Der Ausbildungsmarkt boomt, doch die guten Bewerber fehlen. Unternehmen klagen über mangelnde Vorkenntnisse und Manieren. Nicht nur die Schule steht unter Zugzwang.
Jugendliche haben so gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz wie seit mehreren Jahren nicht mehr - falls ihre Leistungen stimmen. Die Unternehmen wollen laut einer heute vorgestellten Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) dieses Jahr rund 40.000 Ausbildungsplätze mehr anbieten, doch sie bemängeln das schlechte Bildungsniveau einiger Bewerber. Dennoch geht der Verband davon aus, dass die Zahl der Lehrlinge um fünf Prozent steigen wird.
«Die Chancen der Jugendlichen auf einen Ausbildungsplatz sind glänzend», sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben bei der Vorstellung der Umfrage unter 14.000 Unternehmen. Es müssten aber mehr lernschwächere Jugendliche in die betriebliche Ausbildung einbezogen werden. «Denn zur Realität auf dem Ausbildungsmarkt gehört 2011 auch, dass nach wie vor zu viele Jugendliche nicht ausbildungsreif sind», sagte Wansleben.
Rund zwei Drittel der Betriebe mit offenen Plätzen gaben demnach an, keine geeigneten Bewerber gefunden zu haben. Dem Bund der Selbstständigen zufolge werden insbesondere im Hotel- und Gaststättengewerbe und im Handwerk händeringend Auszubildende gesucht.
Anforderungen zurückzuschrauben, ist der falsche Weg
Laut DIHK ist Lage sogar schon so ernst, dass 70 Prozent der Betriebe nicht mehr ausschlössen, Ausbildungsstellen notfalls mit lernschwächeren Jugendlichen zu besetzen. Der Anteil der Unternehmen, die das Anforderungsniveau gesenkt hätten, sei von acht auf zwölf Prozent gestiegen. Im Osten seien es sogar 19 Prozent.
Laut der DIHK-Umfrage bewerten die Betriebe die Mathematik- und Deutschkenntnisse der Jugendlichen etwas besser als zuletzt, von einem Durchbruch könne aber nicht die Rede sein. «Die Hoffnung der Wirtschaft auf eine bessere Ausbildungsreife der Schulabgänger erfüllt sich offensichtlich nicht», sagte Wansleben.
Die Betriebe stellten sich zunehmend auf Wissenslücken ihrer Lehrlinge ein: So sei der Anteil der Betriebe, die Nachhilfe anbieten, auf 56 Prozent leicht angestiegen. Es gebe viele Ausbildungsleiter in den Unternehmen, die sich am Freitagnachmittag mit ihren Lehrlingen zusammensetzten, um den Dreisatz nachzuholen, sagte Sybille von Obernitz, DIHK-Bereichsleiterin für berufliche Bildung. Wegen der gestiegenen Anforderungen in vielen Berufen sei es aber auch der falsche Weg, die Anforderungen an die Bewerber abzusenken, sagte von Obernitz.
Es hapert auch an der Erziehung
Nur ein Viertel der Unternehmen ist bereit, gegen finanzielle Anreize lernschwache Jugendliche auszubilden. «Freikaufen ist nicht», sagte Wansleben. Eher schon erklärten sich Betriebe bereit, die schwächeren Bewerber zu nehmen, wenn diese eine hohe Sozialkompetenz mitbrächten - etwa im Gast- oder Hotelgewerbe.
Zunehmend stören sich die Unternehmen der DIHK-Umfrage zufolge auch an Erziehungsdefiziten der Bewerber. So mehren sich seit 2006 die Klagen über mangelnde Disziplin. Dieses Jahr stellten 48 Prozent der Unternehmen Disziplinprobleme fest, über mangelnde Belastbarkeit beschwerten sich 45 Prozent der Befragten. Dabei gehe es um «Erziehungsprobleme, die sich vor allem die Eltern ins Stammbuch schreiben müssen», sagte Wansleben. Die Familien und der Staat müssten mehr für den Nachwuchs tun. «Wir müssen die Jugendlichen besser erziehen und besser schulisch ausbilden.»
zij/som/sca/news.de/dapd