Sa., 26.05.12

Psychisch krank? 04.05.2011 Mehr Irrsinn für alle

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Verrückt sein ist hip. Aber echte psychische Probleme machen unserer gebügelten Gesellschaft Angst. Gegen das Wegschließen von «psychisch Kranken» kämpft die Irren-Offensive - und hofft auf eine buntere Welt.

Der nackte Wahnsinn ist populär und verkauft sich gut. Hinter echt-wahnsinn.de zum Beispiel verbirgt sich eine biedere Webseite, die «originelle» Geschenke vertreibt, es ist «totaler Wahnsinn», was am Wochenende bei der Party abging, und ein bisschen verrückt geben wir uns gern - vor allem jetzt, wenn draußen die Sonne scheint und die Winterstarre abfällt.

Doch nur, weil wir schnell mal «ist ja verrückt» sagen, wenn wir «ist ja wunderbar» meinen, heißt das nicht, dass die Gesellschaft Menschen besonders offen gegenübersteht, die sich auffallend anders verhalten. Nur, weil ein bisschen Wahnsinn als Attitüde ganz gut kleidet und der Persönlichkeit als Ventil dient, haben wir noch lange kein Ohr für die, die wirklich die Kontrolle verloren haben.

Manuela Richter-Werling hat ihre beiden Ohren weit geöffnet. Die Psychiaterin leitet die Leipziger Initiative «Irrsinnig menschlich». Sie sagt, dass unsere Gemeinschaft es den «Anderen» besonders schwer macht: «Die Gesellschaft ist sehr empfindlich geworden, weil ein hoher Druck auf ihr lastet. Dadurch wächst die Sensibilität für Störenfriede. Die Gleichmacherei, um funktionstüchtig und nützlich zu sein, ist sehr groß.»

Zwar stehen psychische Krankheiten, vor allem Depressionen, stärker in der Öffentlichkeit und kommen in jeder Seifenoper vor: «Es ist eine große Neugier vorhanden, wenn Menschen sich außergewöhnlich verhalten. Aber das verbessert nicht die Einstellung», betont die Psychiaterin. Ein ungewöhnliches Verhalten macht den meisten von uns Angst und führt damit zu Ablehnung - egal, ob jemand extrem in sich gekehrt ist oder offensiv aggressiv.

Was ist normal und was ist verrückt?

Aber wo hört normal auf und fängt verrückt an? Richter-Werling nimmt das Wort beim Wort: Eigentlich sei Verrücktheit nur ein Perspektivwechsel: sich ver-rücken, einen halben Meter zur Seite gehen, Menschen und Dinge anders sehen. «Es zeigt Befindlichkeiten an, das hat erst mal nichts mit krank oder gesund zu tun», betont sie. Deshalb sei «verrückt» auch etwas Schönes. Es bereichert. Doch gerade die Frage der Perspektive könne zum Problem werden, erklärt der Psychiater und Buchautor Manfred Lütz: «Jemand im Wahn ist unfähig, die Perspektive zu wechseln.»

Er hat ein Buch geschrieben, das an der Grenze zwischen normal und verrückt kratzt. «Irre! Wir behandeln die Falschen» spielt mit der Tatsache, dass wirklich gefährliche Menschen selten verrückt sind: «Hitler und Stalin waren normal. Das ist das Beängstigende», sagt Lütz in einem Werbefilm für sein Buch. Die meisten seiner Patienten hingegen seien nette Menschen - und die beste Behandlungsmethode für psychologische Probleme ein Gespräch «mit dem Bäcker oder Metzger», mit Menschen, die Lebenserfahrung haben. «Wir Psychos werden nur gebraucht, wenn es nicht mehr geht.»

«Psychisch Kranke? Die gibt es doch gar nicht!»

Was Nervenärzte als psychisch krank zusammenfassen, ist ein weites Feld zwischen Depression, Verfolgungswahn, Schizophrenie, Anorexie oder Sucht. Ein Drittel der Deutschen ist im Laufe seines Lebens davon betroffen - und trotzdem sind die Berührungsängste groß und machen den für das Seelenheil so wichtigen, alltäglichen Kontakt zwischen Menschen schwierig. «Die Leute wissen zum Beispiel nicht, ob sie in die Psychiatrie Blumen mitbringen sollen oder ob sie die um die Ohren gehauen bekommen. Aber die psychisch Kranken sagen, «verhalte dich ganz normal»», erklärt Manuela Richter-Werling.

«Menschen, die zu einem stehen, sind die wahren Medikamente, die anderen die Krücken», sagt sie. Doch wenn Gesprächspartner fehlen, können drastische Maßnahmen anstehen: Klapse, Irrenanstalt, Geschlossene. 219.000 Menschen sind im Jahr 2005 in psychiatrische Anstalten zwangseingewiesen worden, das ist die aktuellste Zahl des Bundesjustizministeriums. Seit 30 Jahren kämpft eine Gruppe dagegen, dass Menschen einfach aus dem Verkehr gezogen werden können. Irren-Offensive nennt sie sich, René Talbot ist von Anfang an dabei. Wie er den Umgang mit psychisch Kranken wahrnehme? «Die gibt es doch gar nicht», sagt er.

Die Irren-Offensive stemmt sich gegen Zwangseinweisung, Fixierung, Ruhigstellung. Und sie stemmt sich gegen die Brandmarkung als «Kranke»: Für eine Krankheit müssten zwei Kriterien erfüllt sein. Zum einen ein objektives Kriterium - «ein Gentest, ein Blutbild oder ein Röntgenbild. Aber das gibt es nicht». Zum anderen, dass der Patient Beschwerden hat, leidet. «Das kann auch nicht der Fall sein, wenn er in einer Psychiatrie eingesperrt wird, um ihn am Weggehen zu hindern. Daran leidet er dann allerdings.»

Ein Recht darauf, sich selbst zu gefährden?

Laut Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte, ist für eine Zwangseinweisung jedoch ein strenges Prozedere vorgeschrieben. Eine nachgewiesene psychische Erkrankung sei kein Einweisungsgrund, sondern es müsse ein psychose-ähnlicher Zustand vorliegen mit einer Fremd- oder Eigengefährdung, die nicht über andere Maßnahmen abgewendet werden kann. Formal nötig seien diverse Bestätigungen und Gutachten von Ärzten und Gericht. «Das sind viele Hürden, und das ist auch richtig so», sagt der Psychiater.

Viele Mitglieder der Irren-Offensive haben selbst Zwangseinweisungen erfahren. Für sie ist die Maßnahme ein rotes Tuch, die Menschen in ihren Grundrechten beschneidet. René Talbots Argumentation ist dabei eigentlich simpel: Entweder, etwas ist gesetzlich verboten und wird strafrechtlich verfolgt - «dann darf man Leute nach dem Verhältnismäßigkeits-Grundsatz einsperren» -, oder es ist erlaubt - und dann könne man auch niemanden deswegen festhalten oder anderweitig misshandeln.

Auch Selbstmordgefahr als Anlass für eine Zwangseinweisung lehnt er ab. «Man darf sich selbst gefährden bei gefährlichen Sportarten, aber nicht, wenn man angeblich geisteskrank ist. Es ist immer wieder das Gleiche: Was als ‹geisteskrank› gelten soll, wird willkürlich bestimmt, bei Psychiaterkongressen beschlossen», meint Talbot. Dahinter sieht die Irren-Offensive eine ganze Industrie, bestehend aus Ärzten, Pillendrehern, Krankenkassen, Richtern und Sozialpädagogen.

Psychische Krankheiten seien in der ICD10, der internationalen Definition der Krankheiten, sehr genau definiert, betont hingegen Nervenarzt Frank Bergmann: «Bei einer Depression zum Beispiel müssen bestimmte Haupt- und Nebenkriterien erfüllt sein. Das ist nichts, was man aus dem Bauch heraus diagnostiziert.» Auch Manuela Richter-Werling wirbt dafür, rechtzeitig Hilfe zu suchen, bevor Familie, Freundschaften und der Job in die Brüche gehen.

Paradigmenwechsel zu einer verrückteren Welt?

Die Mitglieder der Irren-Offensive jedoch haben kein Vertrauen in die medizinischen Strukturen. «Viele fallen auf die Rhetorik herein, dass es Hilfe gäbe, werden dann aber in die Geschlossene eingewiesen», sagt René Talbot. Anders wäre es für ihn, wenn der Patient im Vorhinein festlegen könnte, welche «gewaltsamen Methoden» bei ihm angewendet werden dürfen. Umgekehrt ist das seit dem 1. September 2009 mit der Patientenverfügung möglich - eine Option, die viele «Geisteskranke» inzwischen nutzen: «Darin kann ich festlegen, dass ich nicht diagnostiziert, zwangsmedikamentiert und festgehalten werden darf», erklärt Talbot. Für ihn entlarvt sich das System damit selbst: «Was ist das für eine Krankheit, die nicht existiert, sobald ich diesen Zettel habe? Da wird die Willkür klar.»

Wird sich der Umgang mit den vermeintlich Geisteskranken verändern? Steht ein Paradigmenwechsel wie Ende des 18. Jahrhunderts bevor, als der Arzt Philippe Pinel die Psychiatrie als medizinisches Fachgebiet entdeckte und die «Wahnsinnigen» erstmals nicht mehr gezielt misshandelt wurden? Talbot ist sich sicher, dass eine ähnliche Wende kommen wird, wie im Umgang mit Homosexualität, die erst seit 1992 nicht mehr offiziell als Krankheit gilt.

«Es ist schlecht um eine Gesellschaft bestellt, die das Verrückte bloß ausstößt und sich ein gräulich starres Selbstbild von Normalität zulegt», sagt Manfred Lutz. Die Lücke zu schließen, komme nicht nur den Ausgestoßenen zugute. Wer dem Wahnsinn ins Auge schaut, sieht mehr, verspricht er: «Eine andere Welt: chaotischer, aber fantasievoller. Erschütternder, aber existenzieller. Leidvoller, aber weniger zynisch als die glattlackierte Normalität.»

Wahnsinn
Durchdrehen erlaubt
Video: news.de

beu/reu/news.de
Leserkommentare (3) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Neuroleptikageschaedigt
  • Kommentar 3
  • 12.05.2011 18:20
 Antwort auf Kommentar 1

Sehr geehrte Serafina, es ist schön, dass Sie für mangelnde Ressourcen (Intelligenz, Erfolg, Glück) endlich eine Lösung gefunden haben, die Ihnen als Rechtfertigung eines persönlichen Mangels zu dienen scheint. Es ist ja auch beruhigend zu wissen, dass der Grund dafür, dass mein ein Studium nicht schafft, nicht etwa Dummheit, aber eine zugrundeliegende Krankheit sei. Ihr Krankheitsbegriff deshalb in allen Ehren. Leider nur möchten nicht alle auf dieses Niveau herabsteigen,um sich in die ICD10 der Wichtigtuer einordnen zu lassen und so nebenbei der Pharmaidnustrie die Pfründe sichern.

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  • Johannes Kemper
  • Kommentar 2
  • 05.05.2011 08:51
 

Man lese Michel Foucaults "Wahnsinn und Gesellschaft" zu dieser Problematik der Mechanismen der Aussonderung von "Anderem" durch aufgeklärt-rationale Gesellschaften

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  • Serafina
  • Kommentar 1
  • 04.05.2011 13:43
 

Ich habe persönlich mit dem Thema zu tun und bin froh das es eine Zwangseinweisung gab in diesem Fall.Krank ist halt nicht gleich krank... Schizophrenie ist etwas anderes als Magersucht(Anorexie) aber beides muss behandelt werden! Ich leide an Fibromyalgie, das kann man leider auch nicht im Krankheitsbild sehen. Anstatt die Kranken als "nicht krank" hinzustellen, sollte man eher an Lösungen herantreten wie man solchen Sachen vorbeugen kann. Z.B. normale Models, Später Schule und mehr Sport da, weniger Stress bei der Arbeit und Parkanlagen mit kostenlosen Möglichkeiten Sport zu treiben...ect...

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