Von Tonia Haag und Ulrich Breitbach
Ihre Stimme ist klar, als Mircos Mutter von ihrem Sohn erzählt. Lebhaft sei der Zehnjährige gewesen, offenherzig. Angst habe er nur selten gezeigt, sagt die 35-Jährige vor Gericht. Zum ersten Mal traf sie dabei auf den mutmaßlichen Peiniger ihres Kindes.
Wer sie so sprechen hört und mit den Händen gestikulieren sieht, ist überrascht über die Kraft, die die Verkäuferin aus Grefrath aufbringt. Nicht ein Räuspern, nicht ein Zittern in der Stimme verrät, welche Belastung der Gang vor Gericht für sie sein muss. Und auch ihr Mann, der auf der Bank der Nebenkläger Platz genommen hat, wirkt gefasst.
«Es war wichtig für sie, für ihren Sohn, für ihren verstorbenen Sohn, dass sie das einfach schaffen mussten», sagt Anwältin Gabriele Reinartz zum Erscheinen der Eltern vor Gericht. Sie seien es Mirco einfach schuldig gewesen, einmal dem Angeklagten, dem mutmaßlichen Mörder ihres Kindes, gegenüberzutreten.
Einen Blick auf Olaf H. wagt Mircos Mutter zunächst jedoch nicht. Während sie befragt wird, blickt sie strikt geradeaus auf den Vorsitzenden Richter Herbert Luczak. Nach links, zur Anklagebank, auf der Olaf H. sitzt, wendet sie den Kopf nicht ein einziges Mal, als sie von Mirco und seiner engen Verbindung mit seinem Fahrrad erzählt, das nach dem Mord an dem Jungen entdeckt wurde.
«Mirco und das Fahrrad waren eine Einheit»
«Für uns war es ein Unding, das Fahrrad ohne Mirco zu finden», berichtet die Mutter Sandra S. Der Junge habe schließlich an dem Rad gehangen, selbst Freunde ließ er nur selten auf den Sattel steigen. «Mirco und das Fahrrad waren eine Einheit», sagt seine Mutter. Er habe dafür gekämpft, es sich zum Teil selbst zusammengespart, um endlich ein richtiges Jungenrad zu haben und kein Mädchenrad mehr.
Olaf H., der als seine Hobbys seine Familie, Haus und Garten angibt, scheint Mircos Mutter aufmerksam zuzuhören, als sie berichtet, wie selbstbewusst und lebhaft Mirco gewesen sei. «Er hat einem ins Gesicht gesagt, was er wollte und was nicht», erinnert sich die 35-Jährige. Beim Essen habe er oft «mit allem Möglichen» auf den Tisch geklopft - «was jetzt natürlich fehlt».
Als Mircos Freunde befragt werden, die ihn am Abend vor seinem Tod noch sahen, starrt Olaf H. meist geradeaus oder senkt den Blick. Einen schönen Tag hätten sie gemeinsam verbracht, berichten die Kinder und Jugendlichen. Erst seien sie nach der Schule im Kino gewesen, später noch kurz an der Skaterbahn vorbeigegangen. Mirco sei gut gelaunt gewesen, sagt ein Mädchen.
Seine Mutter machte sich zu der Zeit jedoch offenbar bereits Sorgen über die lange Abwesenheit ihres Sohnes und rief eine Bekannte, die 17-jährige Marcella, an. «Mirco, es ist dunkel, fahr bitte nach Hause», habe die Bekannte dem Jungen dann gesagt und dieser sei sofort losgefahren - ohne jedoch jemals zu Hause anzukommen.
Auch am zweiten Verhandlungstag großer Andrang
Das Schicksal des getöteten Jungen bewegt auch am zweiten Verhandlungstag viele Menschen. Vor dem Gericht hat sich am Morgen erneut eine Schlange Schaulustiger gebildet, die in den Gerichtssaal wollen. Wieder ist der Andrang größer als die Zahl der Plätze im Verhandlungssaal.
Auf dem Bürgersteig gegenüber dem Eingang haben Menschen Grablichter auf ein schwarzes Tuch gestellt. Irgendjemand hat ein Foto des Zehnjährigen aufgestellt und dazugeschrieben: «Du fehlst uns». Auf einem Plakat hat jemand seiner Wut Ausdruck verliehen: «Olaf H., sei froh, dass ein Richter Dich verurteilt. Kreaturen wie Du haben leider Rechte. Das Urteil des Volkes wäre Deine gerechte Strafe», heißt es dort.
Etwas abseits steht ein junger Mann in abgewetzten Jeans und Jeansjacke. Er sei Mircos Nachbar gewesen, habe oft mit dem Jungen Fußball gespielt, sagt er. Nun habe er sich vorgenommen, an allen Verhandlungstagen nach Krefeld zu kommen, um Mirco zu gedenken. Das einzige Urteil für Mircos mutmaßlichen Mörder ist für ihn lebenslänglich. «Der Täter», sagt er, «darf nie wieder auf freien Fuß».
jag/che/news.de/dapd