Sa., 26.05.12

Säuglingsmorde 11.05.2011 Ein anonymes Jahr soll Babys retten

isabelle wiedemeier (Foto)
News.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Frauen töten ihre neugeborenen Kinder. Das kommt häufig vor, viel öfter, als wir davon erfahren. Sie tun das aus Verzweiflung und brauchen daher eine Möglichkeit, anonym ihr Kind bekommen zu können - damit es leben kann.

Wer ein Wunschkind bekommen hat, kann sich nicht vorstellen, was da im Kopf dieser Frau vorgehen muss: Wie kann sie ein Kind töten, das neun Monate lang in ihrem Bauch gewachsen ist? Diese Frau aus Braunschweig hat es nicht nur einmal, sondern mindestens zweimal getan. Sie muss unglaublich verzweifelt sein. Ein völlig zerstörtes Verhältnis zu sich, ihrem Körper und anderen Menschen haben.

Das ist schlimm, aber hier geht es um mehr. Die Mutter hat gemordet, zwei Menschen umgebracht. Eine Mutter trägt die doppelte Verantwortung, für sich und ihre Kinder. Das gilt im Positiven, wenn sie diejenige ist, die das Neugeborene stillt. Und es gilt genauso in diesem schrecklichen Fall, in dem sie sich gegen das Leben ihrer Kinder entschieden hat.

Um die Babys zu retten, muss also der Mutter geholfen werden. Anders geht es nicht. Eine radikale Meinung ist hier nicht angebracht, weil es um so grundlegende menschliche Rechte zweier Parteien geht: das der Mutter auf ihren Körper und das des Kindes auf seine Identität. Weder ist der derzeitige Status Quo zufriedenstellend, da verzweifelte Mütter zu sehr auf sich allein gestellt sind, noch wäre es gut, wenn eine Frau ihr Kind völlig anonym gebären könnte. Ein Kompromiss ist nötig.

Die anonyme Geburt birgt Risiken. Tausende junger Mädchen, die ungewollt schwanger wurden und sich nicht zur Abtreibung entscheiden konnten, hätten dann die Möglichkeit, ihr Kind ein für alle Mal von seinen Wurzeln abzukoppeln. Problematisch ist nicht, dass sie es zur Adoption oder Pflege abgeben. Sondern die völlige Anonymität. Selbst wenn ein Mensch bei einer Vergewaltigung entstanden ist, hat er das Recht darauf, zu erfahren, woher er kommt.

Doch regelmäßig lesen wir Meldungen über Babyleichen, und die Dunkelziffer muss immens sein. Ein Teil dieser Kinder könnte leben, wenn die Mutter wüsste: Ich kann mich darauf verlassen, dass niemand mich verrät. Dass meine Identität geheim bleibt. Schon bei der Ankunft im Krankenhaus aber muss sie ihr Ich preisgeben. Hätten sie die Möglichkeit, ihr Kind anonym zur Welt zu bringen, würden viele dieser Mütter sicher nicht zuhause im Bad entbinden. Und ist der Schritt ins Krankenhaus erstmal erleichtert, ist auch der Weg zur Beratung leicht.

Deshalb schlägt der Kinderschutzbund einen Kompromiss vor, der Sinn macht: Ein Jahr sollen Mütter ihre Identität vor den Behörden geheimhalten dürfen. Zeit, um herauszufinden, was mit dem Baby geschehen soll, Zeit, die vor einer Verzweiflungstat bewahren kann.

Auch der Ethikrat befürwortet die vorübergehende anonyme Meldung - schon seit 2009, doch eine Gesetzesinitiative ist bislang Fehlanzeige. Jetzt ist die Politik gefragt, schnell zu entscheiden. Und dann Medien und Schulen, um die Nachricht schnell zu verbreiten.

kas/ivb/news.de
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