Von den news.de-Redakteuren Isabelle Wiedemeier und Jan Grundmann
Jetzt ist es amtlich: Mit Stufe 6 ist Fukushima der zweitschlimmste Störfall in der Geschichte der Atomkraft. Stündlich erfahren wir von neuen Bränden und Explosionen. Doch was bedeutet das für Japan? News.de hat Physiker gebeten, die Gefahr einzuschätzen.
Stufe 6 - so haben die Pariser Behörde für Atomsicherheit ASN und auch das US-Forschungsinstitut Isis die Nuklearkatastrophe in Fukushima eingeordnet. Die ist definiert als schwerer Unfall, bei dem erhebliche Mengen an Radioaktivität freigesetzt und Katastrophenschutzmaßnahmen voll eingesetzt werden. Nur Tschernobyl erhielt bisher die höchste Kategorie 7.
Der Gau in Fukushima steht damit auf einer Stufe mit dem Unfall im sowjetischen Kyschtym 1957. Dort waren Behälter mit radioaktiven Rückständen explodiert, nachdem die Kühlung ausfiel. 20.000 Quadratkilometer wurden radioaktiv verseucht, tausende Menschen verstrahlt. Wie hoch die Schäden genau waren, ist nur schwer nachvollziehbar - viele Menschen wurden damals nicht medizinisch überwacht.
Jetzt heißt es: Feuer in Reaktorblock 4, die inneren Reaktorhüllen von Block 1 und 3 könnten beschädigt sein, bei Block 2 klaffte gestern schon ein Loch - mit angehaltenem Atem verfolgen wir, was derzeit im Kernkraftwerk Fukushima geschieht - nachzulesen in unserem Liveticker. Jetzt also auch noch Alarmstufe 6. Doch einschätzen, was das bedeutet - für die Menschen in der 30-Kilometer-Zone um das Werk, im 200 Kilometer entfernten Tokio, in China, in der ganzen Welt - das kann derzeit niemand.
Arbeiter werden abgezogen
Was die Welt bewegt, reduziert sich für Wolfgang Sandner auf blanke Fakten. Er ist Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, mit 60.000 Mitgliedern die größte Fachgesellschaft für Physiker weltweit. Bei ihm laufen viele Fäden von Forschungsstellen zusammen, die die Ereignisse in Fukushima interpretieren.
Doch als Physiker lässt er sich nicht auf Spekulationen ein. Ob Tokio evakuiert werden muss, große Teile Japans für immer unbewohnbar bleiben - «das kann man nur beurteilen, wenn man weiß, wie viele radioaktive Substanzen in die Luft gelangt sind. Beschwichtigungen wären genauso falsch wie Panikmache durch übertriebene Szenarien. Das ist unseriös», betont der Physiker.
Die Fakten sind relativ klar: In allen drei Reaktorblöcken, die zum Zeitpunkt des Bebens noch aktiv waren, haben inzwischen Explosionen stattgefunden, bei denen die äußere Gebäudehülle zerrissen wurde. Dabei handelt es sich um Wasserstoffexplosionen, die laut Sandner dadurch ausgelöst wurden, dass im Druckbehälter des Reaktors Überdruck abgelassen wurde. Bei der Explosion in Block zwei am Dienstag wurde die innere Schutzhülle beschädigt, gleiches nimmt die Regierung nun auch für die anderen beiden Blöcke an.
«In drei Fukushima-Reaktoren haben wir partielle Kernschmelzen. Ein Reaktor hat definitiv Lecks. Radioaktivität wird in einem großen Umfang freigesetzt.» So lautet die düstere Situationsanalyse von Greenpeace-Atomexperte Karsten Smid. Auf dem AKW-Gelände seien am Dienstag 400 Millisievert gemessen worden, am Morgen (Ortszeit) stieg die Belastung kurzzeitig bis auf 1000 Millisievert an - dort, wo noch immer Arbeiter den Super-Gau verhindern wollen.
«Ein längerer Aufenthalt im Bereich des AKW Fukushima kann zu Strahlenkrankheiten führen», sagt Karsten Smid. Deshalb wurden die Arbeiter zurückgezogen - von 800 sind jetzt nur noch 50 vor Ort, und auch die mussten während der erhöhten Strahlung zeitweise abgezogen werden. Nun sind sie jedoch wieder im Einsatz, um die Brennstäbe zu kühlen.
In den vergangenen Tagen war noch intensiv am Unglücksmeiler gearbeitet worden. So wurde zum Beispiel Meerwasser in die Reaktorblöcke geleitet, um die Kühlung zu erneuern. Laut Wolfgang Sandner wurde dadurch vermutlich bewirkt, dass die Kühlstäbe am Montagmittag zeitweise trocken lagen. «Man musste den Druck runterfahren, um über die Feuerwehrleitungen Wasser einleiten zu können. Die eigentlichen Leitungen sind beschädigt, und die Feuerwehrleitungen halten einem hohen Druck, wie er normalerweise im Reaktor herrscht, nicht stand. Deshalb wurde wohl ein zeitweiliges Trockenfallen in Kauf genommen.» Und damit eine beginnende Kernschmelze.
Alles ist eine Frage der Kühlung
Doch im Reaktorblock 2, der durch die Explosion zwei acht Quadratmeter große Lecks in der Stahlhülle aufweisen soll, sei eine Kühlung nicht mehr wirklich möglich, erklärt Greenpeace-Atomexperte Karsten Smid. «Wie jetzt eine Eindämmung passieren soll, weiß ich auch nicht.» Die Kernschmelze werde weitergehen, die Kühlung mit Meerwasser habe nicht ausgereicht.
Auch, was die Brände in Block vier für Konsequenzen haben, ist unsicher. Dort wurden stillgelegte Brennstäbe gelagert, und auch sie brauchen Kühlung, wie Sandner erklärt: «Wenn die trockenfallen, ist das ein durchaus nicht zu vernachlässigendes Gefahrenpotenzial.» Der zweite Brand, der in der Nacht ausbrach, ist vermutlich erloschen - doch die Kühlung funktioniert auch hier nicht mehr.
Alles ist eine Frage der Kühlung - und damit der Energieversorgung. Auch eine langfristige Lösung für die Reaktoren in Fukushima sieht so aus - zumindest in dem wünschenswerten Fall, dass keine weiteren unvorhergesehenen Ereignisse passieren. «Wenn Druck- und Sicherheitsbehälter intakt sind, dann müssen über lange Zeit Kühlkreisläufe sichergestellt werden», erklärt Physiker Wolfgang Sandner.
Doch dies ist noch nicht abzusehen. «Das ist eine Katastrophe, die noch nicht zu Ende ist», sagt Greenpeace-Atomexperte Smid. «Im Moment besteht noch eine geringe Chance, dass man mit einem blauen Auge davonkommt», lautet die Einschätzung von Physiker Sebastian Pflugbeil in der ARD. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz war einer der wenigen Menschen, die das Innere des Betonschutzmantels um die Reaktorruine von Tschernobyl vor Ort untersucht haben.
Er redet im Konjunktiv: «Wenn der Stahlbehälter bersten würde, wäre ich versucht, Vergleiche zu Tschernobyl anzustellen.» Seitdem bei drei Reaktorblöcken die innere Schutzhülle aufgerissen ist, scheint dieses Szenario nicht mehr ausgeschlossen.
Atomkraft muss ein Auslaufmodell bleiben. Sonne, Wind und Wasser plus Energieeffizienz und Einsparung gehören die Zukunft!
jetzt antwortenKommentar meldenÜber die Anzahl der Techniker u. Ing. und die Art und Weise wie sie gegen den GAu konkret vorgehen ist viel zu wenig bekannt, als dass man unseren Medien hier einen Vorwurf machen kann. Das wäre pure Spekulation. Die Informationspolitik des Betreibers ist hier anzuprangern.
jetzt antwortenKommentar meldenFukushima – das ist für mich bewundernswert. Obwohl durch den Tsunami eigentlich alle Systeme außer Kontrolle sind, der Gau Realität ist, versucht ein Team von Ingenieuren und Technikern unter Einsatz ihres Lebens, auf völlig unkonventionellen Wegen unter Inkaufnahme schwerer Zerstörungen das eigentlich Unmögliche: die unbeherrschbar gewordenen Systeme so weit zu bändigen, dass das Allerschlimmste vermieden wird. Beschämend, das unsere Medien das total übersehen und wichtigtuerisch und sensationslüstern Hysterie schüren und weitgehgend verantwortungslos dummschwätzen wie auch viele Politiker
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