Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Soja statt Milch. Schokolade nur noch Schwarz. Kuchen immer selbst backen. Eine Ernährung ohne tierische Produkte scheint moralisch erstrebenswert. Aber plötzlich wird Essen viel zu wichtig. Eine news.de-Redakteurin hält sich den Bauch.
Aller Anfang ist grün. Dumm, dass ich mich ausgerechnet an Tag eins des Veganerdaseins in diese grüne Ledertasche vergucken muss. «Dann wird es eben meine letzte Ledertasche und ich bin erst ab morgen Veganerin», so der hinterlistige Gedanke. Tatsachen schaffen, so tun als ob. Bin ich wirklich bereit zu dem Schritt? Ich gehe durch die Ladentür. «Nein, ein Imitat», antwortet die Verkäuferin auf die entscheidende Frage.
Sie ist nicht aus Leder! Das ist das Zeichen, der Startschuss, grünes Licht für ein Leben als Gutmensch: Ich schaffe es – und bringe endlich Konsequenz in meine mehr als zehnjährige Fleischlosigkeit. Das Veganertum beginnt mit Konsum. Sojamilch fürs Müsli, Tofu und frische Kräuter für die Aufstrich-Pasten, die den Käse ersetzen müssen, schwarze Schokolade für die schwachen Momente. Aber nur noch schwarze Schokolade? Ich lasse keine Keksschachtel im Supermarkt ungedreht auf der Suche nach der Liste mit Inhaltsstoffen. Zutaten: Ja, ja, ja, ja, jaaa – nein! Vollei. Butterreinfett. Muss das wirklich sein? Ginge es nicht auch ohne?
«Lass es», sagt ein Kollege, als er von meinem Süßwarenproblem erfährt. «Lass es!» Aber ich stehe in der Küche. Der Teig für die Nussecken bekommt einen Extraschuss Sojamilch statt Ei, Margarine statt guter Butter, und weil die Kouvertüre Vollmilchpulver enthält, muss Blockschokolade für den Guss herhalten. Alles im Griff, die Ecken in der Röhre. Oben auf dem Herd mischt sich Spinat mit Kichererbsen, der Pürierstab rotiert bei Humus, Tofu-Koriander und Tofu-Tomate (statt Käse). Noch eine Runde Knoblauch für den Spinat hacken - «oh nein!»
Die Nussecken sind hart und dunkel. Am Morgen in der Redaktion steht alles voller Schokolade. Ein Kollege hat aufgetischt. Kuchen, Kekse, Schoko-Crossies. Ich knacke an meiner Nussecke, und Sojamilch lässt sich auch prima aufschäumen zum Kaffee. Alles entspannt. Jetzt aber los zum Markt. Heute Abend gibt’s Fisch!
Ja, der Fisch darf bleiben. Erstmal. Erstens ist das Fischessen mit dem Kollegen von langer Hand geplant. Zweitens muss man ja nicht im Hauruck-Verfahren zum Gutmenschen werden. Und außerdem ist ein Fisch keine Kuh und kein Lämmlein. Mit dessen Tod kann ich leben. Ein Veganer darf aber keinen Fisch? Meine Regeln mach ich immer noch selbst. Dann bin ich eben keine Veganerin. Schubladen interessieren mich nicht.
Aber etwas Konsequenz soll schon sein! Nie wieder Joghurt? Nicht, dass ich früher viel Joghurt gegessen hätte. Meistens wird mir davon schlecht. Aber plötzlich kommt mir das Leben ohne Joghurt trist vor. Was das Kühlregal im Bioladen dazu sagt? Yofu. Auch Sojamilch kann fermentieren, das Ganze gibt's in Natur, mit Vanille oder Heidelbeer. Kostenpunkt: mehr als 2 Euro für 500 Gramm. Puh. Da kommt erstmal wieder ein Topf Griesbrei mit Sojamilch auf den Herd. Erkenntnis nach einer Woche Veganerinnentum: Ich bereite ständig Essen zu und futtere ununterbrochen. Wenn auch fleisch-, ei- und milchlos. Mir ist schlecht.
Wie entspannt, dann am Samstag bei 'ner Freundin einfach «ja» zu sagen auf die Frage: «Kaffee?» Im Milchschaum zu rühren und einfach zuzugreifen beim Kuchen. Egal jetzt mal. Die Veganerin in mir hat Sendepause. Gut, mal wieder ein normales Gefühl zu haben. Nicht ständig in Hab-Acht-Stellung zu sein.
Nein, es ist noch nicht entschieden. Die Testphase sagt, das Schlimmste an der Entbehrung ist die soziale Komponente. Tee statt Kaffee? Kein Kuchen? Geht mal, aber immer «nein» zu sagen, nervt. Ich habe keine Lust, mich laufend zu erklären. «Nein, ich bin nicht radikal. Nur ein bisschen konsequent.» Ich will mich nicht als Gutmensch darstellen und das Missionarsgen geht mir ab. Aber was wiegt das gegen geschredderte männliche Küken und ausgelaugte Milchkühe? Die sind manchmal sehr abstrakt, wenn sich sonst auch keiner für sie interessiert.
Die neue Tasche ist noch ungenutzt. Sie ist zu klein für die vielen Schachteln voller Essen, die jetzt mitgeführt werden müssen. Mal sehen, was der Frühling zum Veganertum sagt. Wenn's wieder grün wird.
voc/ivb/news.de
Vegan ist eine hauptsächlich ethisch begründete Lebens- und Ernährungsweise, die es ermöglicht, möglichst wenig Tierleid zu verursachen. In der Praxis sieht es so aus, dass der Veganer und die Veganerin sich rein pflanzlich ernähren un tierliche Produkte meiden. Die Produktion von vegetarischen, tierlichen Produkten, Eier, Milch, Wolle, Seide, Daunenfeder, ist in der heutigen üblichen Praxis mit erheblichem Tierleid verbunden.
jetzt antwortenKommentar meldenUnd genau aus dem Grund ... alle Versuchungen aus dem Blickkontakt. Sich auch mal etwas Gutes leisten - z.B. einen Pudding von Alpro Soja oder die sehr guten Fleisch- und Wurstimitate von "Heirler Bio Der andere Genuß". Gemeinsam mit Freunden kochen! So kochen, dass man es am Abend oder nächsten Mittag noch einmal warm machen kann, ... und viel, viel Ausprobieren. Schmeckt die eine Sojamilch nicht, ist vielleicht die nächste das Wahre. Aller Anfang ist schwer. Vllt ein paar Schreckensbilder in der Brieftasche aufbewahren, die einem entgegen springen, bevor man schwach wird?
jetzt antwortenKommentar meldenIch lebe seit einem halben Jahr vegan und ich kenne den Frust, der sich bei mir durchaus anstaut. Dabei boykottierte ich bereits Jahre vorher Produkte (Coca Cola, Sachen von Procter&Gamble, Nestlé, Unilever, Bahlsen, ...), die ich zuvor gut und lecker und wichtig empfunden hatte, die aber eben nicht mit meinen Moralvorstellungen übereinzustimmen waren. Und jetzt husche ich teilweise durch die Regale und schnüffle an einer großen Packung Marshmallows, die ich dann, entschieden, aber gleichzeitig mit einem Gefühl tiefer, inneren Leere, zurück ins Regal stelle. Sobald man es sieht, will man es.
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