Von news.de-Mitarbeiterin Juliane Ziegengeist
Keine Miete zahlen? Das Projekt «Wohnen für Hilfe» macht's möglich. Es richtet sich an Studenten und all jene, die in ihrem Haushalt helfende Hände brauchen. Denn die ersetzen das Mietgeld. News.de hat mit Organisatoren gesprochen.
Günstige Studentenzimmer sind begehrt, gerade in großen Universitätsstädten. Wer seinen Geldbeutel schonen will, sucht nicht selten eine halbe Ewigkeit oder haust in Abstellkammern. Das Projekt «Wohnen für Hilfe» ist eine Alternative für jene, die schön wohnen und wenig zahlen möchten, dafür aber bereit sind, ihrem Vermieter bei alltäglichen Arbeiten unter die Arme zu greifen.
«Gemeinsam kochen und einkaufen, den Garten auf Vordermann bringen, die Wäsche machen - welche HilfeleistungenPflegeleistungen bleiben gelernten Kräften vorbehalten und sind daher von der Hilfe ausgeschlossen. in Anspruch genommen werden, ist ganz individuell», erklärt Sandra Wiegeler, die Wohnpartnerschaften an der Universität Köln organisiert. Die Grundidee: Es wird Wohnraum angeboten, für den gar keine oder nur ein Teil der Miete in Euro verlangt wird. Der Rest wird mit sogenannten Unterstützungsleistungen abgegolten.
Ursprünglich auf Senioren zugeschnitten, habe sich der Interessentenkreis solcher Angebote schnell erweitert. Mittlerweile suchen auch Familien, alleinerziehende Eltern und Berufstätige nach helfenden Mitbewohnern. Immer mehr Studenten betreuen Kinder und hüten Wohnung, Pflanzen oder Haustiere, wenn beruflich stark eingebundene Vermieter viel unterwegs sind.
Soziale Kompetenzen lernen
Auch das Freiburger Projekt hat sich mit der Zeit für Anfragen dieser Art geöffnet. Die Stadt gehört zu insgesamt 14 deutschen Städten, in denen Hochschulen Studenten, Senioren und Familien zusammenbringen. Egal ob rüstiges Rentnerehepaar, das sein Haus während einer Europatour bewacht wissen will, oder frisch geschiedene Mutter, die Hilfe bei der Kinderbetreuung sucht - bei ihr hätten schon viele an die Tür geklopft, erzählt Nicole Krauße vom Studentenwerk Freiburg.
Seit 2002 ist sie vermittelnd tätig. Die Zahl der Wohnpartnerschaften in Freiburg und Umgebung schätzt sie auf 250 bis 300. Im Jahr würden im Schnitt 50 Verträge abgeschlossen. «Das ist ein fließender Prozess. Manche Gemeinschaften lösen sich und formieren sich gleich wieder neu, weitere kommen dazu», erkärt Krauße.
Dass «Wohnen für Hilfe» so beliebt ist, habe verschiedene Gründe. Wohnraum sei knapp und teuer. Viele Studenten müssten jobben, um sich ihren Unialltag zu finanzieren. In Wohnpartnerschaften sei das auf kurzem Wege und über individuelle Absprachen möglich. Zudem sei das Angebot für jene attraktiv, die Sozialpädagogik studieren oder im Gesundheitswesen tätig sind. «Hier kann das Wohnen mit Hilfebedürftigen sogar als Referenz dienen», weiß Krauße. Naturwissenschaftler interessierten sich dafür als Ausgleich zu ihrem verkopften Studium. Ausländische Studenten, auf die rund die Hälfte der vermittelten Wohnräume entfällt, könnten die deutsche Sprache und Kultur besser kennenlernen.
Oft entstehen Freundschaften
Auch Sandra Wiegeler in Köln weiß, dass die etwas anderen Lebensgemeinschaften bei Hochschülern nicht nur wegen der niedrigeren Miete punkten. «Viele möchten nicht alleine wohnen, kennen die Großstadt, in der sie studieren, oft gar nicht und kommen aus einem familiären Gefüge, das sie gerne wiederhaben möchten.» Die Vermittlerin berichtet beispielsweise von einer Studentin, die das «Rambazamba» in ihrem Wohnheim satt hatte und nach einer Möglichkeit suchte, konzentriert zu studieren, ohne zu vereinsamen oder anonym zu bleiben.
Sie erinnert sich auch an eine alleinstehende 90-Jährige, die langsam erblindete. Durch ihre jüngere Mitbewohnerin schöpfte sie neuen Lebensmut und nahm wieder mehr am Leben teil. «Nicht nur die Hilfe ist das Entscheidende. Viele wollen einfach wieder aktiver werden», betont Wiegeler. Natürlich gebe es auch Lebensgemeinschaften, in den Studenten vorrangig ihre Arbeit verrichten und darüber hinaus nicht viel mit ihren Mitbewohnern zu tun haben. Das Schöne aber sei, dass sich die meisten auch auf menschlicher Ebene gut verstehen und freundschaftliche Bande knüpfen. Diese besteht oft selbst dann fort, wenn sich die Wohnwege trennen.
Eine Stunde Arbeit pro Quadratmeter
Die Gefahr, dass die Grenze zwischen mietmindernder Arbeit und Freundschaftsdienst schnell verwischen könnte, wenn Wohnpartner vertrauter werden, sieht Wiegeler nicht zwangsläufig. «Das ist ein Geben und Nehmen. Da wird nicht mit dem Finger gezeigt und gesagt, du hast eine halbe Stunde im Monat weniger gearbeitet», sagt sie. Bis es eine gewisse Routine gibt, sollten die Hilfeleistungen zu Beginn einer Wohnpartnerschaft jedoch von beiden Seiten kontrolliert werden. Damit könne gar nicht erst das Gefühl entstehen, dass der eine oder der andere ausgenutzt wird.
Wie viele Stunden für welche Tätigkeiten monatlich verrechnet werden, sei Sache der Wohnpartner und werde vertraglich individuell festgehalten, betonen die Vermittlerinnen. Eine Faustregel besagt: Pro Quadratmeter Wohnraum wird mit einer Stunde Arbeit im Monat gezahlt. «Wenn man 16 Quadratmeter bezieht, sind das vier Stunden in der Woche, also 16 Stunden pro Monat», erklärt Wiegeler. Monetär bezahlt werden dann gegebenenfalls Nebenkosten, Waschmaschine, Trockner und Internet. Sie schätzt die verbleibenden Kosten auf maximal 50 Euro.
Genaue Absprachen als Weg zum Erfolg
Natürlich können Wohnpartnerschaften auch schiefgehen. «Das passiert oft dann, wenn sich Student und Vermieter absolut sicher sind, dass das klappen wird, und kein Probewohnen machen», weiß Wiegeler. Bei einer Tasse Kennenlernkaffee verstünden sie sich super, müssten aber nach ein paar Wochen feststellen, dass sie sich das Zusammenleben anders vorgestellt haben. Schon Kleinigkeiten, wie eine auf der Spüle herummarschierende Katze, könnten den Ausschlag geben.
Viele Studenten unterschätzten Anfahrtswege. Gerade in Köln liege viel Wohnraum außerhalb des Zentrums. Studenten entschieden sich trotzdem dafür, weil es schöne und günstige Zimmer gibt, seien das Pendeln dann aber schnell leid. Krauße weiß aus Erfahrung, dass einige im Vorfeld die Belastung unterschätzen, die ein Studium mit sich bringen kann, und sich mit der Wohnpartnerschaft zu viel zumuten. Hinzu kämen Studienabbrecher und -wechsler. In seltenen Fällen stimme die Chemie einfach nicht.
Wiegeler rät deshalb zum Probewohnen. Das kann bis zu zwei Wochen dauern. Wer zufrieden ist, müsse gar nicht mehr ausziehen. Die größte Bedeutung misst ihre Kollegin aus Freiburg der Planung bei. Über gegenseitige Erwartungen zu sprechen und eindeutige Absprachen zu treffen, sei unabdingbar, um eine Situation zu schaffen, von der beide profitieren. Im Nachhinein ließen sich unterschiedliche Vorstellungen nur selten unter einen Hut bringen.
Andere Städte ziehen nach
Krauße macht sich deshalb von den Vermietern immer ein persönliches Bild, besucht diese zu Hause und fragt, welche Hilfe sie gerne in Anspruch nehmen würden. Daraus formuliert die Vermittlerin ein Wohnraumangebot, das in eine anonymisierte Datenbank eingespeist wird. Studenten, die an «Wohnen für Hilfe» interessiert sind, können sich unverbindlich schriftlich bewerben und anhand der Leistungen, die sie selbst anbieten möchten, entscheiden, welche Vermieter sie kennenlernen wollen.
20 bis 30 aktuelle Angebote hat Krauße in der Regel im Bestand. «Da ist für jeden etwas dabei - großer oder kleiner Wohnraum, viel oder eher wenig Hilfe», sagt sie. Stammvermieter, die bereits seit 2002 dabei sind, oder solche, die mehrere Wohnpartner haben, zeigten, dass es funktioniert. 2008 ist sogar ein gemeinsames Projekt mit der Lebenshilfe Freiburg entstanden, das sich auf integrative Wohngemeinschaften aus Menschen mit und ohne Behinderung konzentriert.
Auch Sandra Wiegeler bekommt in Köln ständig Anfragen von anderen Städten wie Berlin und Trier, die daran interessiert sind, «Wohnen für Hilfe» bei sich zu etablieren. «Die Problematik ist in jeder Stadt gleich. Überall gibt es ältere Menschen, Alleinerziehende und Studenten. Überall ist der Wohnungsmarkt schwierig», sagt sie.
som/ham/news.de
Ich bin Studentin mit Kind.. und interessiere mich sehr für ihres Projekt "Helfen staat mieten".. Brauche Hilfe...
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