Sa., 26.05.12

Anonyme Geburt 10.05.2011 Wohin mit dem ungewollten Baby?

Neugeborenes (Foto)
Wohin mit dem Baby?  Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Ein Frau wird ungewollt schwanger, bekommt ihr Baby heimlich - und bringt es um. Ein schrecklicher Fall in Braunschweig, doch viele Mütter befinden sich in einer ähnlichen Situation. Kann eine anonyme Geburt helfen? Wir haben nachgefragt.

Es ist grausig. Vor sechs Jahren wurde ein Baby mit durchgeschnittener Kehle an einem See in Niedersachsen gefunden. Durch DNA-Spuren konnten die Ermittler nun die Frau ausmachen, die das Kind getötet hatte - es war die Mutter. Doch die Beamten kamen ein paar Tage zu spät. Die Frau aus Braunschweig hat vor zwei Wochen ein weiteres Baby geboren. Auch das ist tot. Die Frau sagte aus, sie sei nach der Geburt ohnmächtig geworden, und als sie aufwachte, habe das Kind nicht mehr gelebt.

In beiden Fällen waren offenbar verheiratete Männer die Väter, in beiden Fällen hielt die inzwischen 35-Jährige die Schwangerschaft geheim. Die Polizei ermittelt nun, ob die Frau noch weitere Babys tötete. «Die Mutter wird aller Wahrscheinlichkeit nach erklären, dass sie sich in einer für sie ausweglosen Situation befunden hat», vermutet der Vizepräsident des Bundes der Kriminalbeamten (BDK), Bernd Carstensen. In einer Pressemitteilung fordert er, Frauen gesetzlich die Möglichkeit einer anonymen Geburt einzuräumen, um ihnen eine mögliche soziale Schmach zu ersparen - und damit möglicherweise Kinderleben zu retten.

In Deutschland hat jeder Mensch ein Recht darauf, zu wissen, wo er herkommt. Deshalb sind Krankenhäuser verpflichtet, die Identität der Mütter zu dokumentieren. Das ist auch für den Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) ein Recht, an dem nicht zu kratzen ist. «Seelisch ist es eine sehr große Belastung für Menschen, ohne Kenntnis ihrer Wurzeln aufzuwachsen», sagt Paula Honkanen-Schoberth, die Geschäftsführerin des DKSB.

Babys anonym zur Welt bringen

Dennoch ist auch der Kinderschutzbund dafür, Müttern zumindest für ein Jahr Anonymität zuzusichern. Am Wochenende wurde auf der Mitgliederversammlung beschlossen, sich der Forderung des Ethikrates nach dem «Gesetz zur vertraulichen Kindesabgabe mit vorübergehender anonymer Meldung» anzuschließen. «Das bedeutet, dass Frauen, die Schwangerschaft und Geburt verbergen müssen, einen angemessenen Zeitraum haben, um eine Lösung für ihre Probleme zu suchen», erklärt Honkanen-Schoberth.

Wichtig sei natürlich, dass die Frauen sich möglichst schnell an eine Beratungsstelle wenden, die ihnen dabei hilft, zu entscheiden: Will ich das Kind zur Adoption freigeben? Oder soll es zunächst in einer Pflegefamilie untergebracht werden, damit ich die Möglichkeit habe, es doch noch zu mir zu nehmen?

Genau bei diesem Schritt zur Beratungsstelle allerdings liegt das Problem, das auch Paula Honkanen-Schoberth sieht: Verzweifelte Frauen kommen im Moment der Geburt nicht darauf, professionelle Hilfe zu suchen. «Wenn die vertrauliche Geburt gesetzlich geregelt wird, müsste man Infokampagnen starten, die schon in der Schule beginnen, in der 9. Klasse. Da erreicht man alle.» Honkanen-Schoberth ist ohnehin der Ansicht, dass Schule viel stärker aufklären müsste über Beratungsmöglichkeiten bei sexuellem Missbrauch oder ungewollter Schwangerschaft. «Sie müssten Beratungsstellen besuchen, jemanden einladen. Dann vergessen die Schüler das nie. Und es wird zum allgemeinen Wissen.»

In Frankreich suchen anonyme Babys nach ihren Wurzeln

Dem Kinderschutzbund geht es immer auch darum, die Mütter zu stärken, sie wissen zu lassen, dass es Hilfe gibt, wenn sie mit ihren Kindern nicht zurechtkommen. Grenzenlose Anonymität für Geburten lehnt der Bund hingegen - ebenso wie die Babyklappen - ab. Diese Möglichkeit gibt es in Frankreich, wo in jedem Jahr etwa 1000 Kinder anonym zur Welt kommen. Doch Honkanen-Schoberth weist darauf hin, dass es inzwischen Vereine gebe, die dafür kämpften, das Gesetz rückgängig zu machen. Es stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Frauen von deutschen Soldaten schwanger und als deutsche Huren verpönt waren. Diese Frauen sollten geschützt werden - doch Tausende Kinder haben heute keine Chance, ihre Wurzeln kennenzulernen.

Deshalb hält der Kinderschutzbund eine Mischlösung für sinnvoll. Streng genommen ist die anonyme Geburt in Deutschland nicht erlaubt, doch einige Kliniken bieten die Möglichkeit für Mütter in Notsituationen dennoch an - mit Erfolg, wie Paula Honkanen-Schoberth sagt. «Es hilft den Müttern, in Ruhe zu überlegen und sich zu sortieren. Häufig nehmen sie ihr Kind wieder mit.» Oder sie geben es ab. Aber sie fühlen sich nicht gezwungen, in der heimischen Badewanne ein Kind zur Welt zu bringen - um dann nicht zu wissen, wie sie es loswerden sollen.

cvd/reu/news.de
Leserkommentare (9) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Jayson
  • Kommentar 9
  • 09.03.2012 23:06
 

Hallo, also ich muss mal was ganz ernstes sagen! Ich finde es grausam das so viele getötete babys in den letzten Jahren gefunden werden! Wie kann man nur!!!??? Ich habe vor einem Jahr meine tochter mit einem Jahr und ihre Mum bei einem Unfall verloren und ich frag mich bis heute warum das kleine unschuldige wesen aber ich nicht!? Ich habe bei dem unfall ebenfalls meine männlichkeit verloren also werde ich nie wieder ein babys meines stammes halten können, ich wäre über jedes kind was mir jemand vor die tür legen würde dankbar und würde es mit all der liebe aufziehen die es verdient!

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  • Politikverdrossener
  • Kommentar 8
  • 13.05.2011 00:55
 

Wer um Gottes Willen hat sich diesen Blödsinn mit den Babyklappen ausgedacht? Es hört sich schon an wie "Müllklappe". Früher hat eine Frau, die ihr Kind nicht versorgen konnte, das Baby vor die Pfarrerstür gestellt, oder zum Auffinden bei einer vertrauenerweckenden Person. Sie kann zuletzt an jeder x-beliebigen Haustür klingeln. Jeder wird da helfen wollen. Was soll diese "Klinifizierung "? Damit machen wir uns immer mehr mitschuldig an der sich gerade entwickelnden Menschenzüchtung (Stichwort: PID) – dieser Mensch wird mit unserer offiziellen Billigung ohne leiblichen Vater/ Mutter leben müss

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  • Michael Dittmar
  • Kommentar 7
  • 11.05.2011 18:58
 

Die Vorschläge des Kinderschutzbundes sind absolut zu begrüßen. Nötig wäre eine Änderung des Personenstandsrechtes, um eine "Vertrauliche Geburt" zu gewährleisten, bzw. legal erst möglich zu machen. Es müsste festgeschrieben werden, daß die Mutter ihre Daten vertraulich hinterlegt, damit sich das Kind, egal wo es aufwächst, auf die Suche nach seinen Wurzeln machen kann. Eine Herkunftsdatei könnte z. B. bei den Adoptionsvermittlungsstellen der Kommunen eingerichtet werden.Die Kindesmutter könnte dann persönliche Daten von sich hinterlegen lassen (Fotos, Erbkrankheiten, Alter, etc.)

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  • Reiner Wagener
  • Kommentar 6
  • 11.05.2011 18:46
 Antwort auf Kommentar 4

Gerade ehemalige Kath.Heimkinder können hier mitreden... Frau Jakomeit kann euch stundenlag erzählen..... Welche Seelische Schäden hervorgerufen werden können....

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  • topias
  • Kommentar 5
  • 11.05.2011 18:12
 

Es gibt keine schlimmere Ausrede als Überforderung , es ist Grausam ein Menschenleben zu nehmen welches gerade das Licht der Welt erblickt hat . Ungewollte Schwangerschaften gibt es nicht es sei bei einer Vergewaltigung . Es gibt genug Pflegeeltern die Sich Liebevoll um die Knder kümmern , muß ja nicht immer gleich eine Adoption sein . Man hat dann genug Zeit um zu Überlegen ob man sein Kind wieder holen tut oder man läßt es .Und was ist mit den Vätern der Babys ? Ihnen wird alles Verschwiegen, die Schwangerschaft, die Geburt und das er der Vater ist .Auch davon rühren die Schwierigkeiten her

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  • Jakomeit Lula
  • Kommentar 4
  • 11.05.2011 15:26
 

Man muß sich auch mal die Auswegslose Situation der schwangeren Mutter anschauen.Es gibt So viele Eltern die sehr gerne ein Kind adoptieren würden.Ihre Herkunft ist daher nicht entscheidend.Leider aber durch den Behörden Willkür nicht gerecht werden.Armes Deutschland. Entweder verdienen die Adoptiv Eltern den Behörden nach nicht genug. Oder sie sind ihnen noch zu Jung ( Die Behörde geht erst auf ein Alter der Adoptiveltern ab 30- 35 Jahren ein....und mit 40 sind sie schon wieder zu alt....) Es ist der größte Schwachsinn, den sich die Behörden ausgedacht habe.Ich bin ein Kath. Heimkind gewesen.

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  • Dameumdiefünfzig
  • Kommentar 3
  • 11.05.2011 14:58
 

einfach unglaublich. Als ob man von eben auf jetzt ein Baby bekommen würde. Frauen haben schließlich monatelang Zeit, sich zu überlegen, ob sie das Kind behalten oder zur Adoption frei geben !!!!!! In was für einer Welt leben wir eigenlich? Bei der kleinsten Schwierigkeit ist jedermann im Lande gleich "überfordert" ....

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  • denker
  • Kommentar 2
  • 11.05.2011 14:15
 

Was ist besser: ein Leben ohne Wissen um seine (leiblichen) Eltern oder gar kein Leben (weil man von der eigenen "Mutter" umgebracht wurde?? Für manche Menschen ist es wohl besser, wenn sie nicht wissen, woher sie kommen (bzw. von wem)!

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  • Fam Grunwald
  • Kommentar 1
  • 11.05.2011 13:59
 

An alle die sich mit dem Gedanken tragen, ihr Baby im Garten zu verbuddeln: Wir würden gerne noch eins nehmen... Pfaffenhofen a.d.Ilm, Schubertstr. 24

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