Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Wer das Gefühl hat, zu wenig zu verdienen oder nicht den richtigen Job zu finden, sollte einen Blick nach Spanien werfen. Denn dort geht es der Jugend richtig schlecht. Jetzt ist sie explodiert - und schafft Perspektiven, auch für andere Unzufriedene.
Wer als Deutscher in Spanien unterwegs ist, muss ständig bremsen. «Naja, bei uns ist auch nicht alles Gold, was glänzt.» «Für Geisteswissenschaftler sieht es bei uns auch nicht so rosig aus.» «Ich verdiene auch nicht so viel wie meine Eltern.» Denn in Spanien denken alle, Deutschland sei das gelobte Land.
Wir finden, dass bei uns ganz schön viel schief läuft, trotz des angeblichen Wirtschaftswunders nach der Krise. Dass die Arbeitslosenstatistiken mit 1-Euro- und Mini-Jobbern geschönt werden. Dass viel zu wenig Geld in Soziales, Bildung und Kultur und die dazugehörigen Jobs investiert wird. Dass nur geschätzt wird, wer direkten Profit bringt. Aber warum gehen wir deshalb nicht auf die Straße? Warum campen wir nicht wochenlang auf den großen Plätzen unserer Städte, damit alle sehen, wie wütend wir sind?
Wir haben gar keine Zeit. Wir müssen arbeiten. Denn die meisten von uns haben tatsächlich eine Stelle. Nicht immer genau die, die uns am allerliebsten wäre. Aber normalerweise hat es doch irgendetwas mit unserer Ausbildung zu tun. Und wer gerade leer ausgegangen ist, bekommt immerhin Hartz IV und kann damit auch irgendwie sein Leben leben.
Fast die Hälfte der jungen Spanier hat viel Zeit zum Demonstrieren. Sie sind arbeitslos, und für viele junge Leute, die nie einen Job angetreten haben, bedeutet das: null Einkommen, denn eine Sozialhilfe gibt es nicht. Die glücklicheren 60 Prozent arbeiten mit befristeten Zeitverträgen und verdienen etwa die Hälfte von dem, was wir einstreichen. Dabei ist Leben in Spanien nicht billiger. Dass ihre Arbeit etwas mit dem zu tun hat, was sie einmal studiert haben, ist für die meisten eine Illusion. Denn sie haben die zynische Wahl: Entweder ein unbezahltes Praktikum «de lo suyo», also in «ihrem» Bereich, oder Callcenter, Kassiererin, Putzen, Nachhilfe geben.
Keine Arbeit, kein Geld, keine eigene Wohnung, kein eigenes Leben, kein Selbstwertgefühl. Sicher, Spanien war auch früher ein armes Land. Aber damals wusste jeder, wie er sich durchzuwurschteln hatte. Jetzt sind europäische Maßstäbe angelegt, denen die Regierung in Madrid hinterherhechelt - und dabei die Generation mit Füßen tritt, die eigentlich für die Zukunft des Landes verantwortlich ist.
Dass die jetzt explodiert ist, setzt Endorphine frei, denn es war längst Zeit dafür. Und es wird etwas passieren. Zwar schaffen Demonstrationen keine Jobs. Aber Politik und Wirtschaft werden schon Wege finden, wenn sie spüren: Der Druck ist groß, und man schaut ihnen auf die Finger. Denn die Jungen haben ihr As ausgespielt: ihre Fitness in der digitalen Kommunikation. Per Facebook und Twitter rotteten sie sich zusammen, übers Internet bleiben sie in Verbindung, und am Rechner fühlen sie auch den Politikern immer stärker auf den Zahn. Die kommen nicht mehr darum herum, sich online ihren Bürgern zu stellen.
Nicht nur in Spanien. Auch hier, wo bekanntlich auch nicht alles Gold ist, was glänzt, erinnert uns Spaniens (R-)Evolution daran: Wenn nichts mehr geht, bleibt uns immer noch der Protest. Und danach ist nichts mehr wie vorher.
mik/news.de
Deutschland geht es schlecht es werden immer mehr druck ausgeübt gegenüber der arbeitgeber und arbeitnehmer immer mehr anforderung was ist das fürn ne leben art in deutschland
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