Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus
Dänemark bewacht ab heute wieder seine Grenzen. Nicht nur im Großen, auch im Kleinen sind sie uns wichtig. Gut sichtbar stellen wir Zäune auf, damit unser Garten auch unser Territorium bleibt. Nur bei den unsichtbaren Grenzen sind wir fahrlässig.
Ein Spaziergang durch ein Wohngebiet: Der Bürgersteig ist sauber, ordentlich wechseln sich helle und rote Steine ab. An den Grundstücksgrenzen zeigen kleine Zäune auf, dass hier der private Bereich beginnt: das Reich der Hausbesitzer.
Wir ziehen gerne Grenzen, bewachen und schützen sie. Dänemark kontrolliert ab heute das erste Mal seit zehn Jahren sogar wieder an seinen Landesgrenzen, Beamte überprüfen Pässe und Autos. Gut sichtbar.
Wir ziehen auch im Kleinen Grenzen. Manchmal solche, die jeder sehen kann. Grenzen, die unseren Mitmenschen sagen: «Bis hier und nicht weiter» und uns ein Stück Privatspähre geben. Die Sonnenbrille, die wir beim Spaziergang durch die Innenstadt aufsetzen. Der Zaun vor unserem Grundstück. Die Pergola in unserem Garten.
Der nachbarschaftliche Kleinkrieg am Gartenzaun
Experten glauben, dass ein Grund für die Begrenzung unserer Welt ist, dass trennscharfe Abgrenzungen immer mehr verschwinden. Das Handy lässt Arbeit und Freizeit miteinander verschwimmen, Smartphones halten uns immer mehr auf dem Laufenden. Auf der einen Seite genießen wir es, immer erreichbar zu sein. Auf der anderen Seite suchen wir immer mehr nach dem Gefühl, unseren eigenen Bereich zu haben, einen Teil, den wir kontrollieren. Privatheit und Öffentlichkeit sind wie zwei Soßen auf einem Teller: verlaufen.
Nicht ohne Grund gibt es immer wieder wahre Kleinkriege um die Grundstücksgrenzen. Der Streit um den Maschendrahtzaun bei Stefan Raab beschäftigte die Medien 1999 wochenlang. Und vor einigen Wochen startete RTL die dritte Staffel seiner Dokutainment-Serie Nachbarschaftsstreit, in der ein Mediator versucht, für Frieden an der Grundstücksgrenze zu sorgen. An der beginnt nämlich unser privates Leben - und das lassen wir nicht gerne beschneiden.
Bei den nicht-sichtbaren Grenzen handeln wir häufig fahrlässig
Doch während wir mit unserem Nachbarn über seinen Apfelbaum streiten, der wurmbefallene Äpfel auf unser Grundstück fallen lässt, kann er im Internet alles über uns nachlesen. Unsere Essensvorlieben, unseren Beziehungsstatus, das peinliche Foto von der Party am Samstag. Wir sind bei unseren nicht-sichtbaren Grenzen sehr viel fahrlässiger als bei den sichtbaren.
Die Grenze schließt uns ein. Und die Menschen außerhalb der Absperrung eben aus. Wir - innerhalb des Jägerzauns - sind exklusiv und wollen es auch bleiben. Deshalb der misstrauische Blick über den Zaun. Wer zu uns herüberdarf, ist dann unsere Entscheidung. Wer durch die Gartenpforte kommt, wer hinter unsere Sonnengläser sehen darf.
Noch mehr sichtbare Grenzen im Privaten sehen Sie in unserer Bilderstrecke.
kru/news.de