Sa., 26.05.12

Goldener Spatz 2011 29.05.2011 Die kindliche Weisheit und der Journalismus

Hannah (Foto)
Sieht aus wie eine künftige Journalistin, will aber später mal Schauspielerin werden: die neunjährige Hannah. Bild: news.de

Von Justin Luckmann, Erfurt

Bei Deutschlands größtem Kindermedienfestival kann sich auch der journalistische Nachwuchs versuchen. So mancher gestandene Journalist wird sich in den Kleinen wiederfinden. Manchmal bekommt die ganze Medienbrache einen Spiegel vorgehalten.

Texte zu schreiben, ist manchmal wirklich eine verdammt harte Angelegenheit. Da will der Einstieg nicht recht gelingen. Wie man die Hauptaussage formuliert, bleibt einem auch im dritten Anlauf verborgen. Und der so wichtige Schlusssatz... Na ja. Besser wir sprechen nicht davon. «Es», und damit meint die kleine Hannah das Schreiben, «ist ganz schön anstrengend. Aber es macht auch Spaß.» Aufmerksam kreisen ihre Finger über der Tastatur. Seit ein paar Monaten lernt sie in der Schule das Schreiben mit zehn Fingern.

Wie die so viele große Journalisten immer wieder, merkt die Neunjährige gerade, wie schwer es sein kann (und oft genug auch ist!), aus vielen Buchstaben und fast so vielen Wörtern und beinahe so vielen Sätzen ein fließendes, in sich geschlossenes Ganzes zu machen. Das Mädchen aus Erfurt sitzt vor einem Computerbildschirm und tippt gerade die letzten Worte ihres eben genannten Kernsatzes. Jetzt bloß noch das «ß» finden.

Dabei hat eigentlich alles so fließend angefangen. Hannah ist mit ihrer Mutter in die Online-Lounge des deutschen Kindermedienfestivals Goldener Spatz gekommen, das seit Jahren schon in den Thüringer Städten Gera und Erfurt stattfindet. Hier hat ihr eine Redakteurin des SWR-Kindernetzes von den Kindernachrichten der öffentlich-rechtlichen Anstalt erzählt und vorgeschlagen, Hannah könne sich doch mal an einem kurzen Text versuchen. Die Neuigkeiten für die Kleinen heißen Minitz, sind seit dem Frühjahr 2009 auf der Markt und inzwischen schreibt eine dreistellige Zahl Kinderreporter für die Sendung, die in der Hauptsache aber freilich von Erwachsenen tagtäglich mit Nachrichten gefüttert wird.

Gesagt, getan. Das Thema von Hannahs kurzer Nachricht soll die Frage sein: «Was ist der Goldene Spatz?» Schnell ist sie sich mit ihrer Mutter einig, ganz am Anfang davon zu schreiben, wie man sich einen Spatz eigentlich vorstellt: als braun und grau, aber eben nicht als golden. Mit hochgezogenen Schultern wiederholt sie die Frage, während sie die Tasten drückt und spricht vor sich hin.

Dann reißt der Faden

Doch dann reißt der Faden. Es ist eine Situation, die alle Journalisten kennen. Bisweilen nennt man so was dann pathetisch Schreibblockade. Und wie bei den Großen wollen die Worte auch bei Hannah nicht mehr so recht sprudeln und auch mit Mama (im erwachsenen Journalistendeutsch: Ressortleiter/in, Chefredakteur/in) ist keine rechte Einigung zur weiteren Textgestaltung zu erzielen. Was der Goldene Spatz ist, wissen beide klar. Trotzdem: «Wie soll ich das jetzt schreiben?», fragt Hannah und blickt ihre Mutter ein ratlos an. «Ich weiß nicht», sagt die. «Es ist dein Text.»

Der Trick in solchen Momenten ist: Einfach immer weiter schreiben, redigieren kann man hinterher immer noch. Bei Hannah hilft das. Sie legt ihre Finger wieder auf die Tastatur. Dort ruhen sie einen Moment, dann schreibt sie: «Wer Lust hat, kann einfach ins Kino gehen und sich viele verschiedene Filme anschauen. Alle Filme werden von Kindern bewertet und die Kinderjury wählt die Preisträger aus.» Das ist nicht die ganze Wahrheit, aber es ist ein Anfang...

Die eine Frage, die eine Antwort

Nachdem Hannah ihren Text fertig geschrieben und auch noch eingesprochen hat – in der Online Lounge wie im wahren Leben ist crossmediales Arbeiten ein Gebot der Stunde! –, erzählt sie von ihrer journalistischen Vergangenheit: Nicht erst seit gerade kann sie sich für das Schreiben von Nachrichten begeistern. «Ich habe mit einer Freundin einen Reporterclub gegründet», sagt die Drittklässlerin, die sich damit wie viele Medienmacher lange vor der eigentlichen Berufswahl für das Schreiben begeistert hat. Sie sei in den Osterferien in einem Museum gewesen und habe dann beschlossen, einen Text darüber zu schreiben. «Wir wollten Museen für Kinder vorstellen, damit Kinder, die gar nicht ins Museum gehen, das vielleicht mal machen.» Dann schiebt sie nach: «Aber wir treffen uns nicht so regelmäßig. Deshalb haben wir noch nicht mehr geschrieben.» Das weckt bei Gründern von Journalistenbüros sicher so einige Assoziationen.

Und doch sind es mehr als alles andere die letzten Worte von Hannah in der Online Lounge des Goldenen Spatz 2011, mit denen sie in all ihrer kindlichen Weisheit der ganzen Medienbranche einen Spiegel vorhält. Weil alle dieser Tage alle «in den Medien» arbeiten wollen, mangelt es dort nicht an hehren Zielen, gutgemeinten Projekten oder scheinbar genialen Ansätzen. Allein die Umsetzung all dessen in einem widrigen Umfeld gestaltet sich stets schwierig. Ergebnis: Allzu oft, geben zu viele, zu gute Leute auf, während zu viel Mittelmaß das allgemeine Niveau definiert. Als das kleine Mädchen gefragt wird, was sie werden will, wenn sie groß ist, da erwartet man von der jungen Dame, die einen Reporterclub gegründet hat und Menschen in die Museen locken will, eigentlich nur eine Antwort. Und sie sagt: «Schauspielerin!»

beu/news.de
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