Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Das war aber auch Zeit. Annette Zoch hat es geschrieben, das Buch für Fahrradhasser. Alle Autofahrer dürften es genüsslich verschlingen. Und die Gehassten entdecken sich zwischen Tigerenten-Mädchen und Edel-Radler und hätscheln ihren schlechten Ruf.
Wo Annette Zoch lebt, wissen wir nicht. Es ist auch egal, denn hier geht es schließlich um Klischees. Und demnach kommt für die Autorin des Fahrradhasserbuches nur ein Wohnort in Frage: Freiburg. «Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse / Fahrradfahrer dieser Stadt», sangen Tocotronic 1995 in einem Lied, das Freiburg heißt. Und obwohl der Name der Stadt in dem Hit genauso wenig vorkommt wie bei Annette Zoch, liegt er omnipräsent über diesem Büchlein aus dem Jahr 2011.
Denn jeder ganz normale Mensch, der sich allmorgendlich auf sein geliebtes Fahrrad schwingt, auf dem Bürgersteig ordentlich Schwung nimmt, um dann ohne nach rechts und links zu schauen auf die Fahrbahn zu hechten und dort mit rechthaberischem Blick das Rennen gegen die blechernen Umweltsäue aufzunehmen, wird zum Fahrradhasser. Sobald er nach Freiburg kommt. So zumindest ist es der Autorin dieses Textes ergangen. Deshalb war das Fahrradhasserbuch auch genau die richtige Lektüre für den letzten Freiburgbesuch. Aber dazu später mehr.
Wo man auch unterwegs ist - Straßenverkehr ist kein Platz für kleine Gefühle. Daher ist es völlig egal, welches Verkehrsmittel wir gerade benutzen, wir hassen die Nutzer des anderen. So ist es auch überhaupt nicht eigenartig, wenn ein passionierter Radler als sporadischer Autofahrer plötzlich über seine sonstigen Mitkämpfer in Rage gerät. Selbstreflexion an dieser Stelle bringt nicht viel. Man kann eben nicht aus seiner Haut.
Warum in Freiburg alles anders ist
Dann ist ja alles unharmonisch harmonisch, sollte man meinen. Aber der Radfahrer sticht trotzdem heraus aus dem Einheitsbrei des gegenseitigen Beschimpfens. Denn sein Problem ist, dass er im Recht ist. Es gibt eben keine vernünftigen Gründe, warum man Strecken unter zehn Kilometer in einer Stadt mit dem Auto fahren sollte. Wer Gasgeben und Kuppeln kann, kann auch trampeln.
Trotzdem sind die Verkehrsregeln für Autos gemacht: An roten Ampeln warten, wenn keiner kommt? In einer Schlange stehen, wenn man mühelos vorbeifahren könnte? Sich an den Bordstein quetschen, nur weil Autofahrer meinen, zwischen Ampel und Ampel mal kurz den Turbo strapazieren zu müssen? Ist nicht fair, finden Radfahrer. Und machen im Gegenzug einen auf dicke Hose.
Doch in Freiburg hat sich das Blatt gewendet: Radfahrer sind hier keine Randgruppe, sondern eine strampelnde Masse. Eine Plage. Sie sind überall, und sie tun in ihrer Massenhaftigkeit trotzdem so, als müssten sie noch immer aufbegehren. Ein Spaziergang auf zwei Beinen an ihrem geliebten Fluss Dreisam ist Stress pur; wer als Fußgänger nebeneinander läuft, um zu plaudern, ist selbst Schuld. Denn wer in Freiburg nicht radelt, hat wirklich jede Existenzberechtigung verloren.
Zoch schnitzt jedem Radler seine Schublade
Annette Zoch hat schon recht, wenn sie mal ein ernstes Wörtchen spricht. Den Radlern ihre sieben Sünden vorrechnet, sie als alkoholisierte Unfallverursacher und umweltverschmutzende Konsumisten brandmarkt. Zoch hat eins dieser Bücher geschrieben, das Menschen gern lesen, weil es ihnen erzählt, was sie selbst schon 1000-mal gedacht haben. Nur spritziger formuliert und mit netten Karikaturen versehen.
Kein überzeugter Radrowdy fühlt sich wirklich beleidigt, wenn er sich grinsend zu entscheiden versucht, ob er eher Naturbursche («Durch sein dauerhaftes Draußensein verfügt er über eine lederartige, Dieter Bohlen zur Ehre gereichende Epidermis»), Krawall-Radler («Also trägt er riesige Umhängetaschen aus Lkw-Plane») oder doch Edel-Radler («Er trägt Randlos-Brille. Und wenn seine Frau nicht hinschaut, nimmt er den Helm ab») sein will.
Sämtliche Biker-Typen können Sie in unserer Bildstrecke kennenlernen.
Annette Zoch erleichtert uns die Wahl, indem sie jeden Typ mit Tags wie «typisches Accessoire» und «bevorzugte Fußgängerbeschimpfung» katalogisiert. Nur Radel-Rentner («Motto: Mir losse uns nit hetze. Mir sin jo net auf der Flucht») will wohl niemand sein. Dafür könnte die «bevorzugte Fußgängerbeschimpfung» beim Tigerenten-Fahrradmädchen auch zum Motto für die ganze verkrampfte Verkehrsgesellschat taugen: «Lach doch mal!» (frei nach Janosch). Oder, um wieder bei Tocotronic zu landen: «Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit.»
Bestes Zitat: «Herrscht auf dem Fahrrad ein bestimmtes magnetisches Kraftfeld? Stimuliert der Sattel ungute Akupressur-Punkte auf unserem Gesäßhocker? Egal, was es ist: Auf dem Fahrrad wird der Mensch zum Monster.»
Annette Zoch: Neben der Spur - Das Fahrradhasserbuch. Verlag Sanssoussi, 95 Seiten, 9,90 Euro
Eines finde toll an dem Buch, "dass" und "das" wurden immer korrekt geschrieben. Und dankbar bin ich für die Aufklärung, dass Fahrräder in der Herstellung wirklich umweltschonend sind: 15kg CO2 für einen Alurahmen: ein einfacher Flug Frankfurt -New York erzeugt pro Passagier 2000kg, also einen Gegenwert von 133 Alu-Fahrradrahmen!
jetzt antwortenKommentar meldenRadfahrerdiktatur Freiburg. Am liebsten hab ich den Typ Radler, der prinzipiell auf dem Bürgersteig fährt und von den ihm entgegenkommenden Fußgängern erwartet, dass die auf die Fahrbahn ausweichen, um ihm Platz zu machen.
jetzt antwortenKommentar meldenIch bin Berufs-Kraftfahrer, ich fahre überwiegend in der Stadt. Ich sehe täglich, das 75% aller Radfahrer die geltenden Verkehrsregeln missachten! Sie sind ihnen scheißegal! Warum gibt es so wenig Polizei mit Fahrrad, damit diesen Verkehrs-Raudis Einhalt geboten wird?
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