Von Annette Schneider-Solis und Norbert Claus
In der Nacht zum Sonntag prallt in Hordorf, Sachsen-Anhalt, ein Güterzug frontal in einen Regionalexpress mit mehr als 50 Insassen. Zehn Menschen sterben, mehr als 40 werden verletzt, teilweise schwer. Schon fragen sich die ersten: Wer trägt die Schuld am Unglück?
Den Rettungskräften bietet sich ein schreckliches Bild. Ein Triebwagen des Harz-Elbe-Expresses (HEX), der am Samstagabend Ausflügler von Magdeburg nach Halberstadt bringen sollte, liegt in Hordorf bei Oschersleben völlig zertrümmert auf einem Acker. Die vorderen Sitzreihen des modernen Triebwagens sind bis zum vierten Fenster zermalmt. Vor dem blau-gelben Zug liegen unter Decken verhüllt Leichen. Die Bilder sind schrecklich.
Scheinwerfer der Feuerwehr erleuchten das Areal des Bahnhaltepunkts am Ortsrand von Hordorf, an dem um 22.24 Uhr der Personenzug mit einem entgegenkommenden Güterzug zusammenprallte. Die Bundespolizei spricht von zehn Toten, 18 Schwer- und 25 Leichtverletzten. Unter den Opfern befänden sich auch Reisende aus dem Ausland, sagt der Einsatzleiter der Bundespolizei, Ralph Krüger.
Ein ohrenbetäubender Knall
Einfach nur mit dem Wort «schlimm» kommentiert Sachsen-Anhalts Innenstaatssekretär Rüdiger Erben (SPD), der sich wenige Stunden nach dem folgenschweren Unfall über das Ausmaß und die Rettung der Verletzten vor Ort informiert, das Geschehene. Mit hoher Geschwindigkeit müssen beide Züge aufeinandergestoßen sein, mutmaßt er. Der Güterzug der Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter, der in seinen geschlossenen Kesseln Kalk geladen hatte, kam erst 500 Meter nach der Kollision auf der eingleisigen Strecke zum Stehen. Der Knall des Zusammenstoßes wurde noch im sieben Kilometer entfernten Oschersleben gehört.
Die Wucht des Aufpralls hat den zweigliedrigen Triebwagen, in dem etwa 40 Reisende saßen, aus den Gleisen gerissen und auf das mit Raureif bedeckte Feld geschleudert. «Wir werden weiter nach Personen suchen, die möglicherweise noch in dem Triebwagen liegen», sagt Erben. Auch mit Hunden suchen die Rettungskräften in dieser eiskalten Nacht nach Vermissten.
Wer ist Schuld?
Über die Ursache wird gerätselt. Schnell macht das Gerücht die Runde, das möglicherweise der Lokführer des Güterzuges ein Signal übersehen hat. Der Triebwagen des HEX müsse Grün gehabt haben, sagt ein gelernter Lokführer, der zufällig an dem Unglücksort vorbei kam und auf das Signal verweist. Bestätigen will das von der Bundespolizei oder der Polizeidirektion niemand. Das Gebiet um den Unglücksort entlang der Bahnstrecke zwischen Halberstadt und Magdeburg ist weiträumig abgesperrt. Bereits in den umliegenden Orten sorgen Polizisten mit ihren Absperrungen dafür, dass nur Rettungskräfte ungehindert an den Bahndamm gelangen können.
Die Strecke zwischen Magdeburg und Halberstadt, auf der der Harz-Elbe-Express fährt, bleibt weiter gesperrt. Die Polizei hat für Angehörige der Reisenden eine Hotline unter der Rufnummer (0391) 546 14 12 eingerichtet.
Bei vielen Menschen des 700 Einwohner zählenden Ortes in der Börde dürfte dieser schwere Unfall Erinnerungen wach werden lassen an ein folgenschweres Bahnunglück vor mehr als 43 Jahren. Am 6. Juli 1967 war in Langenweddingen, das nur gut 20 Kilometer von Hordorf entfernt liegt, auf der Bahnstrecke Magdeburg - Thale ein Doppelstockzug mit einem Tanklastwagen zusammengestoßen. Dabei explodierte der Tankwagen und im Zug starben 94 Reisende, darunter mehr als 40 Kinder, die sich auf dem Weg in ein Ferienlager befanden.
Das Innenministerium von Sachsen-Anhalt hat für 10 Uhr eine Pressekonferenz angekündigt. News.de hält sie auf dem Laufenden.
cvd/sua/news.de/dapd
Meine persönliche Anteilnahme den Opfern und Hinterbliebenen.
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