Von news.de-Mitarbeiterin Annika Einsle, Leipzig
Männer nach vorn: Zehn Jahre, nachdem der erste Girls Day Mädchen für Männerberufe begeistern sollte, gibt es auch einen Zukunftstag für Jungs. News.de hat zwei von ihnen in einen Kosmetikshop begleitet.
Zischend steigt der Schaum im Glaszylinder auf und die beiden Jungs machen große Augen. Mit Chemie oder Physik hat das nur am Rande zu tun. Hier geht es vor allem um eines: ein entspannendes Schaumbad mit sanften Düften. Und das ist eine Welt, in der sich vor allem Frauen besonders wohl fühlen. Kein Wunder also, dass im Leipziger Kosmetikshop Lush, der bunte Badekugeln und Seifen verkauft, vorwiegend weibliche Mitarbeiter hinter dem Verkaufstresen stehen. Aber warum eigentlich? Schließlich sollten sich die Rollenbilder, denen zufolge Mann jagen geht, während Frau kocht und die Kinder hütet, längst geändert haben.
Die Gegenwart zeigt dennoch ein eindeutiges Bild: Nach wie vor gibt es typische Männerberufe, in denen Frauen selten sind. Und umgekehrt Jobs, für die sich Männer nur schwer erwärmen können. «Mehr als die Hälfte der männlichen Auszubildenden entscheidet sich für einen von zwanzig jungentypischen Ausbildungsberufen im dualen System - kein einziger aus dem sozialen, erzieherischen oder pflegerischen Bereich ist darunter», heißt es auf der Internetseite des Boys Days.
Deshalb wurde in diesem Jahr erstmals ein bundesweiter Jungen-Zukunftstag veranstaltet. Rund 34.000 Jungs ab der fünften Klasse haben sich heute in Kitas, Krankenhäusern und Blumenläden umgeschaut - oder waren im Kosmetikladen unterwegs. So wie Georg und Niklas, beide Siebtklässler des Leipziger Rudolf-Hildebrandt-Gymnasiums.
Zwischen Seife und Kosmetikdöschen
Georgs Schwester hat die Jungs auf Lush aufmerksam gemacht, sie schnuppert gern an den Seifen und Kosmetikdöschen des Schönheitsgeschäfts. Das hat in Georg und Niklas die Neugier geweckt. Wie dort wohl gearbeitet wird - zwischen Rosenduft und Schaumbad? Schüchtern stehen sie zwischen den aufgetürmten Seifenstücken und lassen sich von Susi und Vanina, die im Lush arbeiten, durch die Welt der Seifen und Badekugeln führen. «Sieht aus wie Gips», stellt Georg fest, als er eine der Badekugeln vorsichtig in die Hand nimmt. «Riecht aber viel besser», antwortet Vanina.
Der erste «Gipsball» landet im Wasser. Dafür ist Lush bekannt. Hier darf ausprobiert werden, was das Zeug hält. Susi hält den Jungs die Glaskaraffe unter ihre Nasen, lässt sie schnuppern und testen. Die Kugel zischt und prickelt, zwei kleine Finger quirlen sich durch das rosaschäumende Wasser. Und so langsam tauen die Schüler ein wenig auf.
Deren Klassenkameradinnen sind heute ebenfalls unterwegs. 124.000 Mädchen nehmen im Rahmen des Girls Days, der großen Schwester des neu eingeführten Boys Days, in ganz Deutschland an verschiedenen Aktionen teil. Sie schnuppern in technische und wissenschaftliche Berufe, die bislang vor allem Männer ausüben. Seit die Bundesregierung den Girls Day 2001 ins Leben gerufen hat, haben mehr als eine Million Mädchen an dem bundesweiten Projekt teilgenommen.
Überschäumende Stimmung
Für Niklas und Georg ist es der erste Aktionstag dieser Art. An ihren Shirts tragen sie einen schwarzen Sticker. Darauf steht «Lush Boys Day Boy». Einige ihrer Mitschüler schienen von der Idee des Aktionstages weniger überzeugt. Sie sitzen in der Schule, machen ganz normalen Unterricht.
Doch hier ist es eindeutig besser, sind sich die beiden einig und nicken zur Zustimmung mit den Köpfen. «Der Boys Day bietet den Jungs Einblicke in interessante und chancenreiche Berufe. Berufe, von denen viele von ihnen bislang noch gar keine richtige Vorstellung hatten», sagte Familienministerin Kristina Schröder, nachdem der erste bundesweite Boys Day 2010 beschlossen wurde.
Und tatsächlich: Georg und Niklas sind begeistert - vor allem vom «Badekugelvulkan», wie Vanina ihn nennt. Drei Duftkugeln haben sie dafür in einen großen Glaszylinder voll Wasser geworfen. Das Ergebnis ist ein überschäumender Badecocktail. Die 12- und 13-Jährigen zögern nicht lange. Im Nu versinken ihre Hände im grünen Blubberwasser und schaufeln eine Ladung Schaum heraus.
Der Spaß ist den Jungs ins Gesicht geschrieben, der Badeschaum auf ihren Haaren und der Kleidung verteilt. Später, als sie in einem Fragebogen ihre Eindrücke des Tages aufschreiben sollen, steht der «Badekugelvulkan» ganz oben auf ihrer Liste. An der Stelle, wo sie ihren Berufswunsch hinschreiben sollen, stehen dann aber doch ganz frauenuntypische Antworten: Polizist, Arzt, Ingenieur oder Architekt.
ham/news.de