Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Seit dem grausamen Tod des kleinen Kevin ist ein Berufsstand in den Blickpunkt gerückt: der Amtsvormund. Manche von ihnen haben die Verantwortung für mehr als 100 Mündel. Jetzt will der Bundestag das ändern. News.de spricht mit einem Vormund.
Für 35 Kinder ist Eduard Götzinger verantwortlich. Die meisten sieht er nur alle paar Monate. Ein persönliches Verhältnis, eine echte Beziehung ist dabei nicht möglich, sagt er. Natürlich hätte er gern mehr Zeit, aber die ist nicht da. Götzinger ist Amtsvormund im fränkischen Miltenberg - für 35 Mündel. Und das ist eigentlich wenig in seiner Gilde. Bei ihm liegt das daran, dass er noch einige andere Pflichten zu erfüllen hat. Zum Beispiel ist er für die Erklärung des gemeinsamen Sorgerechts zuständig, 600 Urkunden im Jahr sind da auszufüllen.
«Und wo wird die Zeit dafür abgezwackt? Bei den Mündeln», sagt Götzinger. Er beschreibt sich selbst als jemand, der seinen Weg gegangen ist im Amt. Der sich als einer der ersten immer schon um persönlichen Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen bemüht hat. Der im Gebäude seinen eigenen Bereich hat, um zu betonen: Ich bin unabhängig, ich bin der Vormund der Kinder, nicht Teil des Apparats. Der in 42 Jahren Dienstzeit immer klar gemacht hat, wo die Grenzen liegen: «Das ist zu viel, ich lege die Verantwortung ab.»
Ein Bremer Kollege hat das offenbar nicht getan. Für 200 Kinder sollte er das Wohlbefinden garantieren. Und ist daran gescheitert. Das war der Amtsvormund, der Götzingers Berufsstand vor ein paar Monaten ins Blickfeld der Öffentlichkeit gezogen hat. «Wir konnten nur noch Feuerwehr spielen», sagte er im Juni vor Gericht aus. Eines seiner vielen, vielen Mündel hieß Kevin. Kevin wurde im Oktober 2006 tot in einem Kühlschrank gefunden. Da war er schon fünf Monate tot.
Die Schuld des Vormunds: Er hat sich nicht gewehrt
Der Fall Kevin hat aufgerüttelt, und jetzt wird in Deutschland das Gesetz geändert, das die Arbeit der Amtsvormünder regelt. Denn nicht nur der gewalttätige Ziehvater, der den zweijährigen Kevin zu Tode quälte,
auch der Vormund kam vor Gericht - und mit einer Geldstrafe davon. «Er musste 5000 Euro zahlen, weil er sich nicht ausreichend gewehrt hat gegen seinen Arbeitgeber», meint Eduard Götzinger.
Die Änderung des Vormundschaftsrechts beschränkt die Zahl der Mündel nun auf 50 pro Vormund. Außerdem sieht sie vor, dass jeder Vormund einmal im Monat sein Mündel in dessen «üblicher Umgebung» aufsuchen muss. Ein Hausbesuch sozusagen.
Götzinger findet es wichtig, dass die Zahl 50 als Obergrenze im Gesetz steht. Festzuschreiben, wie häufig man jedes Kind besucht, sei jedoch schwierig. «Bei einem Säugling macht es keinen Sinn, mich monatlich zwei Stunden mit ihm zusammenzusetzen. Dafür sind manche Jugendliche mit 15 höchst problematisch und brauchen noch mehr Zuwendung.»
Ein Vormund ist Mädchen für alles
Was alles zukommen kann auf den Vormund, erklärt er an dem Beispiel einer seiner Familien. Der Vater erschoss die Mutter und sitzt für 13 Jahre hinter Gittern. «Es ist unglaublich, wofür da alles zu sorgen ist. Die psychotherapeutische Behandlung, Schule, dann haben die Kinder ein Recht auf Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz, die müssen beantragt werden, ihr Lebensunterhalt muss gesichert sein, die Krankenversicherung, das Kindergeld, dann haben die Kinder vom gemeinsamen Haus die Hälfte der Mutter geerbt, das muss geregelt werden, ebenso wie die Besuche beim Vater in der JVA, die Spannungen zwischen den Großeltern der Täter- und der Opferfamilie. Da ist man acht bis zwölf Wochen nur mit diesem einen Fall beschäftigt. Alles andere muss warten.»
Als Vormund trägt Eduard Götzinger zwar die Verantwortung für seine Mündel, die Alltagsentscheidungen liegen jedoch bei den Sorgeberechtigten. Das sind
Pflegefamilien, Heime oder die Eltern selbst, denen häufig nur Teilbereiche der Sorge entzogen werden - zum Beispiel das Aufenthalts- oder das Umgangsbestimmungsrecht. «Deshalb ist es wichtig, dass man auch die Pflegepersonen gut kennt und weiß: Was kann ich denen überlassen und was muss ich selbst entscheiden?», sagt Götzinger.
Die grausige Geschichte des kleinen Kevin wird etwas verändern. Götzinger stellte fest, dass bei einem Treffen von Vormunden kurz darauf plötzlich neue Kollegen aus Bremen dabei waren. «Das ist wichtig und richtig, die Aufmerksamkeit hat geholfen», meint er. Auch wenn die Anforderungen seines Alltags sich kaum in nackten Zahlen messen lassen - die 50 als Obergrenze ist für die Vormunde schon eine kleine Revolution.