Sa., 26.05.12

Bildungsdebatte 16.01.2011 Zoff um Sarrazins Frau

Reinhold-Otto-Grundschule in Berlin (Foto)
Der SPD-Politiker Thilo Sarrazin wirft den Berliner Schulbehörden «Sippenhaft» vor, weil sie seine Frau Ursula als Lehrerin von der Reinhold-Otto-Grundschule in Berlin abziehen wollen. Bild: ddp

Von Andreas Rabenstein

Die Diskussion um Thilo Sarrazins Bestseller Deutschland schafft sich ab ist gerade abgeflaut. Seine Thesen zu Einwanderung und Intelligenz sorgten für heftige Kontroversen. Jetzt gibt es wieder Streit - diesmal um den Schulunterricht seiner Frau Ursula.

Der Meinungskampf um Sarrazin ist erneut entbrannt. Teils polemisch, teils hasserfüllt und nur selten differenziert schlagen die Lager verbal wieder aufeinander ein. Nur heißt der Mittelpunkt der Auseinandersetzung diesmal nicht Thilo, sondern Ursula Sarrazin. Die 59-jährige Grundschullehrerin sorgt in Berlin für ähnlich viel Aufregung wie ihr Mann einst als Finanzsenator, Bundesbanker und zuletzt als Buchautor. Ihre Gegner unter Eltern und Kollegen sehen sie als Relikt aus dem 19. Jahrhundert, das handgreiflich wird und sensible Kinderseelen malträtiert. Ursula Sarrazin verteidigt ihren Unterricht als angemessen autoritär und sieht sich stellvertretend für ihren Mann gemobbt.

Inzwischen ist die Situation so weit eskaliert, dass Sarrazin-Unterstützer Drohbriefe an den Direktor und die Elternvertreter ihrer Schule im bürgerlichen Berliner Stadtteil Westend schicken, die wiederum die Polizei einschalteten. Im Internet keilen Sarrazin-Gegner zurück. «In einer gerechten Welt würde eine solche Lehrerin sofort entlassen», schreibt ein Blogger.

Über eine Sammelbeschwerde von gut 50 Eltern aus dem März 2009 berichtet der Spiegel. Dort hieß es, dass die Lehrerin «im Unterricht die Beherrschung verliert und die Kinder anschreit». Eltern eines japanisch-deutschen Jungen hätten sich beklagt, dass Ursula Sarrazin ihren Sohn wiederholt wie eine Automarke in «Suzuki» umtaufe. Dies geschehe «zum Teil unter dem Gelächter der Klassenkameraden, die ihn dann prompt auch so nennen».

Nach einem Bericht des «Tagesspiegels» soll Frau Sarrazin schon 2001 einen Schüler mit einer Flöte geschlagen haben. Der Vater des heute 22-Jährigen sagt: «Frau Sarrazin hat ihm mit der Blockflöte auf den Kopf gehauen.»

Ursula Sarrazin verteidigt sich in mehreren Interviews. «Als Lehrer brauche ich Autorität, aber autoritär bin ich nicht. Ich stelle Regeln auf, an die sich die Schüler halten müssen. Das ist doch ganz selbstverständlich», sagte sie dem Focus. «Ich schreie nicht im Unterricht», sagte sie Bild am Sonntag. Den Namen des japanischstämmigen Schülers habe sie unabsichtlich falsch ausgesprochen. Kein Elternteil habe sich bisher persönlich bei ihr beschwert. Allerdings würden einige Eltern türkischer Kinder üble Nachrede betreiben. «Die Schulleitung und ein bestimmter Lehrer haben (...) gegen mich gehetzt.»

Welche Seite Recht hat, lässt sich ohne eine Beobachtung des Sarrazin'schen Unterrichts schwer feststellen. Ursula Sarrazin sagt, Grund für die Kritik und das angebliche Mobbing seien die Kontroversen, die ihr Mann in den Debatten um Hartz-IV-Empfänger und mit seinem umstrittenen Bestseller über Integration und Intelligenz entfacht habe. «Die Leute denken: Wir kriegen zwar Herrn Sarrazin nicht, aber vielleicht kriegen wir Frau Sarrazin, die ist ja auch ganz nah dran.»

Dass der Name Sarrazin in Lehrer- und Elternkreisen nicht unbedingt beliebt ist, zeigte sich schon vor Jahren während der Diskussionen um Sparmaßnahmen in der überschuldeten Hauptstadt. Die Lehrergewerkschaft GEW zeigte da gerne Plakate mit der Aufschrift: «Die Kinder schreien, die Eltern flieh'n, da hinten kommt der Sarrazin.»

Dabei geht es auch um unterschiedliche Auffassungen von moderner Pädagogik. Ursula Sarrazin ist seit 37 Jahren Lehrerin und beklagt sich, viele Kinder könnten sich heute nicht mehr konzentrieren oder längere Texte lesen. Eltern sollten ihren Kindern morgens zur Schule nicht «viel Spaß» wünschen. «Viel Spaß wünscht man jemanden, der auf eine Party geht.» Angemessener wäre: «Pass schön auf!»

Der Berliner Senat versucht, die Diskussion zu relativieren. So ein Fall sei alltäglich. Es gebe in Berlin jedes Jahr hunderte, vielleicht tausend Lehrer, über die sich Eltern beklagen, sagte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) kürzlich. Und der zuständige Oberschulrat beteuert: «Wir gehen allen Beschwerden dieser Art unerbittlich nach - egal ob die Betroffenen Sarrazin, Schulze, Müller, Koslowski oder Özdemir heißen.»

rzf/cvd/news.de/dpa
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