Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus
Hexen leben im Jahr 2011 fernab aller Klischees: den Besen brauchen sie nur zum Fegen und gezaubert wird kaum. Stattdessen setzen sie auf positive Gedanken und Geduld. News.de hat mit einer echten Hexe gesprochen.
Sie haben lange, höckerige Nasen und runzeligen Hände, reisen mit dem Besen an und feiern auf dem Brocken ein wildes Fest; überall brennen große Feuer, Frauen springen lachend, kreischend und singend durch die züngelnden Flammen. So ist die gängige Vorstellung dessen, wie Hexen die gestrige Walpurgisnacht (vom 30. April auf den 1. Mai) gefeiert haben.
Aber moderne Hexen reisen nicht auf Besen. Sie haben auch keine langen Nasen oder runzelige Hände. Moderne Hexen reisen mit dem Auto, der Bahn - und manchmal auch mit dem Fahrrad. Sie springen auch nicht über das Feuer, allenfalls hüpfen sie mal bei der Suche nach Kräutern über einen kleinen Wassergraben. Moderne Hexen sind ganz anders als das, was jedes Jahr auf dem Brocken unzähligen Touristen gezeigt wird.
«Wirkliche Hexen hexen selten, am besten nie»
«Die Walpurgisnacht ist doch total kommerzialisiert», sagt Hexe Lobelia aus Hessen. Sie ist schon immer eine von ihnen - von den Hexen. Die Frauen, die wissen, was Kräuter bewirken und anrichten, was Karten sagen und nicht sagen können. «Ich habe es immer in mir gespürt», sagt sie. Aber den Umgang mit der Macht, die sie hat, «den musste ich lernen.»
Jahre dauert es, bis eine Hexe weiß, was eine Hexe wissen muss. Der richtige Umgang mit den Kräutern, den Karten. Die richtigen Zutaten für einen Zauber, die richtigen Worte, die passenden Gedanken, die Wirkung der Öle. Und die Regeln der Hexerei, denn die sind wichtig: «Was man anderen antut, das kommt dreifach zurück», sagt Lobelia. Magie sei zum Schutz da, nicht um Mitmenschen zu verzaubern oder zu verfluchen. Sie persönlich hält es mit der Hexe aus den Terry-Pretchard-Romanen: «Wirkliche Hexen hexen selten, am besten nie.»
Immer wieder wird die hessische Hexe um Hilfe gebeten. Lobelia legt dann Karten, 78 Stück sind es. Deren Bedeutung kennt sie genau, spürt, was ihr die Karten mitteilen wollen. Meist kommen Frauen zu ihr. «Seltener sind es Männer, aber es kommt vor», sagt sie. Die Themen seien typisch: «Frauen wollen etwas über ihre Liebe erfahren, Männer über den Beruf.» Lobelia legt nicht nur Karten, sie hört auch zu. Gerade das scheint den Hilfesuchenden zu fehlen: Ein offenes Ohr, jemand, der für sie da ist, der sich geduldig die Probleme anhört. Denn Geduld, das sei für Hexen eine wichtige Tugend: «Das Leben ist schließlich kein Bestellkatalog.»
Ein Flaschengeist im Keller
Manche Menschen übertreiben es mit der Ratsuche aber auch. Deswegen möchte Lobelia ihren richtigen Namen in der Öffentlichkeit auch nicht preisgeben. «Schlechte Erfahrungen», sagt sie. Ein Mann habe vor zwei Jahren an ihrer Haustür geklingelt. An einem warmen Sonntag stand er dort. In der Hand: eine leere Flasche. «Naja», sagt Lobelia, «nicht ganz leer». Ein Flaschengeist sei da drin, sagte ihr der Mann. Ein Geschenk.
Vor einiger Zeit stand der Mann wieder vor der Tür und wollte über seine Probleme sprechen, über seine Scheidung, seine Krankheit: «Das möchte ich einfach nicht jeden Tag haben.» Aber noch heute steht die Flasche im Keller. Wenn Lobelia dran vorbeiläuft, dann sagt sie kurz «Hallo» zu dem Flaschengeist. Auch wenn sie nicht an ihn glaubt: Wegwerfen mag sie das Geschenk nicht.
Diese Art der Erfahrung ist es, wegen der viele Hexen ihren wahren Namen nicht preisgeben, auch im Internet nur Pseudonyme verwenden. «Wer sich mit übernatürlichen Dingen beschäftigt, der zieht schnell Verrückte an.» Verrückte mit obskuren Vorstellungen und gefährlichen Wünschen.
In Supermärkten nennt sich das «Bio»
Lobelia führt ein ganz normales Leben mit einer ganz normalen Familie in einem Haus mit Garten: keine Pentagramme, keine Bleikessel mit blubbernden Flüssigkeiten. Nie würde sie öffentlich nackt in einem Steinkreis stehen, sagt sie und lacht dabei laut auf: «Naja, wenn ich es tun würde, sollte mich dabei aber keiner sehen.» Aber das, Lobelia weiß es, ist die Vorstellung vieler Menschen von einer Hexe: Beschwörungen mit Krötenschleim, Tänze nackt im Mondschein, Rituale mit Blut und Spinnweben. Auf diese Verrücktheiten legt sie keinen Wert, sagt die Hessin: «Aber vielleicht koche ich anders als andere», sagt sie. Viele Kräuter aus dem Garten sind Zutat ihrer Gerichte.
Denn Hexen leben im Einklang mit der Natur. Ihre Feste orientieren sich am Stand der Sterne, an Mondphasen. Auf den Tisch kommen saisonale Gerichte, alles natürlich gewachsen, ohne Gifte: in Supermärkten nennt sich das «Bio».
«Auch Hexen haben Laster»
Lobelia hat Rezepte auf ihrer Internetseite gesammelt. Für Tees und Salben, Badezusätze und Massageöle. «Aber bei wirklich schlimmen Sachen sollte man schon auf den Arzt vertrauen», sagt sie und hustet. Beinahe entschuldigend fügt sie hinzu: «Auch Hexen haben Laster.» Ihres ist das Rauchen.
Hexerei ist eine Lebenseinstellung: «Ich sehe viele Dinge anders als andere», sagt die Hessin. Im Mittelpunkt steht der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Für Lobelia ist Hexerei keine Religion, nichts festes, dass das Leben auf einengende Art beeinflusst. «Manche Hexen nehmen das alles so ernst», sagt sie: «Dabei ist doch Humor das allerwichtigste. All diese düsteren Bilder von Hexen, alles in schwarz und lila - nein, das ist nicht mein Ding.»
Deshalb feiert sie die Walpurgisnacht auch nur im Kreise ihrer Familie. Mit Bärlauchsuppe und einem Rhabarber-Dessert. Ganz still, leise: «Ich bin in keiner Hexengruppe», sagt Hexe Lobelia: «Ich bin einfach eine Hexe für mich alleine.» Und ihre Reisen, die macht sie gemeinsam mit ihrer Familie. In einem Auto. Auf einem Besen wäre vermutlich ohnehin nicht genug Platz.
iwi/news.de
Wieder einmal der übliche Blödsinn. Hier findet sich ein Interview mit einer richtigen Hexe: http://www.club-debil.com/fanzine/online/hexe.htm
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