Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Er war Elvis im Musical und wurde verhaftet, weil er laut das Ave Maria sang. Opernsänger Mark Janicello hat seine Biographie veröffentlicht, die sich liest wie ein verrücktes Drehbuch. Über das Leben eines Ex-Scientologen, der für Religionsfreiheit singt.
Noch so ein Erfahrungsbericht von einem Scientology-Aussteiger? Noch dazu hinter diesem schmierigen Cover, das offenbar den Untiefen der 1980er entrissen wurde? Fett schreien rote Lettern auf schwarzem Grund Nackt im Rampenlicht, das freigestellte, glattrasierte Gesicht mit dem sanften Lächeln kann nur der Autor sein. Mein Leben mit Sex, Singen und Scientology, verspricht der im Untertitel. Porno-Geschichten mit Sektenhintergrund? Und von der beiliegenden CD dringt im Eurodance-Stil die Aufforderung Push It Now. Puh, das braucht kein Mensch.
Doch der Mensch, der im YouTube-Video dem Schweizer Interviewer Patric Kees gegenübersitzt, ist total sympathisch. Ja, er ist das freigestellte Gesicht, aber er spricht so ein erfrischend amerikanisch gekautes Deutsch, dass sein supersmarter Ausdruck gar nicht negativ ins Gewicht fällt. Doch, dieser Mark Janicello hat seinen Reiz. Er legt die den Amis eigene Offenherzigkeit an den Tag, mit der man ihm nicht einmal die Mitgliedschaft bei Scientology übel nehmen kann.
Sollte man meinen. Die Geschichte jedoch, die Mark Janicello erzählt, ist knallhart. Nicht unbedingt, weil er als kleiner Junge von seinem Zahnarzt vergewaltigt wurde. Nicht, weil er sich als junger Sänger in New York seine Arrangements erschlafen musste. Auch nicht, weil Janicello zehn Jahre lang bekennender Scientologe war.
Das alles wäre lauwarm tragisch-trivial, ein mäßig interessanter Stoff für die Biografie von einem, den hierzulande kaum jemand kennt. Aber echt erschreckend ist, was in Deutschland mit ihm passierte, eben weil er ein Scientologe war. Nein, Nackt im Rampenlicht ist kein Aussteigerbericht. Janicello hat Scientology verlassen, aber nicht, weil er von der Kirche getriezt oder geschröpft worden wäre. Sondern weil ihn seine «Glaubensbrüder» im Stich ließen, als er wegen der Zugehörigkeit zu ihrer Gemeinschaft seine Existenz verlor.
Der gefeierte Elvis wird verhaftet
Mark Janicello ist Sänger und er ist ein Showman. Deshalb ist seine Biographie, obwohl sie in Buchform daherkommt, eine schreiend bunte, gesungene Ein-Mann-Show. Deshalb überfällt er uns gleich nach der Einleitung mit einem Lied: «Glaub an dich, von Anfang an, glaub an den Zauber, tief drin in deinem Herz.» Janicello genoss eine klassische Gesangsausbildung in New York, wurde zum gefeierten U-Bahn-Musiker und kämpfte sich durch die Fegefeuer der Vorsingen bis in die Carnegy Hall. Doch dann gewann er einen Talentwettbewerb auf dem Times-Square mit seiner selbst erfundenen Symbiose aus Elvis und Pavarotti.
Und obwohl Elvis ihn nie interessierte, wird Mark Janicello 1997 die Reinkarnation des King in Westeuropa in seiner Show Elvis: A Musical Celebration. Doch sein beruflicher Höhenflug dauert nicht lange an: Im August 1998 gibt er in Innsbruck ein Konzert für Religionsfreiheit - und da beißen sich die Medien an ihm fest. Kein einziges Mal sei er um eine Stellungnahme angefragt worden, wenn man ihn als Scientologen auf den Titelseiten der Zeitungen verunglimpft habe, schreibt Janicello.
Der Höhepunkt ist die Festnahme in München 1998, als er wieder einmal mit anderen Scientologen und Menschenrechtlern für Religionsfreiheit demonstriert. Von da an ist es vorbei. Janicello nennt es eine Hexenjagd. «Ich stand auf der schwarzen Liste jedes staatlich geführten Theaters, Festivals, Radio- und Fernsehsenders in Deutschland, Österreich und der Schweiz.»
Deutschland ist nicht erprobt in Sachen Religionsfreiheit
Es geht in Nackt im Rampenlicht nicht um Scientology. Es geht um Freiheit. «Was für dich wahr ist, ist wahr. Punkt», schreibt Janicello im ersten Akt seines Buches. Hierzulande herrscht Glaubensfreiheit und Meinungsfreiheit, so steht es in Artikel 4 und 5 des Grundgesetzes. Dennoch ist Deutschland in Sachen Religionsfreiheit nicht sonderlich erprobt, gibt der Leipziger Religionswissenschaftler Professor Hubert Seiwert zu.
Er saß 1998 mit in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zu «So genannten Sekten und Psychogruppen». Die Fachleute stellten abschließend fest, dass keine Gefahr von den Sekten ausgeht. Inzwischen habe sich die Sekten-Panik hierzulande auch weitgehend gelegt, sagt Seiwert. Außer gegen Scientology. «Aber Scientologen werden viel zu genau beobachtet, als dass sie irgendetwas tun würden, was ansatzweise justiziabel wäre. Und Prozesse gegen Scientology gibt es ja nicht», sagt der Wissenschaftler.
Warum sich die Deutschen so schwer tun mit abweichenden Glaubensrichtungen kann auch Seiwert nicht definitiv beantworten. Die Tradition der Volkskirchen und ihre enge Verbindung zum Staat trage dazu bei, meint er. Auch, dass wir hier religiöse Pluralität nicht gewohnt sind und die kirchlichen «Sektenbeauftragten» gezielt Stimmung machen gegen religiöse Minderheiten.
Für Mark Janicello aus dem religiösen Melting Pot USA völlig ungewohnte Zustände. Mit seiner John-Wayne-Mentalität sei er davon ausgegangen, dass das in einer Demokratie alles kein Problem ist. «Als ein in Europa lebender Amerikaner hätte ich nie für möglich gehalten, dass die Art der Diskriminierung, die ich am eigenen Leib erfahren habe, überhaupt existiert», schreibt er.
Bei Supertalent: «Sie sollten niemals Elvis singen»
Das Ende seiner Leidensgeschichte ist ein Brief an den Verfassungsschutz, in dem er tut, was er lange vermieden hatte: Er distanziert sich offiziell von Scientology. Seitdem bekommt er wieder Aufträge.
Ach ja, der Titel Nackt im Rampenlicht hat übrigens gar nichts mit Porno zu tun. Janicello verknüpft hier zwei Tiefpunkte seiner Karriere, in denen er allein auf der Bühne stand und ausgebuht wurde - der Albtraum jedes Künstlers. Beim ersten Mal war er sehr jung und dummerweise weiß, denn es handelte sich um ein Programm des schwarzen Entertainers Bill Cosby.
20 Jahre später dann, im Jahr 2009, unternahm er diesen verzweifelten Comebackversuch. Bei Dieter Bohlens Supertalent wollte er es Deutschland und der Musikbranche zeigen. Doch er wurde auf Scientology angesprochen, und obwohl seit sechs Jahren kein Mitglied mehr, war er nicht bereit, die Gemeinschaft als Sekte zu verteufeln. Also flog er raus und keine Szene mit ihm wurde je gesendet. Das Urteil der Juroren über den erfolgreichsten Elvis-Imitator im deutschsprachigen Raum: «Tut mir leid, aber Sie sollten niemals Elvis singen.»
Mark Janicello ist heute um 11.45 Uhr in der MDR-Sendung MDR um zwölf zu Gast.
Das beste Zitat: «Ich war der Idiot, der für Scientology eingetreten ist. Mark Janicello hat keine Feinde, die gegen ihn protestieren. Scientology hat sie. Die Demonstranten trugen ‹Scientology kills›-T-Thirts, nicht ‹Mark Janicello ist ein Arschloch›-T-Shirts.»
Mark Janicello: Nackt im Rampenlicht
Ibera-Verlag
416 Seiten
24,90 Euro
Es ist wirklich unfassbar, wie ihm als Scientologe mitgespielt wurde. Leider ist das in Deutschland kein Einzelschicksal sondern die Verunglimpfung von Scientologen hat Methode. Dieser Artikel ist erfreulich frei von der "üblichen" Hetze. Danke dafür!
jetzt antwortenKommentar meldenDer Drang des homo sapiens nach "Freiheit" ist uralt, ist im Zusammenspiel mit den Begriffen "Menschenwürde und Men- schenrechte" ein Grundbedürfnis. Um den Geist der Freiheit rangen in der zigtausendjährigen Menschheitsgeschichte Ge- nerationen unserer Altvorderen. Auch der moderne Mensch ringt noch immer darum. Mark Janicello, der es wagte, mit Plädoyers dafür einzutreten, erntete bittere Jahre. Ich habe seine Autobiographie gelesen, dabei Tränen vergossen, war tief berührt. In Gegenüberstellung zu Janicello ein Zitat "Der Menschenwürde frei geboren, und dennoch liegt er überall in Ketten".
jetzt antwortenKommentar meldenDieser Artikel ist endlich ein objektiver Artikel. Was ein Mensch denkt und macht geht niemanden etwas an, solange er keine Gesetze bricht. Es ist doch ein Schwachsinn jemanden ob seiner Zugehörigkeit bzw. seiner ehemaligen Zugehörigkeit zu verurteilen. Wenn jemand so eine schöne Stimme hat ist es ein Verbrechen ihn am Singen zu hindern. Glauben Sie aber nicht, daß diese Dinge nur beim Verfassungsschutz geschehen, das gibt auch bei unserer Staatspolizei. Hoffentlich hat Mark Janicello das alles ohne Seelenschaden überstanden und er hat jetzt, nach Buch seinem ein halbwegs glückliches Leben
jetzt antwortenKommentar meldenIch habe mir das Buch gekauft, weil ich Herrn Janicello im Deutschen Theater als Elvis erlebte. In der Vorstellung in der ich damals war, fiel durch ein Gewitter die gesamte Technik aus. Er rettete diese Situation, indem er ohne Technik sang. Das ging unter die Haut. Wir werden das nie vergessen. Ich war glücklich als ich ihn im Internet wieder fand. Ich war erschüttert über sein Leid zu erfahren. Ich habe das Buch ohne abzusetzen gelesen. Wenn ich es in dem Buch nicht gelesen hätte würde ich es nicht glauben, dass so einem Künstler wegen seines Glaubens jahrelang nicht erlaubt wird zu singen.
jetzt antwortenKommentar meldenDeutschland kurz scharf nachdenken: So wie in Frankreich, Belgien, Australien, Rußland, England und überall da, wo man erkennt, wie verbrecherisch sie ist... Was ist blinder als blind, der Verfassungsschutz oder dann ist die Aussage falsch. Meiner Kenntis nach dauert das schon Jahre.
jetzt antwortenKommentar meldenAch Shawn...wer sagt mir denn, dass Sie nicht direkt von einem Verfassungsschutztisch hier rein posten? Sie müssten ja dann wissen dass sehr viele Länder Scientology als Religion anerkannt haben, auch z.B. Australien. Wenn man auf der Webseite scientology-fakten.de die Hintergründe der Kontroverse nachliest, dann wundert man sich am Ende nur noch, wie hier in Deutschland mit Falschinformationen hausiert wird. Darunter auch der Verfassungsschutz selber, der die Glut schüren will. Janicello geriet hier in die Schusslinie...
jetzt antwortenKommentar meldenEin großer Teich war zugefroren; die Fröschlein, in der Tiefe verloren, durften nicht ferner quaken noch springen, versprachen sich aber im Traum, fänden sie nur da oben Raum, wie Nachtigallen wollten sie singen. Ein Tauwind kam, das Eis zerschmolz, nun ruderten sie und landeten stolz und saßen am Ufer weit und breit und quarkten wie vor alter Zeit - die Frösche...
jetzt antwortenKommentar meldenIn rund 50 Gerichtsentscheidungen bis hinauf zum Bundesverwaltungsgericht ist Scientology unter den Schutz des Grundgesetzes, Artikel 4, gestellt worden. Dennoch sind Tausende von Scientologen in Deutschland ausschließlich aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert worden. Einiges davon ist in rund 50 Menschenrechtsberichten unterschiedlichster Gremien nachzulesen. Nach fast 40 Jahren ergebnisloser Untersuchungen durch so ziemlich alle namhaften Behörden unseres Landes beginnt sich die Situation leicht zu entspannen. Aber viele haben unverschuldet darunter leiden müssen.
jetzt antwortenKommentar meldenAuch wenn die Scientologen Moser und M. (*lol*) noch so bemüht unschuldig tun, Scientology ist eine Organisation, die den Staat unterwandern will, dafür gibt es genug Beweise. Nur die Amis mit ihrer Unterstützung für Scientology verhindern letztlich ein Verbot. Wer den Verfassungsschutz befragt, wird danach verstehen, worum es geht. Scientology ist eben keine Religion, sondern ein Konzern. Und nicht der einzelne Scientologe ist das Ziel, sondern die Organisation. So wie in Frankreich, Belgien, Australien, Rußland, England und überall da, wo man erkennt, wie verbrecherisch sie ist. R.I.P. Shawn
jetzt antwortenKommentar meldenJa, leider gibt es diese Diskriminierung der Scientologen in Deutschland. Ich selbst habe es erlebt, wie ein mir nicht unsympatischer Unternehmensberater von einer Sekunde auf der anderen die Firma verlassen musste. Im Gegensatz zu anderen Beratern, hatte gerade dieser Berater einige positiven Veränderungen in unserer Firma verursacht. Grund war ein Google-Eintrag, der diesen Berater outete. Es scheint in Deutschland Menschen zu geben, die gezielt Scientologen heraussuchen, um sie zu outen, damit diese ihre Existenz verlieren. Genauso wie es bei Herrn Janicello der Fall war. KuniM
jetzt antwortenKommentar meldenWie es im Artikel steht, habe ich mich immer NUR für Menschenrechte geäussert, und kam in den Schussfeld von die feinde von SCN. Das Scientology mich komplett im Stich gelassen hat, müss SCN selbst verantworten. Natürlich, in den Jahren seit meine 2003 Ausstieg,habe ich einen anderen Abstand und ein andere Sichtpunkt gekriegt zu vieles innerhalb den SCN Welt und bin froh nicht mehr ein Teil von SCN zu sein. Ich bin sehr dankbar das News.de hat den MUT nicht nur über mein Aussteig von SCN zu berichten, sondern auch über die Menschrechte verletzungen welchen ich erlebt habe.
jetzt antwortenKommentar meldenInteressante Story, die zeigt was an Diskriminierungen hinter den Kulissen abgeht. Jedes Jahr werden internationalte Menschenrechtsberichte veröffentlicht, die derartige Vorkommnisse bekanntmachen. Leider gibt es aber noch einige Behördenvertreter und Bürger, die die Menschenrechte weder kennen noch umsetzen. Es ist wichtig, dass auch diese Anti-Scientology Polemik thematisiert wird.
jetzt antwortenKommentar meldenEin erschreckendes Armutszeugnis für unser Land. Die Kräfte der Intolerenz, der widerliche Inlandsspionagedienst, der sich grundgesetzwidrig auf ein Feld begeben hat, wofür er nicht im Mindesten zuständig ist, all das würde man eher in der schrecklichen deutschen Vergangenheit in West und Ost vermuten, aber nicht in der Gegenwart.
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