Sa., 26.05.12

Vegan vs. vegetarisch 13.02.2011 Der Kampf der Fleischlosen

vegan (Foto)
Vegan wird immer populärer. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Veganer haben nichts gegen Vegetarier - obwohl die in ihren Augen nur den halben Weg gehen. Zur Messe Veggie World ist nun ein Disput entbrannt zwischen zwei Konzepten, die eigentlich dasselbe wollen: Tiere schützen.

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Eigentlich sind sich Christian Vagedes und Sebstian Zösch einig. Beide haben beschlossen, dass sie nichts mit Tod und Quälerei von Tieren zu tun haben wollen. Sie leben vegan. Kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier, keine Milch, kein Leder.

Beide sind der Meinung, dass ihre Lebenseinstellung es wert ist, von anderen übernommen zu werden. Von möglichst vielen, am liebsten von allen. Christian Vagedes sagt sogar: «Es gibt Dinge, die wirklich wahr sind. Manche Themen kann man von vielen Seiten betrachten, aber hier kommt man nicht darum herum, dass es wirklich so ist.» Deshalb engagieren sich Vagedes und Zösch, sie stehen nationalen Verbänden vor. Vagedes ist Vorsitzender der frisch gegründeten Veganen Gesellschaft, Sebastian Zösch stellvertretender Vorsitzender des Vegetarierbundes (Vebu).

Hungrige Kinder, geschredderte Küken und vergreiste Milchkühe

Und so sieht die Wahrheit aus, die Vagedes so internalisiert hat, dass er sie jederzeit aus dem Stehgreif dozieren kann. Da ist zum einen der Welthunger, den Veganer bekämpfen wollen. «Alle 15 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger. Für ein Kilo tierisches Protein sind zehn Kilo pflanzliches Protein nötig. Diese Verschwendung ist seit den 1970ern bekannt und geht zu oft unter in Diskussionen.»

Dann die Eier, die Vegetarier in Deutschland weiterhin konsumieren: «Man braucht nur die Legehennen. Die männlichen Kollegen sind komplett überflüssig und werden sofort nach dem Schlüpfen aussortiert und geschreddert. Die Legehennen werden später auch getötet und vermarktet als Suppenhühner.» In Indien oder den USA gälten Eier gar nicht als vegetarisch, erklärt er: «Wenn wir in Amerika von Vegetariern reden, sprechen wir von vegan.»

Auch Milch könne eigentlich niemand ruhigen Gewissens konsumieren: «Eine Kuh kann nur regelmäßig Milch geben, wenn sie ständig kalbt.» Die Milchkuh selbst sei nach vier Jahren komplett ausgelaugt und vergreist und komme auch zum Schlachter - «obwohl eine Kuh eigentlich mehr als 20 Jahre alt werden kann.» Überflüssig sind auch hier die Männer. «Früher wurden Kälber sofort geschlachtet, dafür gab es sogar die sogenannte ‹Herodesprämie›. Heute ist das zwar verboten, aber die männlichen Rinder werden gemästet und auch relativ bald getötet.»

Nicht mit den «Konventionellen» auf dieselbe Messe

So weit die Argumente, die Vagedes und Zösch durchaus teilen. Deshalb wollte die junge Vegane Gesellschaft auch auf der vom Vebu veranstalteten Messe «VeggieWorld» ihren Stand aufstellen, die noch bis Sonntag in Wiesbaden stattfindet. Doch dann knallte es. Vagedes schrieb einen offenen bösen Brief an Zösch, in dem er ihm vorwirft, die konventionelle Landwirtschaft - «und damit eine Politik von vorgestern» - zu unterstützen.

«Frieslandcampina» heißt der Stein des Anstoßes. Ein internationaler Milchproduzent mit Sitz in den Niederlanden, der auf der VeggieWorld seine Produktlinie Valess präsentiert: «Eine leckere und gesunde Alternative zu Fleisch auf der Basis von frischer Milch», schreibt das Unternehmen auf seiner Homepage. Die klassischen Fleischalternativen wie Saitan, Tempeh oder Tofu bestehen aus Weizeneiweiß oder Sojaproteinen. Und sind vegan. «Aber jetzt gibt es Leute aus der Großindustrie, die Greenwashing machen und sich das Mäntelchen von Nachhaltigkeit umhängen. Milch und Eier bei Valess stammen aus konventioneller Haltung, die Tiere sind mit Gentechnik gefüttert.» Vagedes ist verärgert.

Nicht nur die Tierhaltung, sondern die gesamte konventionelle Landwirtschaft sind für ihn ein No-Go. Die Böden seien völlig überchemisiert und ihrer Nährstoffe beraubt. Die Chemisierung fände überhaupt nur statt, damit die riesigen Mengen Futtermittel hergestellt werden könnten, betont er.

Direkt auf den rechten Weg ziehen oder langsam anfüttern?

Die Konventionellen oder wir, sagten also die Veganer, und deshalb sind sie auf der Veggie World jetzt nicht dabei. Denn der Weg der Veganen Gesellschaft ist der direkte. «Wer sich einmal die Mühe gemacht habe, merkt, es ist gar nicht so schwierig. Und man wünscht sich, alle, die man mag und lieb hat, auf seine Seite zu ziehen.» Der Vorsitzende kommt ins Schwärmen.

Sebastian Zösch ist skeptisch, dass sich die Menschheit auf direktem Weg erreichen lässt. «Wir sind offener. Streng genommen müsste auch alles bio, Fair Trade, regional und saisonal sein, es dürften keine Konzerne, sondern nur kleine und mittelständige Betriebe dabei sein. Aber dann stünden wir mit vier Ausstellern da», sagt er. Der Verzicht der Veganen Gesellschaft bei der Messe ist in seinen Augen ein geschickter Werbeschachzug. Frieslandcampina habe seit Monaten auf der Ausstellerliste gestanden, die Vegane Gesellschaft habe sich ein paar Tage vorher angemeldet und dann «theatralisch» abgemeldet.

«Vom Herzen bin ich Veganer», sagt Zösch - wie übrigens auch der gesamte Vorstand des Vegetarierbundes. «Aber man muss den Leuten verständliche Schritte beibringen. Vielen geht es noch ein Stück zu weit, die muss man auch erstmal loben.»

Dogmatiker will auch Vagedes nicht sein. Nein, Veganer blickten nicht auf Vegetarier herab, sondern er wolle Menschen begeistern, noch einen Schritt weiterzugehen. «Es hat nichts mit Verzicht zu tun, wir sind keine Fakire.» Ungefähr eine halbe Million Menschen in Deutschland machen schon mit, so Schätzungen. Auch Christian Vagedes' Friseurin. Er hatte ihr einen Flyer über die Gründung der Veganen Gesellschaft in die Hand gedrückt, auf dem stand, «Bring Liebe in deinen Kühlschrank.» Beim nächsten Besuch verkündete sie ihm, sie lebe vegan, hatte abgenommen. Und fühlte sich richtig happy.

jag/news.de
Leserkommentare (3) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Rolf Schneider
  • Kommentar 3
  • 31.08.2011 14:36
 

Völlig vergessen wird ständig das weltweit grösste und älteste vegetarische Land Indien. Von über einer Milliarde Inder sind 83% Hindus, also Vegetarier, die selbstverständlich Milchprodukte konsumieren. Die "heilige Kuh" steht ja gerade für Nahrungsfülle. Veganer unterlaufen die gute und richtige vegetarische Idee, indem sie unerfüllbare, bizarre Forderungen stellen bzw. dafür werben. Ihre Aktionen sind zu 100 % kontraproduktiv, weil sie eine "jetzt-erst-recht ! -Haltung " bei solchen Leuten provozieren, die eigentlich der fleischlosen Idee sehr aufgeschlossen sind.

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  • Frank stein
  • Kommentar 2
  • 19.02.2011 07:57
 

Ich teile die Ansicght von Herrn Zoesch.Wenn wir die Leute mitnehmen wollen, dann muessen wir auf die Menschen zugehen und duerfen uns nicht selbt bekriegen. Die Absage der Veganer auf der Veggiewolrd in Wiesbaden war deshalb aus meiner Sicht falsch. Das hat der Sache nur geschadet. Umso mehr freut es mich, dass die VeggieWorld so erfolgreich war

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  • Antonietta
  • Kommentar 1
  • 14.02.2011 11:08
 

Veganer: Essen grundsätzlich nichts, das einmal gelebt hat, verzichten auf Produkte, die von Tieren stammen, z. B. Eier, Honig, Milch, Joghurt, Butter. Dazu tragen sie kein Leder, keinen Pelz, verwenden keine Daunenkissen oder -jacken. Durch die Lebensmittelskandale mit dioxinverseuchten Eiern und Fleisch überlegen sich viele Menschen, ob sie ganz auf Fleisch- und Tierprodukte verzichten sollen. Durch den Verzicht auf Fleisch kann Krankheiten wie Gicht, Diabetes Arteriosklerose, Bluthochdruck, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorgebeugt werden.

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