Von News.de-Mitarbeiter Ayke Süthoff
Die europaweite Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master sollte im Jahr 2010 abgeschlossen sein, doch die Kritik daran bricht nicht ab. News.de spricht mit Professor Bernhard Kempen, Präsident des Hochschulverbands, über Sinn und Unsinn der Bologna-Reform.
Professor Kempen, die Bologna-Erklärung sieht den Bachelor als Regelabschluss vor – Sie äußerten sich gegenteilig, als Sie den Master als Regelabschluss forderten.
Bernhard Kempen: Der BachelorNiedrigster akademischer Abschlussgrad. An den deutschen Hochschulen wird dieser Abschluss in der Regel nach drei Studienjahren (sechs Semester) erreicht. -Abschluss ist in den Bologna-Dokumenten gerade nicht als Regelabschluss vorgesehen. Vielmehr ist nur davon die Rede, dass die Studiengänge logisch aufeinander aufbauen müssen: mit einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss nach sechs bis acht Semestern, an den sich eine zweite Studienphase anschließt. In den Bologna-Dokumenten kommt das Wort Bachelor gar nicht vor. Es steht dort auch nicht, dass ein vorzeitiger erster Abschluss der einzige Abschluss bleiben soll.
In der Realität ist es aber so, dass es für viele Hochschulen schlicht zu teuer ist, jedem fertigen Bachelorstudenten einen Masterabschluss zu garantieren.
Kempen: Genau darin liegt das Problem. In Deutschland hat die politische Szene die Bologna-Absprachen, die ja mittlerweile über zehn Jahre alt sind, dahingehend gedeutet, dass wir alle Studierenden möglichst schnell zu einem Bachelorabschluss bringen müssen. Zugleich hat man sich weitgehend darauf verständigt, dass das bitte nach sechs Semestern der Fall sein soll. Im Zuge der Studentenproteste ist jedoch ein Umdenken erfolgt. Inzwischen dehnen immer mehr Universitäten das Bachelorstudium auf bis zu acht Semestern aus. Ursprünglich sollten nur wenigen Studierenden zusätzlich die Möglichkeit vorbehalten bleiben, auch ein Masterstudium anzuschließen. Faktisch dürften nach wie vor nur 20 bis 30 Prozent aller Bachelorabsolventen ein Masterstudium aufnehmen können, weil die Universitäten gar nicht die finanziellen staatlichen Zuweisungen erhalten, um eine ausreichende Anzahl von Masterstudienplätzen anbieten zu können.
Warum reicht der Bachelor nicht aus, was ist schlecht daran?
Kempen: Der Bachelor ist weder schlecht noch ist er generell unzureichend. Aber Fakt ist, dass die Gesellschaft und die Wirtschaft für die meisten akademischen Berufe eine höhere Qualifikation erwarten, als in einem sechssemestrigen Schnellstudium vermittelt werden kann. Bei Apothekern oder Ingenieuren reicht ein Bachelorabschluss allein nicht aus. Für diese Berufe braucht man einen Masterabschluss. Wir sind es daher den jungen Leuten schuldig, dass sie eine solche Qualifikationsmöglichkeit auch erhalten.
Nun gab es im vergangenen Wintersemester viele Bachelor-Absolventen, die keinen Masterplatz bekommen haben, trotz guter Noten oder praktischer Erfahrung. Ist das aktuelle System ungerecht?
Kempen: Es ist nicht nur ungerecht, sondern möglicherweise auch rechtswidrig. Wir wissen aus einem Urteil des Verwaltungsgerichts Münster, dass die Hochschulen nicht ohne Weiteres wilde Zulassungskriterien für die Aufnahme eines Masterstudiums aufstellen dürfen, sondern dass es durch die grundrechtlich garantierte Berufswahlfreiheit sehr enge Grenzen gibt. Ein Bachelorabsolvent mit guten Noten darf nicht einfach abgewiesen werden, wenn er ein Masterstudium aufnehmen will.
Nun könnten die Bachelorabsolventen gleich in den Job gehen. Die Wirtschaft stellt aber nach wie vor lieber Masterabsolventen ein. Müssten da nicht vor allem Arbeitgeber umdenken?
Kempen: Die Arbeitgeber müssen ganz bestimmt umdenken. Viele Unternehmen sind bisher noch gar nicht richtig darauf eingestellt, wie sie diese kompakt qualifizierten Bachelorabsolventen in ihre Unternehmensstruktur eingliedern können. Manche machen das vorbildlich, aber die Mehrzahl kann mit den Bachelorabsolventen nichts anfangen. Einige bieten ihnen sogar lediglich Trainee-Positionen oder Praktikantenstellen an. Wir freuen uns über jeden Bachelorabsolventen, der auf dem Arbeitsmarkt einen Job findet. Aber wir dürfen auch nicht die Augen davor verschließen, dass unsere Studierenden in großer Zahl den Masterabschluss anstreben. Drei Viertel unserer aktuellen Studierenden geben an, dass sie nach dem Bachelor weiter studieren wollen. Da dürfen wir den Bachelor nicht schönreden, sondern müssen diesen Studierenden die Möglichkeit geben, einen Masterplatz auch zu bekommen.
Jahrelang wurden junge Akademiker gefordert, was letztlich zur Bologna-Reform geführt hat. Jetzt zeigt sich, dass die Wirtschaft keine 22-jährigen Akademiker will. Was ist da falsch gelaufen?
Kempen: Ich habe immer bezweifelt, ob die Unternehmen wirklich etwas von 22-jährigen Akademikern als Berufsanfänger haben. Ich glaube, die Wirtschaft braucht gut qualifizierte Absolventen. Natürlich sollten Berufseinsteiger nicht zu alt sein. Entscheidender als die Jugend ist allerdings die richtige Qualifikation. An diesem Punkt hat die Politik bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses1999 wurde eine Reform des gesamten europäischen Hochschulsystems bis zum Jahr 2010 beschlossen. Ziel war die Schaffung der international gültigen Abschlüsse Bachelor und Master. Die Umsetzung der Beschlüsse verlief an den meisten deutschen Universitäten chaotisch. versagt.
Mecklenburg-Vorpommern möchte jetzt die Bezeichnung Diplom-Ingenieur wieder einführen. Damit wird der Master herabgesetzt. Ist dieser Vorstoß nicht total reaktionär?
Kempen: Das ist nicht reaktionär, sondern geradezu zukunftsweisend. Es muss alles unternommen werden, was unseren Studierenden und den späteren Absolventen hilft. Ihnen ist ein Bärendienst erwiesen worden, indem man den Diplom-Ingenieur als deutsches Markenzeichen abgeschafft hat. Das hat niemandem genutzt, und dazu bestand durch den Bologna-Prozess im Übrigen auch keine Veranlassung: Die Bologna-Dokumente schreiben nicht vor, den Diplom-Ingenieur in Deutschland abzuschaffen. Diesen Titel gibt es beispielsweise auch noch in Österreich. Denn er ist und war ein weltweites Markenzeichen, das bei der Jobsuche für Qualität bürgt und Vorteile verschafft.
Im Zuge der Reform wurden an vielen Universitäten Studiengänge überhastet auf sechs Semester heruntergebrochen, damit sie den Vorstellungen eines Bachelorstudiums entsprechen. Sie haben bereits angesprochen, dass inzwischen vielerorts die Studienzeit auf acht Semester angehoben wurde. War die Umsetzung der Bologna-Dokumente Aktionismus?
Kempen: Das war ein Aktionismus, den uns die staatliche Hochschulpolitik beschert hat. Es gab Stichtagsregelungen an den Hochschulen, nach dem Motto: Ihr müsst bis zum Tag X auf Bachelor umstellen, sonst bekommt ihr kein Geld mehr. Die Erwartung war, dass ein Bachelorstudium in sechs Semestern konzipiert wird. Wenn die Kollegen das als unmöglich bezeichnet haben, wurde mit der Nicht-Anerkennung des Studiengangs gedroht. So war das - mit der Folge, dass das Studium bis obenhin vollgepackt werden musste. Zu Recht haben die Studierenden daraufhin gegen ein Bulimiestudium protestiert, in dem sie Stoffmengen in sich hineinfraßen, die sie in Modulprüfungen wieder ausspucken mussten. Wir wollen aber, dass das Studium auch andere Kompetenzen wie Nachdenklichkeit, Übersicht und Kritikfähigkeit vermittelt. Das ist in sechs Semestern in vielen Fällen nicht zu leisten.
Eigentlich sollte der Bologna-Prozess 2010 abgeschlossen sein, doch es kehrt in die Diskussion um die Studiengänge einfach keine Ruhe ein. Wann schließt Deutschland seinen Frieden mit Bologna?
Kempen: Wir werden dann unseren Frieden mit Bologna schließen, wenn unsere Studierenden zufrieden sind. Die heutigen Studierenden sind sehr anspruchsvoll und weder bequem noch egoistisch. Wir haben es vielmehr mit einer sehr leistungsbereiten Generation zu tun. Wenn sie uns das Signal gibt, so wie es jetzt läuft, ist es okay, und wenn die Gesellschaft und die Wirtschaft diese Ansicht teilt, dann sind wir am Ziel. Vorher nicht.
Der Jurist Professor Dr. Bernhard Kempen, geboren 1960, ist Direktor des Instituts für Völkerrecht der Universität Köln und seit 2004 Präsident des Deutschen Hochschulverbands.
som/ham/news.de
Das stimmt, die sogenannten Bologna-Verträge sind gar KEINE VERTRÄGE, nur Absichtserklärungen OHNE rechtlichen Bestand! Sie haben deswegen keine Völkerrechtliche Bindung, sondern sind nur Absichtsbekundungen. Zur Zeit werden in Mecklenburg-Vorpommern deswegen auch erneut die altbekannten Diplomstudiengänge wieder eingeführt. Angefangen mit dem WS 2011. Und auch in Sachsen gibt es das Diplom wieder! Allein an der TU-Dresden gibt es 16 Diplomstudiengänge neben den Bachelor und Masterstudiengängen. Und auch für das Lehramtsstudium wurde in Sachsen wieder das Staatsexamen eingeführt. Es wurde erkannt, das der Bachelor keine ordentlichen LehrerInnen hervorbringen kann.
jetzt antwortenKommentar meldenSo, so, was bin ich denn jetzt? Habe ja mal Maschinenbau und Wärmetechnik studiert schließlich auch Medizin, alles nach meiner Reifeprüfung --------- Und was bin ich jetzt mit dieser albernen Hochschulreform der Anglo-Amispeichellecker? Vor 30 Jahen hat man mich mal gefragt : Was würden Sie denn ändern, wenn Sie da oben stünden? Alles, habe ich gesagt!! Nur da gab es noch nicht diese "Hochschulreform". Also auch dieses würde ich sofort wieder ändern --------und den ganzen Haufen da in Berlin! Ciao Gero
jetzt antwortenKommentar meldenIch bin heilfroh, daß ich mein Studium noch mit einem Diplom abschließen konnte und bedauere die jungen Leute, die sich mit dieser stümperhaften Reform herumplagen. Es wurde ohne Notwendigkeit ein funktionierendes System zerschlagen und durch Stückwerk und Pfusch ersetzt.
jetzt antwortenKommentar meldenNoch ein Nachsatz: Das in aller Kürze hier dokumentierte ist nicht meine Meinung, sondern die staatrechtliche Lage aller Deutschen! Warum haben die Besatzungsmächte, voran die USA als Hoheitstragende, die Verträge so gestaltet, wie geschehen? Und Kohl hat im Auftrag gehandelt, Gorbatschow hatte D in den Grenzen Stand 1939 angeboten; Kohl versagte das (s. Gorb.). Die Russen wollten die europäischen Fundamente wieder herstellen. Die Basis war ein Brief von Herrhausen ("Traktat zum ewigen Frieden";Kant). So wurden die Sowjettruppen zurückgezogen..., usw..
jetzt antwortenKommentar melden1)Am 17.7.90 wurde auf Anweisung von J. Baker durch Streichung ART.23,GG, dieses außer Kraft gesetzt und das ist bis heute nicht repariert; s.Art.146,(Carlo Schmidt). Am 28.9.90 wurden in den Nebenverträgen die Besatzungsstatuten bestätigt; der 2+4Vertrag bis heute nicht ratifiziert! 2)Bitte Art. 1,GG, lesen. Werden in der "BRD-GmbH" die Menschenrechte angewandt, gibt es dazu ein Regulario? Nein, da hat C. Schmidt wohl seine Spur als Matrix eingebaut, um uns zum Aufwachen zu zwingen! Allein Art.1 macht den Rest des GG zwingend ungültig, es geht um Recht! Die "BRD" eine Verwaltung, kein Staat!
jetzt antwortenKommentar meldenDie Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig führt auch das Diplom wieder ein. Und der neue Präsident Professor Dr. Hubertus von Amelunxen (52) ist, wenn man es freundlich ausdrücken will, kein Freund von Master/ Bachelor! Eine dermaßen dümmliche Reform!!! Er hat sich mehrfach über diesen "Reformprozess" geäußert! Und wenn sogar die HBK zum Diplom zurückkehrt ist es an der Zeit, diesen Reformprozess ein für alle mal einzustampfen. @Kommentar 2: Was wollen Sie bitte aussagen? Könnten Sie das noch mal in korrektem Deutsch äußern? Weg mit dem Bologna-Prozess!!!
jetzt antwortenKommentar meldenDie Bologna-Reform zeigt wieder einmal, dass die Politik sich in alles einmischt, um den Pegel nach unten zu treiben. Akademische Zweitklassigkeit ist die Folge und zwar eine flächendeckende. Ohne Not wurden in Deutschland Staatsexamen und Diplom geopfert. Die Welt ist dümmer geworden. Und auch das, weil die Dümmsten sich durchsetzen konnten.
jetzt antwortenKommentar meldenDie in unser hervorragende Bildungssystem -richtig- aus den USA hineingetragenen "Neuen Ideen" sind nur dazu da, unser allgemeines Bildungsniveau runter zu schrauben. In Mitteleuropa, speziell in den deutschsprachigen Ländern, galt neben dem Fachstudium immer, daß sich jeder im Studium darin auszeichnete ein breites Allgemeinwissen zu haben und dieses auch in Wort wie Handeln vertreten zu können!In der in Deutschland vorliegenden Statthalterei "BRD Finanzagentur-GmbH" mit Frau Merkel als Verwaltungschefin dieses zur Firma mutierten Rest-D, eben kein Staat, das GG ungültig, sollte das klar sein
jetzt antwortenKommentar meldenBachelor und Master-Bologna Reform, wo kommen die Begriffe her?? Das ist doch wieder eine Sache, die von Amerika rüber geschwappt ist. Müssen wir denn alles nachmachen. Die Abschlüsse Ingenieur oder Dpl. Ingenieur haben in Deutschland Tradition und sie waren in der ganzen Welt gefragt, weil sie eine Garantie für hervorragende Fachkenntnis und Leistung sind.
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