Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Wir Bleichgesichter rennen der Sonne in die strahlenden Arme. Dabei wäre es so leicht, Anleihen bei den Hitzeprofis zu machen. Doch deren Wissen wird zum gefährdeten Gut, das die Unesco unter Schutz stellen sollte. Bald wissen nur noch Kamele Bescheid.
Wir Bewohner der gemäßigten Zone sind die Sandwichkinder der Erde. Weder Sommer noch Winter sind wirklich unser Eigen, sie schauen zwar Jahr für Jahr vorbei, extreme Kälte und Hitze treffen uns dennoch immer irgendwie unvorbereitet. So kommt es, dass wir im Winter immer wieder nur eine einzige Farbe für Schnee kennen und uns im Sommer hilflos der Sonne aussetzen, als gäbe es kein Morgen.
Das Elend fängt damit an, dass wir «Sonne» verweiblicht haben. Die Indianer beten sie als gestrengen Gott an, die Spanier nennen sie kumpelhaft «Lorenzo», und in allen Mittelmeerländern ist klar: il sole, le soleil, el sol. Nur wir machen sie zur Frau und unterstellen ihr damit mütterliche, empathische, gar umsorgende Eigenschaften. Wir werfen uns ihr halbnackt in die strahlenden Arme, anstatt uns vor ihrer kriegerischen Kraft zu schützen.
Denn nichts liegt der Sonne ferner als Empathie. Egal ob weiße Haut oder schwarze, Baby oder Oma, Wolken oder Wind: Sie strahlt, und es wäre strategisch cleverer, beim Wort «Strahlen» ein Atomkraftwerk zu assoziieren als ein freundliches Lächeln. «Schutz» ist die Vokabel, die zwischen Mensch und Sonne stehen sollte, statt dessen denken wir nur «Trägershirt» und «Sandalen».
Wichtig zu wissen: Rothäute sind nicht in der Sonne verbrannt
Ausgerechnet wir Bleichgesichter verlieren die Containance, sobald wir in ein richtig heißes Land reisen. Ordentlich rot gebrutzelt wollen wir schließlich sein bei der Rückkehr, damit bloß niemand im gemäßigten Deutschland daran zweifelt, dass in Wahrheit ein südländischer Vulkan in uns brodelt. Gegen die rote Färbung an sich ist dabei eigentlich gar nichts einzuwenden. Die Eingeborenen im brasilianischen Dschungel tragen schließlich auch Rot, allerdings nicht als unbedachtes Opfer, sondern in wohlüberlegter Abwehr gegen die Sonne.
Sie schmieren sich eine fette Schicht Urucum auf die Haut. Das rote Pulver aus einer Baumfrucht enthält Vitamin A und Beta-Karotin und schützt nicht nur gegen Sonne, sondern auch gegen Stechviecher. Obwohl die wenigsten Hitze-Urlauber sich komplett im Urwald verschanzen wollen, gibt die Indianerpaste doch den grundsätzlichen Tipp in Sachen Outfit: Haut bedecken.
Doch dafür ist es bei uns zu spät. Unsere kleinen grauen Zellen sind längst zusammengeschröggelt, tragen wir doch weder Turban noch Tuch noch Wollmütze, um unser Hirn vor der Strahlung zu bewahren. So stapfen wir halbnackt durch religiöse Gedenkstätten und muslimische Länder, ohne wahrzunehmen dass die Einheimischen in Petra und am Taj Mahal lange Gewänder tragen und die Hemdsärmel in der Sonne immer unten sind.
Der neue Gott holt den Herbst in die Hitze
Schon mal einen Wüstensohn mit Spagettiträgern gesehen oder Andalusier um zwei Uhr nachmittags auf der Straße? Sonne ist böse, Schatten ist gut, und wenn es keinen gibt, hüllt sich der Hitzeprofi in lange, luftige Stoffe, unter denen er ein bisschen schwitzen kann, und der Schweiß sorgt unter dem leichten Material gleich für Abkühlung. Die Schweißdrüsen sind schließlich unsere natürliche Klimaanlage - die mancher Mitteleuropäer sich wegoperieren lässt, um hässliche Flecken auf dem T-Shirt zu vermeiden.
Nein, uns an den Sonnenexperten zu orientieren, liegt uns fern. Statt dessen machen die uns alles nach. Mitteleuropa ist das Land ihrer Träume, und so streben sie nicht nur nach bauchfreien Shirts und dicken Autos, sondern auch nach dem herbstlichen Klima der gemäßigten Breiten. Ihr neuer Gott hängt an der Wand, brummt und kühlt Innenräume bei 40 Grad Außentemperatur auf 18 ab. Wer also in einem heißen Land ein Kaufhaus betreten will, mit dem Bus fahren oder gar einen Kinobesuch plant, sollte auf keinen Fall Winterpulli und Schal vergessen. Wenn das so weitergeht, wissen bald nur noch die Kamele, was bei Hitze zu tun ist.
beu/news.de
Es ist die Anzahl der Sonnenbrände,die dass Hautkrebsrisiko steigen lässt. Dieser Artikel war seit Jahren überfällig!!
jetzt antwortenKommentar meldenAls Touri hat man halt meist nur ein bis zwei Wochen. Und dass man dann mal auch gerne das genießt, was man sonst nicht hat - Sonne satt - ist wohl jetzt schlimm? Es ist halt mal schön sich einfach mal beheizen zu lassen. Soll sich doch jeder den Sonnenbrand holen, den er will. Das die Kleidung in einigen Ländern eher empörend für die Einheimischen ist, dass ist ja nen ganz anderer Drops, der gelutscht werden will. Gruß
jetzt antwortenKommentar meldenSpruch am Mittelmeer: Nur Esel und Touris gehen in die Sonne.
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