Von den news.de-Mitarbeitern Angelika Megyesi und Nikolaus Klamroth
Nach nur drei Wochen Winter soll es bereits einen Engpass an Streusalz geben. Der aggressive Umweltschädling wird zum kostbaren Gut - die Salzhersteller freuen sich. Dabei übersehen viele die Gefahr der vermeintlichen Allzweckwaffe.
Seit drei Wochen hat der Winter Deutschland im Griff. Deswegen ist im Moment nichts spannender als der Wetterbericht. Vor allem die Autofahrer fluchen und bangen. Die These: Der Streusalzvorrat neigt sich dem Ende zu. Die Konsequenzen wären Spritmangel, eingestellter Flugverkehr und Staus auf allen Straßen. Diese Kettenreaktion gilt es zu vermeiden. Doch droht wirklich der Super-Gau?
Noch im April hatte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer angekündigt: «Bund und Länder arbeiten eng zusammen, damit Streusalz im nächsten Winter in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Wir wollen nicht, dass Winterdienstfahrzeuge in den Garagen stehen, weil kein Streugut vorhanden ist.» Mit diesen Worten im Ohr und dem Blick auf das vergangene Jahr fragen sich viele, warum es bereits nach knapp einem Monat mit Schnee und Kälte wieder heißt: «Wir versuchen mit Hochdruck, in ganz Europa Salz zu ordern».
Streusalz wird zum kostbaren Gut
Aus der Not macht K+S eine Tugend: Deutschlands größter Düngemittel- und Salzhersteller kann sich hinsichtlich der Winterbedingungen und der steigenden Nachfrage nach Streusalz freuen. Der Engpass kommt dem Unternehmen zugute, denn Angebot und Nachfrage bestimmen bekanntermaßen den Preis. Und dass das kostbare Gut gerade Mangelware ist, bestätigt K+S-Pressesprecher Ulrich Göbel im Gespräch mit news.de: «Wegen der anhaltenden Winterwitterung beträgt das Bestellvolumen zurzeit etwa das Dreifache der bereits überdurchschnittlichen Mengen im Vergleichsmonat 2009.» Trotz umfangreicher Vorsorge für diesen Winter übersteige die Nachfrage aktuell die Verladekapazitäten des Unternehmens erheblich.
EscoEuropean Salt Company , das Tochterunternehmen von K+S und Europas führender Salzlieferant, habe seine Lagerkapazitäten um 13 Prozent erhöht. Außerdem seien 120 zusätzliche Mitarbeiter in den Bergwerks- und Übertagebetrieben eingestellt worden. «Überdies ist bereits seit Dezember 2009 ununterbrochen im Dreischichtbetrieb produziert worden, um die Bevorratung der Kunden sicherzustellen», sagt Göbel.
Schon jetzt macht sich der Engpass an Streusalz auf den Autobahnen bemerkbar. Das verheißt nichts Gutes für die restlichen Wintermonate. Doch so notwendig das Streusalz für einen reibungslosen Alltag im Winter auch ist, so gefährlich und irreparabel sind die Auswirkungen auf die Umwelt. Deswegen sieht man sich jeden Winter vor demselben Konflikt: Wie schafft man sichere Straßenverhältnisse und schützt gleichzeitig die Umwelt?
Fluch und Segen zugleich
Die kostbare, weil knappe Ressource, die den Stillstand eines normalen Tagesablaufs verhindert, ist nicht nur Segen. Für die Umwelt stellt Streusalz eine katastrophale Verunreinigung dar. Versickert das Salz mit dem Schmelzwasser im Boden, verändert sich die Bodenstruktur und kann Flora und Fauna empfindlich schädigen - die Vegetation leidet. Das aggressive Salz gefährdet auch die Qualität des Grundwassers. Und die stärkere Pflege von Schuhwerk, Kleidung und Autos ist dabei noch das geringste Übel. Es treten erhebliche Folgekosten für Neuanpflanzungen, Reparaturen und Sanierungen auf, denn auch Brücken und Gebäude werden von dem aggressiven Gemisch angegriffen.
Seit den 1980er Jahren konnte die Salzmenge tatsächlich fast um die Hälfte verringert werden, indem man es mit Wasser vermischte. Aber auch das sogenannte Feuchtsalz ist der Umwelt nicht zuträglicher. «Ob ich das Salz nun fein dosiert oder grob dosiert auf die Straße bringe, ist den Bäumen egal» erklärt das Institut für Baumpflege in Hamburg. «Das Salz im Baum sammelt sich über die Jahre an. Wir sehen dann erst mal Blattschäden, dann Schäden in der Krone, und wenn die Belastung sehr stark ist, kann der gesamte Baum absterben.»
Das Streusalz ist auch für viele Tiere eine tödliche Gefahr. Der Deutsche Jagdschutzverband (DJV) verzeichnet in der schnee- und eisreichen Zeit ungewöhnlich viele Verkehrsunfälle mit Rehen. Der Grund: Die Rehe kommen an den Straßenrand, um Salz zu lecken. «Die winterliche Zeit ist für das Rehwild sehr schwer. Es befindet sich im Haarwechsel und die Böcke entwickeln ihr Gehörn. Da besteht erhöhter Mineralienbedarf. Die Tiere nehmen jetzt das in großer Form ausgebrachte Salz am Straßenrand und auf den Straßen auf», erklärt Klaus Nieding vom DJV.
Wenn das Streusalz so viel Ärger macht, warum wird es dann überhaupt verwendet? Das Gemisch aus Natriumchlorid und unlöslichen Bestandteilen wie Ton und andere Salzen ist bisher die wirksamste Methode, Blitzeis entgegenzuwirken. Salz wirkt effektiv, da es das Eis zum Schmelzen bringt. Fahrbahnen und Wege werden schnell wieder frei.
Alternativen zum Streusalz sind abstumpfende Mittel
Um Schäden in der Umwelt einzudämmen, predigen Experten schon lange, nicht auf das aggressive Streusalz zurückzugreifen. Für Privatpersonen ist in vielen Städten wie Berlin, Hamburg und München das Streuen von Salz bereits strikt verboten. In anderen Städten wie Leipzig, Hannover, Stuttgart und Düsseldorf ist Streusalz zwar auch nicht erlaubt. Doch bei Blitzeis auf den Fahrrad- und Fußwegen, Treppenaufgängen, starken Gefällen und Neigungen kann eine Ausnahme gemacht werden. So wie jede Stadt und Gemeinde über das strikte Verbot von Streusalz entscheidet, so regelt auch jede Kommune ihre Ausnahmen selbst. Da kann der Mieter, der zum Winterdienst verpflichtet ist, durcheinander kommen.
Das Umweltbundesamt (UBA) empfiehlt neben dem Schneeschieber oder der Kehrmaschine abstumpfende Mittel wie Kies, Split und Sand. Nur bei Gefahrenstellen und Kreuzungen dürfe sparsam mit Salz gestreut werden. Somit würde das umweltschädigende Streusalz auf ein Minimum verringert.
Doch auch bei den abstumpfenden Streumitteln sei Vorsicht geboten, wie Martin Ittershagen, Pressesprecher vom UBK, im Gespräch mit news.de warnt: «Nur Streumittel mit dem Umweltzeichen Blauer Engel sind zu benutzen. Und nach dem Frost gehören aufgefegte Streumittel in die graue Abfalltonne.» Die abstumpfenden Streumittel sind ebenfalls sparsam zu gebrauchen, denn die Entsorgung der vermeintlich umweltschonenderen Alternative zu Streusalz verursacht hohe Kosten. Eine Wiederaufbereitung des eingesammelten Splits kommt aus wirtschaftlichen Gründen nicht infrage. Die Reinigung des mit Straßenschmutz verdreckten Streumittels wäre zu kostenintensiv.
Unwissenheit schützt vor Strafe nicht
Jeder Bürger ist dazu verpflichtet, sich bei seiner Gemeinde selbst zu informieren, ob er Salz vor seiner Haustür streuen darf oder nicht. Wer trotz generellen Verbots zu dem aggressiven Streugemisch greift, muss mit einem empfindlichen Bußgeld rechnen. Das variiert von Stadt zu Stadt. So kann auf Bürger in Duisburg und Leipzig eine Strafe von 500 Euro zukommen und in Berlin sogar ein Bußgeld von bis zu 10.000 Euro.
Um das zu vermeiden, empfehlen Experten, den Wetterbericht zu schauen und am Morgen sowie abends rechtzeitig zu schippen. Denn der Griff zur Schaufel ist Pflicht.
iwi/reu/news.de
Lernen die Verantwortlichen nichts dazu oder wollen sie nicht,wenn man nicht in der Lage ist vernünftige Anordnungen zu erteilen,dann soll man die Fingwer davon lassen.Warum holt man sich nicht Vorschläge aus der Alpenrepublick,wie es richtig gemacht wird oder ist wieder eine Lobby am Werke.Es wäre so einfach,räumen,Granulat und Split,dazu ein generelles Geschwindigkeitslimit,eine Kettenpflicht und für alle LKWs.Winterreifen auf alle Achsen.Bei den PKWs hat man es nach langem Zögern doch auch geschafft,wenigstens teilweise.Es kann doch nicht so schwer sein vernünftige Gesetze zu erlassen.
jetzt antwortenKommentar meldenDioe ständige Salzstreurei ist eine reine Katastropfe. Es werden nicht nur die Wildtiere geschädigt, sondern alles, was sich in dieser Salzpampe bewegt. Das Grundwasser und damit unser TW wird verseucht. Von den schädlichen Auswirkungen auf unserere Landwirtschaft will ich nicht erst sprechen. Es ist an der Zeit, dass sich großkotzige LkW-Verkehr und superschnelle Nobelhobelprotze an festgefahrene Schneedecken gewöhnen, die bei zu großer Glätte mit Sand bestreut werden. Zurück auf die Gleise, daran führt kein Weg vorbei. Lagerwirtschaft runter von der Straße und zürck in die Lagerhallen.
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