Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Wer einen König hat, braucht sonst keine Drogen. Denn Monarchien beruhigen und beleben zugleich. Sie sind knallig und plakativ und absorbieren unsere eigenen Schwächen und Probleme. Auch wir Deutschen ziehen gerne mal kräftig an der Monarchie-Pfeife.
Um zu verstehen, was die Monarchie mit Menschen macht, muss man zurück in die Kindheit. Und jeder gräbt doch am besten bei sich selbst. Als ich klein war, wollte ich unbedingt einen König. Dass Deutschland keinen hatte, fand ich trist, umso mehr heiterte es mich auf, als ich erfuhr: Wir hatten mal einen Kaiser! Kaiser, das steht in der Glanzparade der Gefühlswelt noch über König, und deshalb strahlte meine kindliche Seele, als aus irgendeiner uralten Platte bei Opa der Marsch «Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben!» schallte.
Von Imperialismus, Revisionismus, Demokratie, Republik oder eben Monarchie hatte ich hingegen noch nie etwas gehört. Und im Grunde geht es den Menschen, die sich an Kates Schleppe und Williams roter Uniform berauschen, nicht anders. Ob eine Monarchie noch eine zeitgemäße Staatsform ist? Fragen Sie doch die Briten oder die Spanier. Nie würden Sie dort eine Mehrheit für die Abschaffung dieses politischen Anachronismus finden.
Ein Royal für jedes große Thema
Eben, weil es gar nicht um Politik geht. Welche Themen bewegen Menschen wirklich? Liebe, Fremdgehen, Scheidung, Schönheit, Magersucht, Hitler-Verkleidungen, Klamotten, Schwangerschaften, Schönheitsoperationen. Tod. Und wo finden wir all das in komprimierter, für jeden zugänglicher Form? Richtig. Bei William, Charles, Fergie, Kate, Harry, Máxima, Victoria, Letizia. Diana. Denn bei ihnen darf jeder, sozusagen von Staats wegen, ganz ungestraft zum Voyeur werden.
Die Royals stehen im Glashaus, sie sind wie Barbie und Ken, aber aus Fleisch und Blut, und wir dürfen uns an ihnen messen, reiben, die Nasen platt drücken, dürfen sie lieben, hassen, verachten. Nur große Gefühle, keine komplizierten Zwischentöne, die an unsere eigenen blöden Problemchen erinnern könnten. Hier ist das Leben knallig wie der Mohn, aus dem das Opium gemacht wird.
Deshalb kann der Spanier auch gut und gerne mal auf «mañana» (auf morgen) vertrösten und die Briten frittierten Speck zum Frühstück essen. Diese Völker ruhen in sich selbst, sie müssen keine verkrampfte Internationalität vorgaukeln wie wir Deutschen. Sie haben ihre Monarchie. Und heute dürfen wie alle mal einen ganz tiefen Zug davon nehmen.