Sa., 26.05.12

Soziale Netzwerke 18.07.2011 Die Völkerwanderung im Internet

Völkerwanderung im Netz (Foto)
Wir packen unsere digitalen Koffer und sind raus aus dem Sozialen Netzwerk. Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus

Wir ziehen um, löschen unser Profil und legen an einem Ort ein neues an. Soziale Netzwerke bestimmen einen großen Teil unserer Aktivitäten im Internet. Alle paar Jahre kommt eine neue Plattform, auf der wir uns fortan tummeln - aber warum eigentlich?

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Die wichtigsten Dinge sind gepackt. In ein paar Koffern ist das, was unser Leben ausmacht: Erinnerungsstücke, etwas Kleidung, ein Stift, ein Block, unser Adressbüchlein. Wir steigen in unser Auto und fahren weg. An einen anderen Ort, ein neues Leben, ein ganz neuer Anfang.

Während uns so ein Abschied im wahren Leben schwer fallen würde, ist es im Internet ganz leicht. Ab 2003 waren wir bei Myspace, dann zogen wir um zu MeinVZ - bis Facebook kam. Und nun Google+, das neueste Kind der Familie mit Namen Soziale Netzwerke. Dazwischen Abstecher zu Uboot, lastfm oder Emopunk.

Nicht alle melden sich ab, das Profil liegt einfach brach. Zurück bleiben Einträge auf Pinnwänden, Nachrichten und Fotos mit Kommentaren. Im neuen Profil geht alles von vorne los und wir schwören uns: Diesmal sind unsere Freunde auch die wahren Freunde - und wir sehen nicht mehr stündlich nach, was vor sich geht.

Was Myspace fehlte, rückten die VZ-Netzwerke gerade

In den vergangenen zehn Jahren hat es regelrechte Völkerwanderungen zwischen den Sozialen Netzwerken gegeben. Wer von einem Netzwerk ging, nahm nicht nur seine Profilinformationen mit, sondern auch seine Freunde. Jeder neue Nutzer eines Netzwerkes generiert gleich mehrere neue Nutzer.

Rund 180 Millionen Menschen waren ab 2002 bei Myspace und legten dort ein Profil an. Heute ist es nur noch rund ein Drittel. Meistens Bands, die dort Musik von sich zur Verfügung stellen, sich mit anderen Musikern vernetzen und Werbung für Konzerte machen. Andere Nutzer sind dort kaum noch. Denn: Nach Myspace kamen die VZ-Netzwerke ab 2006.

Google+
Googles Facebook
Video: Youtube

Die VZ-Netzwerke hatten einen entscheidenden Vorteil: Sie waren ein deutsches Netzwerk, das direkt vor Ort arbeitete. Campus-Captains machten das digitale Netzwerk irgendwie real. Innerhalb kürzester Zeit kratzten die drei Netzwerke - MeinVZ, StudiVZ und SchülerVZ - an der 20 Millionen Marke. Mittlerweile sind nur noch rund 10 Millionen Menschen dort angemeldet, doch nur 30 Prozent sehen noch regelmäßig nach, was in ihrem Profil los ist. Facebook hat die VZ-Netzwerke abgehängt, mittlerweile sind 20 Millionen Deutsche bei Facebook - und sie sehen beinahe täglich auf der Seite vorbei.

Google+ ist das puristischere Facebook

Denn Facebook bietet das, was in den VZ-Netzwerken fehlte: Abwechslung, kleine Spielereien, die zum Verweilen einluden. Farmville, Mafia Wars oder Paradise Island sorgten für stundenlanges Spielen an der Tastatur, für Inhalte auf der Pinnwand, für ein massives Klicken des Gefällt-mir-Buttons. 

Und nun Google+, das wieder weniger Abwechslung bietet. Keine Spiele, aber mehr Sortierung, eine Art digitalen Purismus. Etwas, das bei Facebook lange kritisiert wurde. Zu überladen seien die Pinnwände mittlerweile mit Statusmeldungen, Spielergebnissen und Links. Hinzu kam die Kritik, der Begriff des Freundes würde inflationär genutzt. Denn bei Facebook sind wir alle Freunde - bei Google+ fällt die Sortierung leichter. Circles sorgen dafür, dass Freunde Freunde bleiben und Kollegen Kollegen und dass die Freunde mehr sehen können als die Bekannten.

Es lässt sich sagen: Geschichte wiederholt sich. Vor einigen Jahren wurden im Internet Listen geführt, warum die VZ-Netzwerke keine Chance gegen Facebook hätten. Heute gibt es vermehrt Listen, die schreiben, warum Facebook keine Chance gegen Google+ hat. Der Erfolg im Internet, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung, sei eben flüchtig.

Warum die Gründe für unsere Wanderungen unterschiedlich sind, lesen Sie auf Seite 2

Die Gründe, warum wir in Sozialen Netzwerken sind, lassen sich grob in zwei Richtungen einteilen, haben Wissenschaftler herausgefunden. Jüngere Nutzer, vor allem Teenager, suchen nach Anerkennung und Bestätigung. Ältere Nutzer ab 25 Jahre pflegen vor allem ältere soziale Kontakte, bleiben in Verbindung zu Schul- und Studienfreunden oder zu Kollegen.

Digital Natives, so werden diejenigen genannt, die schon mit dem Internet aufgewachsen sind, leben eine Doppelexistenz, schreibt Jens Frieling in seinem Buch Zielgruppe Digital Natives - Wie das Internet die Lebensweise von Jugendlichen verändert. Im Internet bekommen sie das, was ihnen oftmals im realen Leben fehlt: Einfache Anerkennung, die sich im Gefällt-mir-Button von Facebook geradezu manifestiert hat. Gehen die Nutzer der sozialen Plattform zu einem anderen Netzwerk, gehen auch sie mit - immer der Aufmerksamkeit und der Bestätigung hinterher.

Das Internet ist der Platz, wo was los ist

Doch Jugendliche sind nicht die ersten, die wandern. Die, die als erstes gehen, sind  die, die sich als digitale Elite bezeichnen. Medienleute, die als Vorreiter ihre Dateien packen und das neue Netzwerk antesten. Denn am Puls der Zeit zu sein, zeigt auch, dazuzugehören, die Trends zu kennen. Schnell Kontakte zu knüpfen, gilt als Kapital. «Der Einblick in die Profile anderer ist für uns wichtig», schreibt Julian Ausserhofer in seinem Aufsatz Die digitale Boheme. Und wir sind so schnell dabei: Ein Computer und ein Internetanschluss reichen.

Erst dann, wenn diese Gruppe das Netzwerk für sich erkannt hat, rücken die Jugendlichen an. Ein Schnuppern an der Welt der anderen ist es, ein Ausprobieren. Denn Soziale Netzwerke sind vor allem eins: die vernetzte Welt, die es ermöglicht, auch im kleinsten Dorf mittendrin zu sein. In einem Kreis derer, die da sind, wo was los ist.

Welche Netzwerke gibt es eigentlich? Klicken Sie sich durch unsere Bilderstrecke.

Soziale Netzwerke sind Sozialstress in Reinform. Unseren Kommentar dazu lesen Sie hier.

san/beu/news.de
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