Sa., 26.05.12

Aktionsplan 19.06.2011 Behinderte zeigen, wo's lang geht

Kliniklotsen (Foto)
Behinderte führen durch die Jenaer Uni-Klinik. Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

100 Millionen Euro soll es geben, um Behinderte besser zu fördern. Doch der Aktionsplan der Bundesregierung ist eine Mogelpackung, die auch der UN-Konvention nicht gerecht wird. Dabei gibt es so gute Beispiele, wie Inklusion funktionieren kann.

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Das Jenaer Uniklinikum ist groß und undurchsichtig. Dieses Farbleitsystem, das durch die langen Gänge führt, muss man erstmal verstehen. Doch zum Glück gibt es vier Menschen, denen ist es in Fleisch und Blut übergegangen. Seit drei Jahren empfangen sie die Besucher und führen sie zielsicher zur richtigen Station. Die vier sind körperlich und geistig behindert, auf dem Arbeitsmarkt sind sie eigentlich chancenlos. Doch statt isoliert und ausgegrenzt in einer Behindertenwerkstatt geparkt zu werden, haben sie hier im Klinikum eine echte Aufgabe.

«Mit ganz anderen Anforderungen und einem enorm gesteigerten Selbstbewusstsein», sagt Annelie Lohs, die beim Saalebetreuungswerk für die Kliniklotsen zuständig ist. Zwar gehören die vier formell noch zur Werkstatt, doch inzwischen hält Lohs einen fließenden Übergang in den Arbeitsmarkt für möglich. Die Besucher des Krankenhauses sind im dritten Jahr inzwischen über die Skepsis- und Überraschungsphase hinaus und gehen von sich aus auf die Lotsen zu.

Das ist Integration. Aber es ist mehr als das. Die verantwortungsvolle Aufgabe der Behinderten verändert den Blickwinkel der Besucher. «Eine Frau aus Erfurt ist kürzlich extra nochmal gekommen, um einen Blumenstrauß zu bringen. Sie war so beeindruckt, weil sie immer dachte, dass ein Rollstuhlfahrer hilfsbedürftig ist - aber nicht, dass er ihr helfen könnte», erzählt Lohs.

Was da in Jena passiert, ist ein leises Beispiel für Inklusion: Ein allmählicher Wandel der Perspektive, bei dem Anderssein nicht integriert wird, sondern von vornherein dazu gehört. Das hat Vorbildcharakter, findet Markus Schäfers vom Bundesverband Lebenshilfe und Redakteur der Zeitschrift Teilhabe. So könnte es überall sein. Sollte es eigentlich.

100 Millionen für den Arbeitsmarkt - das klingt mehr als es ist

Zwischen abgeschotteter Parallelwelt, Integration und Inklusion bewegt sich die Situation der Behinderten in Deutschland. Eigentlich gibt es klare Vorschriften von den Vereinten Nationen. Die UN-Konvention von 2008 verlangt von allen Beitrittsstaaten, Behinderten Chancengleichheit zu ermöglichen - und zwar durch soziale Inklusion.

Am Mittwoch hat Arbeitsministerin Ursula von der Leyen einen sogenannten Aktionsplan vorgestellt, der unter diesem Leitgedanken steht, wie sie betonte. «Initiative Inklusion» heißt denn auch ein Teilaspekt, der mit 100 Millionen Euro die Chancen der Behinderten im Arbeitsleben verbessern soll. Das klingt vielversprechend. Doch die Sozialverbände sind nicht recht zufrieden mit dem Werk der Ministerin.

Die Referentin für Sozialpolitik beim VdK, Dorothee Czennia, ärgert vor allem, dass die Bundesregierung in einen Aktionsplan verpackt, was eigentlich ganz originäre Aufgabe der Arbeitsagenturen ist: die Berufsorientierung und Vermittlung auch der 9,6 Millionen behinderten Bürger. «Wir würden uns wünschen, dass dies aus den Haushaltsmitteln der Bundesagentur bestritten und in den Regelinstrumenten festgelegt wird. Es ist der falsche Weg, die Mittel um Milliarden zu kürzen und dann Dinge, die sowieso erledigt werden müssen, in Projekte zu verschieben. Und noch dazu zeitlich begrenzt», betont Czennia.

Letztlich packe die Initiative der Bundesregierung Probleme nur punktuell an, statt langfristig Ziele zu definieren. Zum Beispiel bei der Berufsorientierung für schwerbehinderte Schüler. Zwei Jahre lang sollen pro Jahr 10.000 Schüler gefördert werden. Und dann? Und was ist mit den anderen? Ähnlich ist es bei den Jobs für Schwerbehinderte über 50 Jahren. 4000 altersgerechte Jobs will das Ministerium schaffen - aber 180.000 Schwerbehinderte sind arbeitslos.

Viele der in dem Plan angekündigten 200 Maßnahmen laufen ohnehin schon, und die 100 Millionen Euro sind keine neu zur Verfügung gestellten Mittel, sondern die regelmäßigen Einnahmen aus den Ausgleichsabgaben der Unternehmen: Jede Firma mit mehr als 20 Angestellten muss fünf Prozent schwerbehinderte Menschen einstellen. Wer die Quote nicht erfüllt, zahlt.

Noch etwas kommt dazu: Der Aktionsplan richtet sich allein an Schwerbehinderte. Doch dieser amtlichen Klassifizierung entspricht nicht die Klientel, die Unterstützung braucht. «Das können auch Menschen sein, die Bluthochdruck haben oder ein Rückenleiden, erklärt Markus Schäfers von der Lebenshilfe. Dafür haben viele Menschen diesen Status nicht, die dennoch Hilfe brauchen.

Bildung: Gezerre zwischen Bund und Ländern statt Inklusion

«Ernüchternd» ist auch das Resümee der Lebenshilfe zum von der Leyenschen Aktionsplan. Beim zentralen Thema Bildung zum Beispiel enthalte er wieder einmal keine klare Aussage. Hauptproblem ist der Föderalismus, die unterschiedlichen Schulgesetze der Länder. Markus Schäfer nennt es einen Eiertanz, dessen Ergebnis schwarz auf weiß so aussieht: 2008 waren 3,3 Prozent der geistig behinderten Schülerinnen und Schüler in Regelschulen integriert, sagen die Statistiken der Kultusministerkonferenz. Verhältnismäßig vorbildlich war dabei Hamburg mit 27,6 Prozent, in Baden-Württemberg hingegen nur 0,4 Prozent.

Wie schwer Eltern es haben, ihre behinderten Kinder auf Regelschulen zu schicken, können Sie hier nachlesen.

Seine heutige Rückständigkeit hat Deutschland seinem fortschrittlichen Sonderschulsystem zu verdanken, das seine Wurzeln schon im 19. Jahrhundert hat. Doch es gibt auch Beispiele, wie Inklusion in der Schule funktionieren kann. Die Sophie-Scholl-Schule in Gießen zum Beispiel. «Alle Menschen sind anders verschieden», ist der Leitsatz, den die ehemalige Leiterin Wiltrud Thies ihr gegeben hat. Deshalb könnten sie voneinander profitieren.

Das Konzept ist nicht neu, sondern hat viel aus der Reformpädagogik übernommen. Kleine Klassen, längeres gemeinsames Lernen, gegenseitiges Helfen auch über die Jahrgangsstufen hinaus, individuelle Lernaufträge, Ganztagsschule mit mehr Zeit zum Lernen, Bewegen und Spielen, viele gemeinsame Feste und Feiern.

Noch so ein Projekt mit Vorbildcharakter für Markus Schäfers. Sicher könne man das System nicht komplett umswitchen, meint er. Deshalb stellt er sich einen beidseitigen Prozess vor, um die in Sonderschulen geballte Kompetenz zu verteilen und die Kosten möglichst gering zu halten. Nicht nur die Regelschulen, auch die Förderschulen könnten sich öffnen, für Schüler ohne Behinderung. Schäfers stellt sich kommunale Bildungslandschaften vor. Wenn Bund und Länder sich schon nicht einigen, setzt er auf die kleinste Verwaltungseinheit, die Kommune. Die hat ursprünglich schließlich auch etwas mit Gemeinsamkeit zu tun.

cvd/news.de
Leserkommentare (4) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • eine Mutter
  • Kommentar 4
  • 22.06.2011 07:02
 

ich finde ja die neue regelung für ERWACHSENE und JUGENLICHE behinderte sehr gut. doch wo bleiben die kinder. mein sohn ist 10 jahre alt und schwerbehindert. er möchte gern sport treiben, schwimmen lernen und das ist anscheinend unmöglich. die sportvereine sind nicht auf behinderte kinder eingerichtet, die öffentlichen bäder auch nicht und selbst kirchliche einrichtungen ( soviel zur nächstenliebe ) sind nicht in der lage meinem kind die gleichen möglichkeiten wie einem gesunden kind zu bieten. also meine meinung ist das mal wieder nur ein bisschen schöngefärbt wird und am ende wird das meiste

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  • Gast
  • Kommentar 3
  • 20.06.2011 12:35
 

Der Artikel ist gut und im Einklang mit dem Weltbehindertenbericht der WHO. Nicht ärgern, wenn sich jemand angegriffen fühlt, liebe Redakteurin.

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  • Michael Ziegert
  • Kommentar 2
  • 19.06.2011 18:42
 

"Doch statt isoliert und ausgegrenzt in einer Behindertenwerkstatt geparkt zu werden..." Sehr geehrte Frau Wiedemeier, so geht es aber nun auch nicht. Einfach mal pauschal Behindertenwerkstätten niederzumachen, ist völlig inakzeptabel. In Deutschland arbeiten über 200.000 Menschen in sogenannten WfbM, die werden da keineswegs nur "ausgegrenzt und geparkt". Gehen Sie mal in eine solche Werkstatt und schreiben Sie was drüber. Danach schreiben Sie so einen Satz (s.o.) bestimmt nie wieder.

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  • gehnicht
  • Kommentar 1
  • 19.06.2011 14:31
 

ja da lehnt sich unsere chrisliche U.von der Leyen Arbeitsministerin wie weit hinaus.ohne wirklichen ernsthaften Grund was für die Behinderten zutun!Was ist eigentlich aus Ursuelas Bildungsgutscheinen für Kinder geworden?Bei der hohen Erhöhung von HartzIv sind ja die Auswirkungen sehr spürbar diese Menschen kaufen wie die verückten ein und man sieht mehr raucher und trinker in unseren Straßen!Mindestlohn wird auch nicht mehr gefordet die Menschen sind zufrieden!ALLES WAS DIESE REGIERUNG AN SOZIALEN FÜR DIE MENSCHEN IN DEUTSCHLAND MACHT IST EIN VERBRECHEN AN SOZIALSCHWACHEN!

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