Von news.de-Mitarbeiterin Juliane Ziegengeist
Sie drücken noch die Schulbank und sind trotzdem dick im Geschäft: Schüler als Unternehmer. Ob Café, Werkstatt oder Galerie, aus fast jeder Idee lässt sich ein Firmenkonzept stricken. News.de verrät, was es dabei zu beachten gilt.
Wie gut bereitet Schule auf das Leben vor? Auf Beruf und Karriere? Auch wenn sich darauf pauschal keine richtige Antwort finden lässt, dürften viele Schulen Nachholbedarf bei den Lehrplänen haben. Zu theoretisch der Unterricht, zu unzweckmäßig das Wissen. Ein Quäntchen Würze bringen Schülerfirmen in den Alltag deutscher Bildungseinrichtungen. Wo ließe sich besser berufsvorbereitend lernen als in einem Projekt, bei dem unter realen Marktbedingungen gearbeitet und Geld verdient wird?
Genau das passiert bei einer Schülerfirma: «Dabei handelt es sich um pädagogische Projekte an Schulen, in denen Schüler selbst eine eigene Geschäftsidee umsetzen, indem sie Dienstleistungen anbieten, Produkte herstellen und verkaufen», erklärt Claudia Köhler, die die Initiative Gründerkids in Sachsen-Anhalt betreut. Zwar seien Schülerfirmen keine realen Unternehmen, orientierten sich aber in ihrer Arbeitsweise an solchen. Im Gegensatz zu PlanspielenBei Planspielen wird eine bestimmte Situation zu Lernzwecken simuliert. werde mit realen Waren gehandelt und - unter dem Dach der Schule und des Schulfördervereins - auch reales Geld verdient.
In Sachsen-Anhalt sind laut Köhler 102 solcher Unternehmen aktiv, und zwar Förder- und Sekundarschule, Gymnasium und Berufsschule. Bundesweit sei die Zahl schwer zu schätzen, da es in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche oder gar keine Initiativen gebe, die Schülerfirmen betreuen. Für die neuen Bundesländer und Berlin, wo das Fachnetzwerk Schülerfirmen der Deutsche Kinder- und Jugendstiftung mit Beratern tätig ist, liege die Zahl bei etwa 450 Projekten.
Lernen fürs Leben
In welchen Fachbereichen und Klassenstufen Schülerfirmen entstehen, sei sehr unterschiedlich, weiß die Beraterin. Allein an den Wirtschaftsunterricht seien sie nicht gebunden. Darauf entfalle nur etwa ein Fünftel der Firmen. Oft zeigten sich Kunstlehrer daran interessiert, die Bilder ihrer Schüler zu vermarkten. Zum einen, um diese nicht verstauben zu lassen - zum anderen, um den Schülern das Gefühl zu geben, nicht nur der Noten wegen zu lernen. «Optimalerweise arbeiten die Firmen dabei klassenübergreifend, also zum Beispiel mit jeweils drei Schülern aus der siebten, achten und neunten Klasse», so Köhler. Natürlich ließen sich Schülerfirmen im Klassenverband einfacher in den Unterricht einbinden. Stammen die Mitarbeiter aus unterschiedlichen Klassen, sei die Motivation erfahrungsgemäß höher.
Auch der Lerneffekt sei dann größer. Dieser bestehe vor allem in der Erfahrung, sich selbst zu organisieren. «Eigenes Zeitmanagement, Teamarbeit, Krisenbewältigung - all das müssen Schüler in ihren Firmen eigenverantwortlich leisten», sagt Köhler. Denn im Alltag eines Schülercafés oder einer Schülerwerkstatt komme es wie auch in jedem anderen Unternehmen zu Konflikten, die die Jugendlichen aushalten und miteinander lösen müssten. Lehrkräfte agieren dabei lediglich als Moderatoren.
Neben der persönlichen Weiterentwicklung seien fachliche Kompetenzen ein Gewinn. Indem Schüler eine Geschäftsidee entwickeln und sich mit Geschäftsmodellen wie GmbHGesellschaft mit beschränkter Haftung , AGArbeitsgemeinschaft oder eGeingetragene Genossenschaft auseinandersetzen, lernten sie Unternehmensformen kennen, denen sie auch im späteren Leben begegnen, glaubt Köhler. «Alle Schülerfirmen haben einen Geschäftsführer und eine Buchhaltung. So üben sie, auch mal streng zu sein, Belege zu schreiben und sich um Finanzen zu kümmern», so die Beraterin. Und das gelte unabhängig davon, ob die Schüler Vogelhäuser bauen oder Lernsoftware programmieren.
Sich beraten lassen
Oft arbeiten Schülerfirmen mit anderen Unternehmen zusammen, um sich Unterstützung zu holen und eigene Abläufe zu verbessern. Umgekehrt könnten etablierte Unternehmen davon profitieren, sagt Köhler. Ein Beispiel aus ihrer Beraterlaufbahn: Eine Schülerfirma, die im Eventbereich arbeitete, wollte lernen, wie sie mit Sponsoren professionell umgeht. Ein Veranstaltungsbüro habe sich damals bereit erklärt, zu helfen. Im Gegenzug griffen die Schüler der Agentur bei einem Jazzfestival unter die Arme und casteten Künstler für die Veranstaltung, die sich an ein jüngeres Publikum richtete.
«So etwas ist das höchste Ziel, wenn es um Kooperationen geht», betont die Beraterin. «Wenn beide Parteien voneinander lernen.» Um Kontakte herzustellen und einer Firmenidee überhaupt erst Leben einzuhauchen, helfen Landesinitiativen wie Gründerkids. Auch weil Lehrer meist wenig Vorkenntnisse haben, was unternehmerisches Handwerk angeht, geben Schülerfirmenberater Antworten auf gestellte Fragen: Welche Aufgaben habe ich als Geschäftsführer? Wie funktioniert Marketing? Wie organisiere ich die Buchhaltung?
Zunächst aber geht es in die Vorgründungsphase: Sind für eine Idee Mitstreiter und Lehrkräfte gefunden, hilft Gründerkids bei der strukturellen Umsetzung. «In Workshops wird das Rüstzeug vermittelt», so Köhler. Rechtliche Rahmenbedingungen und Möglichkeiten finanzieller Unterstützung werden gemeinsam erarbeitet. Hinzu komme eine individuelle Beratung an den Schulen selbst.
Zum Zweck der Berufsvorbereitung
Der Erfolg einer Schülerfirma bemisst sich Köhler zufolge nicht an deren GewinnSchülerfirmen sind als Schulbetriebe zu pädagogischen Zwecken nicht steuerpflichtig, solange ihr Jahresumsatz nicht über 35.000 Euro liegt und ihr Reingewinn 3835 Euro nicht überschreitet. , auch wenn dieser erlaubt und gewünscht ist. Er sei nicht als Gehalt zu verstehen, werde in den meisten Fällen ohnehin reinvestiert oder in gemeinschaftliche Aktionen umgesetzt. «Eine Schülerfirma gönnt sich zum Beispiel einmal im Jahr ein Vier-Sterne-Menü. Und das Beste daran: Es schmeckt umso besser, weil die Schüler es sich selbst erarbeitet haben», sagt Köhler. Aus ihrer Erfahrung habe sich noch kein schulunabhängiges Unternehmen aus einer Schülerfirma gegründet, da diese in der Regel an die nächste Generation weitergegeben werde. So gebe es in Sachsen-Anhalt Schülerfirmen, die bereits zehn Jahre alt sind und noch immer erfolgreich wirtschaften.
Dennoch trage der Lerneffekt von Schülerfirmen über ihre eigenen vier Wände hinaus. Viele ehemalige Mitarbeiter hätten sich nach ihrem Abschluss weiterhin engagiert, egal ob in studentischen Projekten oder ehrenamtlich, so Köhler. «Sie gehen ihr Studium meist viel bewusster an, nehmen bestimmte Aufgaben realistischer in Angirff», weiß sie. Weil sie sich bereits ausprobieren konnten und so besser wüssten, was ihnen Spaß macht und was nicht. «Der Unterricht bietet Jugendlichen oft nicht die Möglichkeiten, das selbst zu testen.»
Schülerfirmen seien deshalb - noch mehr als Betriebsbesichtigungen oder Praktika - eine sinnvolle Ergänzung zum Unterricht. Dazu brauche es nicht nur engagierte Schüler, die sich und andere langfristig für eine Idee begeistern können, sondern auch Pädagogen und Schulleiter, die sie bei ihrem Projekt einerseits unterstützen, andererseits «machen lassen». Den Schülern Fortbildungen zu ermöglichen, Messeauftritte mitzutragen und sie netzwerken zu lassen, sei insbesondere für ihr Selbstbewusstsein und ihre Motivation wichtig. «Um sich trotz des Mehraufwands den Schülerfirmen für alle bedeuten, gegenseitig im Verbund mit anderen Schulen zu bestärken», sagt die Beraterin.
Sie weiß, dass bei der Betreuung gerade das enge Zeitfenster vieler Lehrkräfte ein Problem sei. «Wir haben die Erfahrung, dass Ganztagsschulen den größten Spielraum bieten, Firmenprojekte gut umzusetzen», so Köhler. Weil sich die Zeit flexibler einteilen ließe und die Schüler nicht pünktlich zum Klingeln den Bus kriegen müssten.
sca/ham/news.de