Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Kein Streik! Deshalb dürfen die Passagiere in den Fliegern, die zwischen 6 und 12 Uhr gestartet sind, besonders laut klatschen. Vielleicht johlen sie sogar oder trampeln mit den Füßen. Das wäre endlich mal ein echter Grund für den Applaus nach der Landung.
Es rumst hart, als das Flugzeug die Erde berührt. Das haben andere schon besser hinbekommen. Dabei sah der Pilot, den man beim Einsteigen im Cockpit sehen konnte, ganz vertrauenserweckend aus. Gute 50, ruhig, erfahren. Vielleicht hat er schon Enkel. Der hat's also verbockt. So kann man sich täuschen in Menschen.
Während dieser Gedankengänge bricht der Applaus aus. «Applaus, vom spätlateinischen applaudere: ein Ausdruck der Billigung oder des Gefallens einer Darbietung.» So steht es bei Wikipedia. Gefiel diese unsanfte Landung den anderen Passagieren, meist eher Angsthasen, sobald es trubelig wird, tatsächlich? Fanden sie, dass diese mäßige Pilotenleistung Anerkennung verdient? Peinlich, diese Leute. Was für Duckmäuser. Jubeln dem Piloten zu, nur weil er ihr Leben in der Hand hatte? Jubeln die auch nach einer Operation?
Das war am vergangenen Samstag. Die erste Streikdrohung war verpufft, die nächste noch nicht abzusehen. Es gab keinen aktuellen Aufhänger für so viel Zuneigung nach einer schlechten Landung. Aber da gibt es auch noch eine zweite Definitionsoption für «Applaus» bei Wikipedia: «Eine Klanggeste, bei der die Handflächen zusammengeschlagen werden.» Ja, das ist es wohl.
Wer klatscht, lebt
Das Klatschen dringt direkt aus dem Fundus unserer Urinstinkte. Diese Menschen haben nicht applaudiert, weil ihnen etwas gefallen hat. Sondern, weil sie noch leben. Es bricht einfach aus ihnen heraus. So, wie Kinder ihre Händchen zusammenpatschen, wenn sie sich freuen. Wie Menschen in Trachten im Rausch der Volksmusik es immer auf eins knallen lassen. Wie Fans beim Rockkonzert euphorisch die Hände über dem Kopf gegeneinander schlagen, weil sie sich ebenso energiegeladen fühlen wie der Sänger auf der Bühne. Und bei der Jahreshauptversammlung im Sportverein klopft man rustikal mit den Fingerknöcheln auf den Tisch, weil die Ritter doch früher auch mit der flachen Hand auf den rohen Holztisch droschen, wenn sie gut dabei waren.
Wer klatscht, ist lebendig und mittendrin. Es ist so ähnlich wie beim Lachen, und es wird genauso ausgeschlachtet. Was den Sitcoms die eingeblendeten Lachsalven, sind den Talkshows die animierten Klatscher. Wie passend, dass diese emotionalen Ausbrüche in der Etepetete-Kultur lange verpönt waren. Im Theaterstück nach einer Szene klatschen, das machten nur die Bauern, die man vom Dorf mit dem Bus rangekarrt hatte. Wer etwas auf sich hielt, blieb sparsam mit seiner Begeisterung.
Klatschen als Unterschichtenphänomen? Nun ja, besonders verbreitet ist der Landungsapplaus bei Mallorca-Flügen, wo auch immer da der Zusammenhang ist. Doch wer heute zwischen 6 und 12 gestartet ist, der möge ruhig die Handflächen zusammenschlagen. Mit den Füßen trampeln und Zugabe schreien. Denn der Fluglotsenstreik hätte sie fast um ihren Urlaub gebracht. Da ist unkontrollierte Euphorie die einzig angemessene Reaktion. Soll der Pilot sich doch für Gott halten.
hem/news.de