Von Carola Frentzen
Für viele Somalis ist es die Endstation: In den Lagern im Grenzgebiet zwischen Somalia, Äthiopien und Kenia stranden Menschen, die nichts mehr haben. Kein Essen, keinen Besitz, keine Hoffnung. Mit 19 Jahren bereitet sich eine Frau auf den Hungertod vor.
Rote afrikanische Erde bis zum Horizont, vereinzelt ein paar Schirmakazien und ausgedörrtes Gestrüpp, sonst nichts: Schon beim Anflug auf die kleine Landepiste von Dolo Ado in der Nähe der äthiopischen Flüchtlingscamps kann man das Ausmaß der Hungerkatastrophe erspüren. Hier blüht nichts, und die paar Esel und Kamele, die in der Landschaft herumstehen, kauen eher unwillig an vertrockneten Büschen herum.
Die Journalisten, die gekommen sind, um sich vor Ort ein Bild vom Ausmaß der Dürrekatastrophe zu machen, schauen still aus den Fenstern der kleinen Cessna. Eine unausgesprochene Frage liegt in der Luft: Wenn Hunderttausende Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben an einen so unwirtlichen, verlassenen Ort fliehen - wie muss es dann erst in ihrer Heimat aussehen?
Die Fliegen sitzen überall - in den Augen, am Ohr, am Mund
Die einzige Lebensader scheint ein Fluss zu sein, der trotz des ausgebliebenen Regens noch reichlich Wasser hat. «Das ist der Genale», sagt eine Mitarbeiterin des Welternährungsprogramms (WFP). «Die drei Camps hier in der Gegend benutzen ihn als Wasserquelle, wenn das von den Hilfsorganisationen gelieferte Wasser nicht ausreicht.»
Ein starker, staubiger Wind weht und bedeckt alles, was lebt, mit einer klebrigen, rötlichen Schicht. Manchmal fällt das Atmen schwer, und wer versucht, nach sauberer Luft zu schnappen, inhaliert mit dem gleichen Atemzug gleich ein oder zwei Fliegen. Sie sind überall, angezogen vom Müll und Dreck, setzen sich in die Augen, die Ohren, die Mundwinkel. Die Kinder in den Camps scheinen sich mit dem Ansturm der Insekten abgefunden zu haben - oder sie sind bereits zu schwach, um sie noch zu vertreiben. Ihre Gesichter sind übersät von schwarzen, krabbelnden Punkten.
Dieser Teil Äthiopiens ist ein nur schwer fassbares Kontrastprogramm zu Addis Abeba und dem grünen Hochland des Nordens. Nur zweieinhalb Flugstunden von der Hauptstadt entfernt hat man das Gefühl, in einem anderen Land, ja, einer anderen Welt gelandet zu sein. Am Wegesrand stehen meterhohe Termitenhügel, unverkennbares Zeichen für die kargen Steppenlandschaften Afrikas. Dazwischen Strohhütten und viel zu dünne Menschen.
Fast alle, die hier auf Hilfe hoffen, sind Somalier
Wer in Dolo Ado unterwegs ist, ist sich nie so ganz sicher, ob er sich noch in einem äthiopischen Dorf befindet oder schon in einem der drei Flüchtlingslager. Denn Dürre und Hunger, die herrschen hier, nur wenige Kilometer von der somalischen Grenze entfernt, genauso wie in dem bürgerkriegsgeplagten Nachbarland oder in Kenia.
«Äthiopier können in ihrem eigenen Land keinen Flüchtlingsstatus bekommen, der gilt ja nur für Ausländer», erklärt Judith Schuler WFP Äthiopien. «Deshalb müssen wir den Notleidenden hier die Hilfsgüter direkt in die Dörfer bringen.» Nur die großen weißen Zelte des Flüchtlingskomitees mit der Aufschrift «UNHCR» und die kleineren dunkelblauen Klinik-Zelte von «Ärzte ohne Grenzen» schaffen Klarheit, wann man in einem der Camps angekommen ist. Fast alle, die hier auf Hilfe hoffen, sind Somalier.
Mariam Gemale hockt auf der Erde. Die 19-Jährige ist am Vortag nach fünftägigem Fußmarsch im Registrierungscamp von Dolo Ado angekommen. «Ich bin aus dem somalischen Ort Kone und bin einfach einer Gruppe von Leuten hinterhergelaufen, die sagten, sie würden nach Äthiopien gehen.» Mit traurigen Augen starrt sie unter dem blauen Kopftuch vor sich hin.
Ihre Hände zittern, als sie erzählt: Drei Tage lang hat sie nichts gegessen, bevor sie mit schmerzendem, leerem Magen das Camp erreichte und endlich eine warme Mahlzeit bekam. «Wenn ich hier etwas zu essen bekomme, dann werde ich bleiben», sagt sie. Wird sie jemals nach Somalia zurückkehren? Mariam blickt auf und zieht die dichten Augenbrauen zusammen: «Bis ich sterbe werde ich nirgendwo anders mehr hingehen.»
Das Leiden bekommt hunderttausende Gesichter
Die Geschichten, die man in den Lagern hört, gleichen sich auf erschreckende Weise - und sind doch jedes Mal anders. Sie erzählen von Verzweiflung, Verlust, Hunger und Tod. Hinter jeder Geschichte steht ein Schicksal, das Menschen getroffen hat, die ebenso Bürger dieser Erde sind wie Menschen in Deutschland oder den USA. Menschen, die die gleichen Rechte haben auf ein erfülltes Leben ohne Bedrohung und Leid. Aber sie sind in Afrika, weit weg, so weit, dass ihre Geschichten meist auf dem Weg nach Europa irgendwo zwischen dem Indischen Ozean und dem Mittelmeer verklingen.
Doch dann, plötzlich, sind sie ganz nah. Den ausgemergelten Gesichtern, den oft trostlosen Augen und dünnen Körpern direkt gegenüberzustehen, hat eine ganz andere Wirkung, als die Bilder im Fernsehen zu verfolgen.
Als die kleine Cessna am späten Nachmittag wieder abhebt, schwirren den Journalisten all die Geschichten der Flüchtlinge in den Köpfen herum. Die Menschen in den Flüchtlingscamps haben plötzlich eine Identität bekommen, und das macht es noch viel schwerer, die derzeitige Katastrophe zu ertragen.
Aber werden wir je auch nur ansatzweise verstehen, was diese Menschen gerade durchmachen? Oder wie sich Hunger anfühlt? Mariam Gemale hat es so formuliert: «Hunger ist Hunger. Das kann man nicht beschreiben.» Und ihre Hände zitterten.
Möchten auch Sie spenden? Die Kindernothilfe sammelt Geld, um die Arbeit in den Lagern in Ostafrika finanzieren zu können. Dringend gebraucht werden dort Reis, Wasser und Medikamente.
Kindernothilfe
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BLZ: 350 601 90
Bank für Kirche und Diakonie eG - KD-Bank
Stichwort: Z57415, Dürrekatastrophe «Horn von Afrika»
Wir machen uns Sorgen,ob wir wohl mit unserer Kleidung,un- serem Auto oder unserer Bewirtung der Gaeste "in"sind,und dort sterben Kinder und deren Eltern,weil es dort nicht einmal ein Sozialamt gibt,das das Ueberleben gewaehrleistet. Und hier gibt es Leute,die vielleicht sagen:Knallt sie doch besser ab,damit sie nicht herkommen mit anderen Idealen und uns die Wurst vom Butterbrot nehmen!" Wie wohltuend trotzdem,wenn Ihr Reporter sagt:"Das sind Menschen wie Du und ich und die Amis (Schwarze oder Weisse)."Uns hat zum Teil CARE vor dem Verhungern bewahrt!" Vergesst das Bitte nicht!! Brueder!
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