Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus, Leipzig
Gerade wird wieder für Germany's Next Topmodel gecastet. Was schön ist und was nicht, das wird dort genau festgelegt und fängt schon bei der Körpergröße an. Aber warum rennen wir einem Ideal hinterher und zwängen uns in zu enge Schuhe?
Schönheit, das müssen an diesem schwülen Tag in Leipzig, einige Mädchen erfahren - Schönheit steht und fällt manchmal mit wenigen Zentimetern. Schuhe mit Absätzen so hoch wie ein Kugelschreiber können nur kurz darüber hinwegtäuschen, dass zu der magischen und unerklärbaren Grenze 1,72 Meter eben doch noch einiges fehlt.
Es ist das Casting von Germany's Next Topmodel. «Wir propagieren kein Schönheitsideal. Jeder Mensch ist schön auf seine Art», hat Heidi Klum gesagt. Und trotzdem macht ein handgeschriebener Zettel am Eingang zum Casting klar: Topmodel, also offiziell schön, wird nur, wer groß genug ist. Und ein Blick über die ausgeschiedenen Mädchen und diejenigen, die weiterkommen, zeigt: schön ist auch immer sehr schlank.
Selbe Stadt, anderer Ort, andere Zeit: Auf der Neuen Messe treffen sich Nageldesignerinnen, Fußpflegerinnen und Anbieter von Dingen, die «wirklich schön machen». Es riecht nach Acryllack, ein Hauch von Nivea liegt in der Luft, Schweiß. Eng ist es, an den Ständen liegen Farbpaletten mit orangenem Lack. Pink. Grün. Immer wieder greifen Frauen mit langen Fingernägeln danach, betrachten das Arrangement, von ihren Nägeln hängen Glitzerkettchen.
Schönheit - auch immer eine Frage von moralischen Werten
Schönheit hat Hochkonjunktur - immer. Doch was schön ist, das weiß so genau eigentlich keiner. Der Seifenhersteller Dove wirbt mit «wahrer Schönheit» und präsentiert Frauen ohne Modelmaße, L'Oreal wischt die Falten von Julia Roberts aus, weil Krähenfüße einfach nicht in das Konzept passen und die Brigitte verzichtet auf professionelle Models, um ihre Mode erlebbarer zu machen. Die Maßstäbe scheinen unterschiedlich, sind es bei genauerer Betrachtung aber eigentlich gar nicht.
Die Wahrnehmung von dem, was wir schön finden und was wir nicht schön finden, ist eben kulturell bestimmt, schreibt Els van der Plas, eine Kunsthistorikerin in ihrem Aufsatz Schönheit ist ein Grundbedürfnis. Sie ist mit moralischen Werten verbunden und durchzieht alle Teile der Gesellschaft. Verbinden wir dicke Menschen also mit Faulheit, finden wir Übergewichtige nicht schön. Verbinden wir es aber - wie in vielen afrikanischen Kulturen - mit Reichtum, bekommt Übergewicht eine ganz andere Form der Schönheit. Ähnliches gilt für alle Bereiche des Körpers: Brüste, Nase, Kinn, Haarlänge. Nicht zu vergessen: Die Symmetrie der Gesichtszüge. Die verbinden wir mit Ausgeglichenheit - und finden sie deshalb beruhigend und schön.
Dabei ist bemerkenswert, dass Schönheit beinahe immer mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht wird. Heidi Klum sucht kein männliches Model, sondern ein weibliches und auf der Schönheitsmesse gibt es keinen Bereich für männliche Nägel, männliche Faltenbekämpfung - wer als Mann auf der Messe ist, der trägt die Taschen seiner Frau.
Männer vergleichen sich nicht, Frauen suchen die Schönheit
Einen Grund dafür nennt die amerikanische Psychologin Rita Freedman. Frauen würden in weiten Teilen der Gesellschaft nicht über ihr Handeln beurteilt, sondern über ihr Aussehen, sagt sie. Auch haben Frauen Vorbilder, was und wen sie schön finden: Schauspielerinnen, Models, Sängerinnen. Männer können zwar sehr wohl bewerten, welche Frau sie attraktiv finden - sie vergleichen sich aber gar nicht bis nur ungern mit ihren Geschlechtsgenossen. Nur ab und zu - hat die Soziologin Barbara Rothmüller herausgefunden - geben Männer einen Musiker als Schönheitsideal an. Von dem übernahmen sie dann allerdings nur die Frisur. Mehr nicht.
Im Gegensatz zu den Männern haben die Teilnehmerinnen beim Casting zu Germany's Next Topmodel eine ganze Menge mehr von verehrten Sängerinnen und Schauspielerinnen angenommen als nur die Frisur. Die einen versuchen es mit dem verruchten Stil von Taylor Momsen, andere sehen aus wie einem H&M-Katalog entsprungen - und immer wie eine Anfangsversion von Heidi Klum.
Frauen, die lebenden Puppen
Doch warum all das? Warum ziehen wir Schuhe an, die uns bei Castings über die erforderlichen 1,72 Meter hieven, aber Blasen an den Zehen verursachen? Warum unterziehen wir uns schmerzhaften Operationen, um danach nicht mehr wie wir selbst, sondern wie etwas auszusehen, dass sich andere Menschen für uns überlegt haben? Eigentlich hätten uns die Vertreterinnen der Emanzipation zeigen sollen, dass es auf uns als Menschen ankommt, stattdessen gibt es das Gleichnispaar «schön = anerkannt».
Die Feministinnen, ist die britische Publizistin Natasha Walter sicher, haben verschlafen, nachfolgende - weiblichen - Generationen gegen den immer noch grassierenden Sexismus zu wappnen, gegen Schönheitsideale, die Frauen immer noch in eine Rolle drängen: das schöne Accessoire an der Seite des Mannes. Diese Frauen nennt Natasha Walter in ihrem Buch «lebende Puppen» - und einer Umfrage der Britin zurfolge wollen immerhin 60 Prozent Model werden. Eine ganze Menge Puppen, hat sie festgestellt - und will die Einstellung dazu nun ändern. Ein langwieriger Prozess.
Deswegen eben, weil schön auch immer erfolgreich ist und für Aufmerksamkeit beim anderen Geschlecht sorgt. Schönheit ist auf den ersten Blick zu sehen, Klugheit erst nach einem langen Gespräch. Das wissen Frauen - und ziehen sich die Highheels an.
Männer hingegen haben eine weitaus pragmatischere Sicht auf ihren eigenen Körper, schreibt Barbara Rothmüller. Sie wollen nicht negativ auffallen, aber ein kleiner Bierbauch ist für sie kein Widerspruch dazu. Sie achten darauf, nicht unangenehm zu riechen - Frauen wollen dazu auch noch gut riechen und benutzen Parfüms, deodorierte Slipeinlagen und Fußdeo. Alles nur, damit das Gesamtpaket stimmt.
Schön ist, was die Gesellschaft schön findet
Dieses Aufhübschen hat die Soziologin Nina Degele in ihrem Buch Sich schön machen - Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln erklärt. Auch wenn die meisten Frauen behaupten, sie täten all das - langwieriges Frisieren, Schminken, Einkleiden - vor allem für sich selbst, sei das Zur-Schönheit-Werden dennoch eine Art, die eigene Position in der Gesellschaft zu besetzen. Wir wollen als «die Schöne» wahrgenommen werden, denn nur so fallen wir auf. Wer gewöhnlich ist, fällt durchs Raster. Das ist nicht nur bei Germany's Next Topmodel so - auch in der Berufswelt oder bei der Suche nach einem Partner.
Dabei kommt es sehr wohl darauf an, in welchen Kreisen, also wortwörtlich in welcher Gesellschaft wir uns bewegen. Unter Punks sind wir mit Piercing und Lederjacke schön. Doch diese Kreise sind klein, meist bewegen wir uns im großen Tiegel derer, die Germany's Next Topmodel sehen, bunte Fingernägel haben und amerikanische Serien mit immer perfekt gestylten Hausfrauen sehen.
boi/cvd/news.de
Auch ist es vielleicht nicht uninteressant dass lebende Puppen durch Ihr Aussehen Interesse erwecken wollen, keine Normalsterblicheraber als ungebildetes Dummchen den Mut hätte so extravagant aufzutreten dass sie angebaggert wird. Somit würde ich sagen, sind Frauen vielleicht vorm Ausgehen mit alleilei möglichem, unmöglichem und unnötigem Scheiß vorm Spiegel beschäftigt, allerdings somit auch dazu gezwungen immer in allem Bescheid zu wissen, gute Manieren zu haben und vorallem so manche kreative Abfuhr auswendig zu lernen die Anwärtern schmerzen. Was uns durchaus zum stärkern Geschlecht macht
jetzt antwortenKommentar meldenSupergeil! Sehr schön geschrieben, gut recherchiert, aufschlussreich. Erstaunlich dass dieser Artikel zwei Monate alt und noch unkommentiert ist. Imerhin ist es ja nicht so, als wäre dem nichts hinzuzufügen. Erstens kommt es ja nicht von ungefähr, dass beim Onlinedating zunächst einmal die Fotos verpixelt sind und es Arbeitsstelken gibt bei denen ausdrücklich kein Bewerbungsfoto erforderlich ist oder sogar gänzlich ungewollt. Wir Damen sind nicht mehr so ausgeliefert wie einst, als noch so manche Dame(nicht nur das fitive Schneewittchen) an Ihrem aufgezwungenen Korsett erstickte.
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