Sa., 26.05.12

Unterricht à la DDR 12.07.2011 In 45 Minuten zum perfekten Mitläufer

DDR-Unterricht (Foto)
Die Leipziger Lehrerin Elke Urban lässt den DDR-Schulalltag aufleben. Und fordert Jugendliche zum Rebellieren auf.   Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Jan Grundmann, Leipzig

Pioniere und Propaganda: Eine Leipziger Lehrerin lässt Jugendliche die DDR-Diktatur erleben - in einer Schulstunde anno 1985. Im einzigartigen Live-Experiment sollen sie das Rebellieren lernen. Etwa, wenn Micky Maus zum Klassenfeind stilisiert wird.

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Der Unterrichtsraum hat seinen ganz eigenen, leicht miefigen DDR-Charme. Mit seinem robusten und leicht abwaschbaren Linoleum-Boden, den Sprelacart-Tischbänken und dem unverkennbaren Porträtfoto Erich Honeckers, das in wohl jedem offiziellen Raum der DDR hing. Dazu ein breitformatiges Bildnis agitatorischer DDR-Kunst: Schulkinder mit Pionier-Halstuch überreichen Arbeitern Blumen, im Hintergrund glänzen Plattenbauten und Kühlturme, die den industriell-sozialistischen Fortschritt zeigen.

Wären wir hier in einem fleischgewordenen Good-Bye-Lenin-Verschnitt, dann würden jetzt wohl verklärende, lustige Episoden aus dem DDR-Schulalltag folgen. Doch das Klassenzimmer im Leipziger Schulmuseum wird zu einem anderen Zweck genutzt. Elke Urban, eine aus christlichem Elternhaus stammende ehemalige Französisch- und Musiklehrerin aus dem thüringischen Altenburg, hat sich ein Buch besonders zu Herzen genommen: Die Welle des US-Autors Todd Strasser, in dem ein Lehrer seine Schüler zu Handlangern eines diktatorischen Systems ausbildet - um zu zeigen, wie aufmerksam ein Drittes Reich auch heute noch abgewehrt werden muss.

Immer bereit - für Frieden, Sozialismus und Propaganda

Elke Urban ist heute Leiterin des zum Großteil von der Stadt Leipzig finanzierten Museums und will Schülern, die erst nach der Wende geboren worden sind, zeigen, wie perfide die DDR-Agitation im Unterricht war. «Ihr sollt merken, wie schnell ihr zu Mitläufern werdet», sagt sie zu den Achtklässlern eines Leipziger Gymnasiums, die gleich eine Dreiviertelstunde Diktatur-Unterricht erleben werden. 14 Jahre jung sind sie. «Versucht, mir so oft wie möglich zu widersprechen», fordert Elke Urban sie auf. «Und denkt daran, es ist ein Theaterstück», sagt sie, bevor sie verschwindet, alle Schüler ihr blaues Jungpionier-Halstuch umbinden und die Museumsleiterin als schmeichelnd-peitschende Heimatkunde-Lehrerin Frau Lehmann den Raum betritt. «Für Frieden und Sozialismus, seid bereit», ruft sie der Klasse streng entgegen.

Die Grußformel, auf die die Schüler nun mit einem zuvor eingeübten «Immer bereit» reagieren, die rechte Hand an die Stirn angewinkelt. Die Diktatur-Demonstration soll Heimatkunde simulieren, ein Unterrichtsfach, das sich um die Schönheit der DDR drehte, den kommunistischen Kampf gegen den Nationalsozialismus ausweidete und die Errungenschaften des real existierenden Sozialismus preiste.

Angriffspanzer im Westen, Verteidigungsmilitaria im Osten

Und weil die Errungenschaften nur den treuen Systemanhängern zuteil werden, bekommt Schülerin Anja gleich mal eins auf den Deckel. «Du bist ja kein Pionier, weil deine Eltern das nicht wollen», sagt Elke Urban in ihrer Rolle als Lehrerin Lehmann. «Aber du hast gute Noten, du willst doch bestimmt studieren, oder? Ich könnte dir helfen.» Ein Ja zum Jungpionier, so deutet es die Lehrerin an, würde reichen. Doch kein Klassenkamerad springt der Anti-Pionierin bei.

Zwischen Haushaltstipps («Dederon darf man nicht kochen») und gesungenen Pionierliedern («Seid bereit ihr Pioniere») verabreicht Elke Urban immer wieder kleine Portionen Propaganda. Rebellion ist erwünscht, doch sie bleibt selten. Im Westen würden kommunistische Lehrer, die sich für den Frieden einsetzen, in Armut und Obdachlosigkeit gedrängt, berichtet die Lehrerin. Der Westen sei der Kriegstreiber, der Osten hingegen habe nur Verteidigungspanzer.

Zwei Stundenabbrüche in vier Jahren

Nur einer muckt auf: Maik, so steht es auf seinem Namensschild. Doch jedes Aufbegehren wird weg argumentiert. Seit vier Jahren macht Elke Urban diesen Unterricht - und nur zweimal habe sie eine Stunde vorzeitig beenden müssen, weil sich Schüler-Gegenwehr regte und sie die Hülle der diktatorischen Agitation nicht mehr aufrecht erhalten konnte. Ein Schüler habe einen Fleck auf der Bank säubern sollen. «Er nahm dazu sein Halstuch, das habe ich ihm weggenommen.» Doch er machte weiter, ließ sich die Halstücher seiner Nachbarn geben. Irgendwann resignierte Elke Urban als DDR-Lehrerin.

Beim zweiten Mal agitierte Urban gerade über die BRD als Kriegstreiber. Ein Schüler meldete sich, stand auf und fragte höflich, ob dann auch Micky Maus ein Kriegstreiber sei. «Ich konnte nicht mehr vor Lachen und musste die Stunde abbrechen», sagt Urban. In der Auswertung nach der Stunde bemüht sie sich, den Schülern nochmal den Sinn des Experiments zu verdeutlichen. «45 Minuten haben gereicht, und ihr wart die perfekten Mitläufer.» Sie sieht im DDR-Experimentalunterricht eine gute Methode zur Demokratieerziehung. «Widersprechen muss man in der Schule lernen», fordert sie. «Sonst wird man zum Duckmäuser, so wie wir es in der DDR waren.»

beu/news.de
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