Sa., 26.05.12

Versuchstiere 26.06.2011 Wenn die Ente zur Maschine wird

Tote Ente (Foto)
Eine tote Ente wird seziert. Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus

Aufgeschnitten und weggeworfen: Noch immer werden in der Wissenschaft unzählige Tiere zu Versuchszwecken benutzt. Rund 2,8 Millionen Tiere sterben so jedes Jahr. Dabei muss das nicht sein - es gibt genügend Alternativen zum Frosch und zum Vogel.

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Langsam sinkt das Messer in die weiche Haut, Blut quillt hervor, läuft an den Seiten des kleinen Körpers herab auf die blitzende Oberfläche des Labortischs. Alltag für Studenten der biologischen, medizinischen und veterinärmedizinischen Fakultäten in Deutschland - Übungen am ehemals lebenden Objekt, einem Frosch. Einem Vogel. Oder einem Regenwurm. Tierversuche.

Der Bundesverband der Tierversuchsgegner hat nun eine Studie veröffentlicht und die Bedingungen an deutschen Universitäten verglichen: Wo können Studenten der obigen Wissenschaften ohne Tierversuche durchs Studium kommen? Denn: ethische Gründe verhindern oft das Weiterkommen im Studium. Weil Vegetarier sich weigern, einen Frosch aufzuschneiden. Oder ein angehender Tierarzt Tieren helfen möchte, nicht töten.

«Tiere werden zu Messinstrumenten degradiert»

Genau aufgelistet sind in der Studie die Universitäten mit den einzelnen Lehrveranstaltungen. Ein grüner Punkt in der Ethik-Rangliste bedeutet: hier wird statt mit Tieren mit Modellen oder bestimmter Software gearbeitet, rot bedeutet: hier werden Tiere aufgeschnitten. Schlechte Karten für Tierfreunde.

Und die Zahl der für die Wissenschaft getöteten Tiere ist hoch. Silke Bitz, Sprecherin der Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche, nennt eine Zahl: «2,8 Millionen. Jedes Jahr.» Dazu gehören jedoch nicht nur Universitäten, auch Labore und Forschungseinrichtungen. Trotzdem: eine hohe Zahl.

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«In Tierversuchen werden Tiere zu Messinstrumenten degradiert, die nach Gebrauch weggeworfen werden», sagt sie. Dabei sind die Ergebnisse von Tierversuchen gar nicht sicher: Nach Angaben der Organisation sterben in jedem Jahr rund 58.000 Menschen deshalb an Medikamenten, weil die Präparate zwar an Tieren für sicher befunden wurden, diese Ergebnisse aber nicht auf den Menschen übertragbar sind.

Wie reagieren Meerschweinchen auf Gewehrsalven?

Als Beispiel nennt Silke Bitz die Mäuse. «Wird eine Sonnencreme an Hautzellen getestet, die von Mäusen stammen, kann man nicht vorhersehen, wie die menschliche Haut oder gar verschiedene Hauttypen reagieren werden», sagt sie. Viel zu groß seien die Unterschiede im Aufbau der einzelnen Hautschichten von Maus und Mensch. 67 Prozent aller verwendeten Tiere sind Mäuse.

Ohnehin, stellt Ärzte gegen Tierversuche fest, sind viele Tierversuche unnötig. «Es gibt Tierversuche, die könnten ersatzlos gestrichen werden.» Wie ein Test an der Uni Mainz. Um herauszufinden, wie Meerschweinchen mit einem akuten Lärmtrauma umgehen, wurden die Ohren der Tiere mit rund 155 Dezibel beschallt - das ist die Lautstärke eines Gewehrschusses. Danach wurden die Tiere getötet. Oder in Wilhelshaven: Dort gab man Möwen sechs Tage lang nichts zu essen - weil Wissenschaftler herausfinden wollten, wie lange die Tiere hungern können bis sie sterben.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Tiere durch Modelle ersetzt werden können

Dabei muss das alles gar nicht sein. Auch wichtige Untersuchungen, die Studenten zu Lernzwecken machen müssen, können mittlerweile ohne Tiere gemacht werden, erklärt Astrid Schmidt vom Bundesverband der Tierversuchsgegner, es gibt mittlerweile viele Alternativen zum lebenden Tier. Die nicht nur moralisch vertretbarer sind, sondern auch kostengünstiger. Eine bestimmte Software beispielsweise, die Tiere in 3D zum Leben erweckt und von den Studenten auch beschriftet werden kann - so reicht eine Animation für eine lange Zeit. Tiere fangen irgendwann an zu verwesen.

Doch eigentlich muss auch gar nicht ganz auf Tiere verzichtet werden. Die so genannten Spendertiere werden nach ihrem Tod der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Die geliebte Katze beispielsweise, die nach ihrem Tod noch den Studenten hilft, die Anatomie des Tieres zu verstehen. Regenwürmer, die tot im Garten liegen. Ein Vogel, der vor die Scheibe geflogen ist.

Ein Selbstversuch prägt sich besser ein

Und schneller, so Silke Bitz von Ärzte gegen Tierversuche, sind die Ausweichmöglichkeiten auch. Menschliche Zellen in Kombination mit einem Mikrochip können innerhalb weniger Tage Ergebnisse liefern - Tests am Tier dauern Monate. Und wer als Student die harmlosen Versuche zu Muskelbewegung an sich selbst macht, entlastet nicht nur ein Tier, sondern «prägt sich das Ergebnis auch viel besser ein».

Die Möglichkeiten sind zahlreich. Richtige Nachbauten von Tieren mit einem kleinen Motor, die so genannten Phantome, ermöglichen angehenden Tierärzten erste Untersuchungen oder Übungen für Erste-Hilfe-Maßnahmen. Modelle aus Kunststoff können auch kleine Organe vergrößert darstellen - und erleichtern den Studenten das Lernen und schreien nicht, wenn man beim ersten Versuch, Blut abzunehmen, gnadenlos scheiert.

Und für Tiermediziner hat Silke Bitz einen ganz einfachen Vorschlag:  Sie können direkt am Patienten üben. In einem Praktikum. Wie es die Ärzte für Menschen auch tun.

Weitere Tierversuche sehen Sie in unserer Bilderstrecke.

cvd/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Antonietta
  • Kommentar 1
  • 27.06.2011 08:15
 

Das Schmerzmittel Acetylsalicylsäure wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Felix Hoffmann entwickelt. Damals waren noch keine Tierversuche vorgeschrieben. Seit der Erfindung des Medikaments haben Patienten mehr als eine Billiarde Tabletten davon geschluckt. Hätte man aber damals schon die Wirkung an Mäusen erprobt, wäre das Medikament wohl nie zugelassen worden. Denn der Wirkstoff ist für Menschen gut verträglich, für die Maus jedoch hochtoxisch. Die Mäuseleber verarbeitet viele Stoffe ganz anders als die menschliche Leber.

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