Sa., 26.05.12

Eltern-Kind-Büro 27.01.2011 Die Kita der Zukunft

Eltern-Kind-Büro Rockzipfel (Foto)
Kinder basteln im Eltern-Kind-Büro «Rockzipfel». Sieht so die Zukunft der Kinderbetreuung aus? Bild: Maurice Kühlborn/Rockzipfel

Von news.de-Mitarbeiter Ayke Süthoff, Leipzig

«Rockzipfel» nennt sich ein Projekt in Leipzig - ein Ort, an dem Eltern arbeiten und Kinder spielen können. Ziel ist die räumliche Nähe junger Familien, ohne sich gegenseitig zu nerven. Ist «Rockzipfel» die Zukunft der Kinderbetreuung?

Das Treppenhaus wirkt auf den ersten Blick ein wenig heruntergekommen: Putz blättert von den Wänden, es ist kalt, feucht und düster – das Haus im Leipziger Westen ist unsaniert und steht größtenteils leer. Noch. Denn auf den zweiten Blick zeigt sich viel Leben: Gerade verschwindet eine junge Mutter mit ihrem fröhlich quasselnden Kind im Gebäude, im Ladengeschäft ganz unten wird gewerkelt und Flyer im Fensterbrett weisen auf ein Projekt in der ersten Etage hin: das Eltern-Kind-Büro «Rockzipfel».

«Die Idee ist, dass man sich die Betreuung von Kindern teilt, mit Freunden, mit der Familie. So wie es früher einmal war», sagt Johanna Gundermann, die Chefin des Projekts. «Ich möchte wieder ein Großfamilien-Feeling bekommen, wo sich alle gegenseitig helfen.» Dafür gibt es nun die Räume von «Rockzipfel»: Im Wohnungsflur stapeln sich kleine Schuhe und dicke Jacken, auf dem Sofa liegt ein großer weißer Teddy. Ein blondes Mädchen kommt angelaufen, schnappt sich den Teddy und verschwindet hinter einer massiven Holztür im Wohnzimmer. Darin sitzen weitere Kinder auf einem Teppich auf den hellen Holzdielen und spielen fröhlich. In der Ecke bollert ein Kachelofen. Im Nachbarraum sitzt eine der Mütter an ihrem Laptop und arbeitet.

Kinderbetreuung
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Video: sua/news.de/Unitec

Erziehung wie im Dorf

Johanna Gundermann führt stolz durch die Räume vom Eltern-Kind-Büro. Der afrikanische Spruch, dass ein ganzes Dorf nötig ist, um ein Kind zu erziehen, wird aus ihrer Sicht zwar etwas zu häufig zitiert, trotzdem bleibt es die Idealvorstellung. «Kinder brauchen verschiedene Bezugspersonen, nicht nur die Eltern oder die Erzieherin im Kindergarten. Sondern auch die Großeltern, die Nachbarn, Cousinen - alle halt.»

Diesem Anspruch entspringt das denkbar einfache Konzept von «Rockzipfel»: Eltern, die normalerweise allein mit ihren Kindern blieben, treffen sich, tauschen sich aus, arbeiten und spielen gemeinsam mit ihren Kindern. Jeder darf kommen, jeder darf die Räumlichkeiten so nutzen, wie er will, egal ob zum Arbeiten, Reden oder Spielen. Die Organisation, wer sich wann mit den Kindern beschäftigt, regelt sich von selbst und ohne große Planung. «Das klappt ziemlich gut», sagt Gundermann. «Manche kommen primär, um mit anderen den Tag zu verbringen, andere wollen hauptsächlich arbeiten und so ergibt sich schnell, wer aufpasst, kocht oder putzt und wer am Laptop sitzt.»

Täglich Lego spielen ist stinklangweilig

Das Eltern-Kind-Büro will sich modernen Arbeitsbedingungen anpassen. «Durch die heutige Arbeitssituation verstreuen sich Menschen mehr und mehr», hat Gundermann beobachtet. «Es gibt kaum noch Ballungszentren, an denen ganze Familien wohnen, weil viele umziehen müssen, um einen Job zu bekommen.» Auch Nachbarschaften könnten das Fehlen der Familie kaum kompensieren, zu anonym sind moderne Großstädte. «Meistens sind es die Frauen, die zu Hause sitzen und dort vereinsamen. Und sie langweilen sich. Es ist einfach stinklangweilig, den ganzen Tag mit dem Kind Lego zu spielen. Wer will das?», fragt Gundermann.

Zugleich langweilen sich auch die Kleinen, wenn sie ständig Kontakt zu ihren Eltern, aber kaum zu anderen Kindern haben. Oder umgekehrt: «Im Kindergarten gibt es zwar andere Kinder, dafür fehlen dann aber die Eltern, die Tanten oder Großeltern», beschreibt Gundermann das Dilemma. Ein weiteres Problem sieht sie in der in Deutschland üblichen strikten Trennung in Altersgruppen: Krippe für die ganz Kleinen, dann Kindergarten, dann Grundschule, dann Sekundarschulen. «Diese Kinder haben nur Kontakt in ihrer eigenen Altersgruppe - das ist total unnatürlich.»

Nicole könnte eine vereinsamende, junge Mutter sein. Weil ihre Tochter Nia noch klein ist, pausiert Nicole gerade in ihrem BWL-Studium. Anfangs verbrachte sie deshalb viel Zeit allein mit Nia in ihrer Wohnung. Dank «Rockzipfel» kommt sie jetzt raus, trifft andere junge Eltern und kann nebenbei auch noch für die Uni lernen, während eine der anderen Mütter auf Nia achtet.

Später kann sich Nicole dann um die Kleinen kümmern, die anderen Mütter haben Zeit für sich und ihre Arbeit. Zum Beispiel Kerstin. Sie arbeitet als freie Übersetzerin und ist ganz neu im Eltern-Kind-Büro. «Wir haben für meinen Sohn Michael keinen Platz in einer Kita gefunden und dann hab ich von einer Freundin von «Rockzipfel» gehört. Ich bin wirklich glücklich und komme hier sehr gut zum Arbeiten», erzählt Kerstin.

Bei Kathrin ist es ähnlich: Sie arbeitet in einem Personalbüro, fast alles ist über Internet und Telefon machbar. Mit ihrem Chef einigte sie sich auf Heimarbeit, doch dann entdeckte sie das Eltern-Kind-Büro. «Ich mache sehr viel von hier», erzählt die Personalerin. «Ich kann auf unsere Online-Datenbank zugreifen oder formuliere von hier aus Bewerbungsanschreiben. Nur Telefonate führe ich noch von zu Hause, weil ich dort mehr Ruhe habe.» Während Kathrin arbeitet, spielt nebenan ihr fast dreijähriger Sohn Justus.

Mietfrei ins Glück

Johanna Gundermann hat das Eltern-Kind-Büro im Jahr 2007 ins Leben gerufen. Ihr eineinhalbjähriger Sohn Lasse fühlte sich in der Kita nicht wohl, Gundermann träumte von einer Alternative für die Tagesstätte. «Ich hatte ja prinzipiell Zeit, konnte also auf meinen Sohn aufpassen», erzählt die damalige Studentin. «Aber ich hatte immer die Vorstellung, dass alles viel besser klappen würde, wenn ein paar Freunde da wären. Und dann setzten wir uns einfach zusammen, manche arbeiteten, manche betreuten die Kinder.»

Seit dem vergangenen Jahr hat «Rockzipfel» die Wohnung in der Georg-Schwarz-Straße. «Wir sind jetzt seit April hier und mussten erst mal renovieren, denn das Haus ist ja unsaniert. Im August haben wir mit den ersten Kindern die Eingewöhnungsphase begonnen», erzählt Gundermann. Das «Rockzipfel»-Büro befindet sich in einem Projekthaus für Stadtteilbelebung. Für das junge Projekt bedeutet das, es muss für die Räume keine Miete zahlen. Es gebe aber Bedingungen für die mietfreie Nutzung, erklärt Gundermann. «Wir müssen etwas Gutes für die Nachbarschaft bieten und gut für das Haus sein.» Denn das Haus soll sich in Zukunft selbst verwalten und Leben in die Georg-Schwarz-Straße bringen.

Die Mietfreiheit ist ein großer Vorteil für das Leipziger Projekt. Denn obwohl Gundermann mit ihrem Büro Vorbild auch für andere Städte sein möchte, sind vergleichbare Initiativen bisher Mangelware. «Es gab ähnliche Versuche zum Beispiel in Berlin. Aber viele haben ein Problem mit der Miete. Je höher die Miete, desto höher die Kosten für die Eltern», sagt Gundermann. Werden die Kosten zu hoch, ist die Gefahr groß, dass das Eltern-Kind-Büro elitär wird. Das möchte Gundermann unbedingt vermeiden, deshalb hält sie die Kosten mit drei Euro pro Tag für jedes Kind so gering wie möglich.

Die Eltern sind die Profis

Eine professionelle Kinderbetreuung mit ausgebildeten Erzieherinnen bietet «Rockzipfel» allerdings nicht. Ein Vorwurf, den Gundermann schon oft gehört hat. «Die Eltern sind die Profis», ist ihre Meinung. «Ich finde es schade, dass die Eltern immer mehr entmündigt werden, weil in der Erziehung zunehmend Fachwissen gefordert wird.» Wer könne mehr Fachwissen haben als die Eltern? Und wenn junge Eltern Schwächen zeigen, erführen sie am besten in der Gemeinschaft mit anderen Eltern, wie sie diese beheben, statt die Erziehung Fremden zu überlassen.

Johanna Gundermann hat noch viel vor mit ihrem Projekt. Gerade renoviert sie mit vielen Helfern die Nachbarwohnung, in der Ruheräume zum Arbeiten oder Schlafen entstehen sollen. Auch ein Klettergerüst ist geplant, damit sich ältere Kinder wohlfühlen. «Die volle Auslastung hätten wir, wenn zehn Familien da sind. Dann hätten wir hier auf 160 Quadratmetern unser eigenes kleines Dorf.»

ham/reu/news.de
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