennen wir die Fehlerquellen. Wie schnell wird eine wesentliche Spur am Tatort vernachlässigt oder eine andere überinterpretiert, wie leicht eine Todesursache falsch gedeutet. Ist uns auch alles schon passiert. Aber den echten Profis, denen, die nicht im Fernsehen sind? An die Öffentlichkeit dringen solche Pannen nur selten, zum Beispiel beim Phantom von Heilbronn.

Die Erkenntnis geht über den Irrtum, schreibt Harbort ganz klar und zitiert dafür sogar Goethe: «Den Irrtum sich und anderen entdecken, heißt rückwärts erfinden.» Er hat gewühlt in den Archiven und Fälle zwischen 1929 und 2008 zusammengetragen. Zwei von ihnen ziehen sich über den Zeitraum von Jahrzehnten und zwei bis drei verschiedene deutsche Staaten.

Transen sind Krimistoff 1956 und im Tatort 2011

Spannender als die Pannen selbst sind bei Harborts Kurzkrimis oft die Details, die nebenbei zum Beispiel das Leben in der Nachkriegszeit der alten BRD charakterisieren. Die Morphinsucht in den 1950er Jahren, als von Heroin oder Koks noch keine Rede war, oder die Unerreichbarkeit einer Armbanduhr, worüber man heute nur noch lächeln kann. Täter wie Opfer bewegten sich selbstverständlich mit dem Bus fort, weil noch nicht jeder über ein Auto verfügte, und auch die erotischen Avancen eines Gemeindemitglieds gegenüber dem Pfarrer birgt Potential für Verbrechen - und Ermittlungsfehler. War nicht im letzten Tatort eine Transe unter den Hauptverdächtigen? Harbort hat auch eine, und das schon 1956 in dem sauerländischen Kaff Wulmeringhausen, in einem Mordfall ohne Leiche.

Irrtümer lassen sich nicht vermeiden - trotz Fingerabdrücken, chemischen Verfahren und DNA-Analyse: «Jede Methode generiert eine neue Fehlerquelle», schreibt Harbort. Wichtig sei aber, den Fehler zu erkennen, denn, wie Konfuzius sagt: «Wer einen Fehler begeht und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.»

Bestes Zitat: «Das Geflecht der Kriminalirrtümer ähnelt einer Hydra: Verliert es einen Kopf, wächst an dieser Stelle ein neuer. Mindestens.»

Buchtitel: Falsche Fährten - Kriminalirrtümer und ihre Folgen
Autor: Stephan Harbort
Verlag: Eichborn
Seiten: 333
Preis: 19,95 Euro
Verkaufsstart: September 2011

hem/news.de
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