Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Was essen wir da eigentlich? Diese Frage dürften sich nach dem Dioxin-Skandal aus Schleswig-Holstein wieder mehr Leute stellen - aus gutem Grund. Die Antwort sollte nicht nur die Verbraucher verunsichern, sondern vor allem die Produzenten.
Es wird fleißig überreagiert. Die einen fordern stärkere Kontrollen, die anderen schreien nach Haftstrafen für die Verantwortlichen. Das Futter ist verseucht, das Ei ist vergiftet, das Fleisch macht vielleicht sogar Krebs - das ist die Botschaft, die nach dem Dioxin-Pfusch bei der Futtermittelfirma Harles und Jentzsch beim Verbraucher ankommt.
Dabei hatten verantwortungsvollere Stimmen bereits früh darauf hingewiesen, dass vom Verzehr der betroffenen Produkte in der Regel kein Gesundheitsrisiko ausgehen dürfte. Nun, am dritten Tag des Skandals, nutzen Experten die Gelegenheit, um auf die weitaus größere Gefahr anderer Umweltgifte hinzuweisen.
Dass die Aufregung dennoch so groß ist, liegt zum einen an Politikern, die am Beginn eines Jahres mit sieben Landtagswahlen keine Gelegenheit verpassen wollen, sich als Anwalt der Verbraucher zu profilieren. Es liegt zum anderen aber auch an einer zunehmenden Sensibilisierung der Kunden: Seit BSE, Gammelfleisch oder dem Bestseller Tiere essen schauen wir uns immer genauer an, was da eigentlich auf unserem Teller landet.
Die Lebensmittel- und insbesondere die Fleischindustrie fürchtet angesichts immer neuer Negativ-Schlagzeilen um ihr Image. Die Sorge ist berechtigt. Denn wenn sie sich fragen, woher ihr Steak oder Schinken kommt, dann haben viele Deutsche wohl noch immer das Idyll vom Bauernhof im Kopf, mit einem Landwirt in Gummistiefeln, mit Mistgabeln im Heu und Tieren, die man streicheln kann.
Doch mit der Wirklichkeit hat das in den allermeisten Fällen nichts zu tun. Das Problem der Fleischhersteller ist also keineswegs das Image. Das Problem ist die Realität. In der Lebensmittelindustrie geht es zuerst um Profit, dann um mehr Profit und dann um noch mehr Profit. Ob es der Natur dabei gut geht, ob die Tiere leiden oder gar der Verbraucher gefährdet wird - das spielt bei den großen Produzenten keine Rolle.
Die Hysterie, die angesichts der Eier und des Fleisches mit überhöhten Dioxin-Werten jetzt bei den Verbrauchern geschürt wird, müsste also eigentlich eher die Landwirte befallen. Denn immer mehr Menschen wird immer klarer, wie verwerflich und gefährlich die Methoden der Lebensmittelindustrie sind. Massentierhaltung ist ein Ergebnis dieses Prinzips, verseuchtes Futter wie nun in Schleswig-Holstein ein anderes. Wer das bedenklich findet, der muss eine ganz neue Landwirtschaft propagieren. Und wer beim Einkaufen vor allem auf den Preis schaut und somit die Bauern unter Kostendruck setzt, der trägt selbst zu solchen Auswüchsen bei.
che/news.de
Puten, Hühnern und Schweinen wurde dioxinverseuchtes Futter verabreicht. Als Lösung sollen wieder einmal Tausende von unschuldigen Tieren verbrannt und getötet werden. Eine Aktion die maximal die Symptome dieser dauernden Skandale bekämpft. Für nachhaltige Lösungen wie eine Reduktion des Fleischkonsums und der Massentierhaltung spricht sich bisher kaum jemand aus. Anders als bei Tierseuchen gibt es im Fall der Dioxinbelastung keinerlei rechtliche Grundlage dafür, die Tiere töten zu lassen. Diese Tiere sind weder krank oder leidend noch geht von ihnen eine Ansteckungsgefahr aus.
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