Von news.de-Mitarbeiter Nikolaus Klamroth
Mehr als zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung wird im Leipziger Stadtzentrum ein neues Gotteshaus gebaut. Mit dem Großprojekt steuern Stadt und Kirche einem Trend entgegen.
Von der Vision ergriffen steht Gregor Giele an einem verregneten Novembertag vor einem Baugrundstück in der Leipziger Innenstadt. Bauarbeiter nehmen erste Bohrungen vor, ansonsten blickt der 44-jährige Pfarrer auf ein großes, matschiges Stück Wiese. «Wir haben lange gesucht, vor einigen Jahren auch schon intensiver. Dann ruhte das Vorhaben erstmal wieder. Jetzt haben wir den perfekten Ort», sagt er zu news.de. Auf dem 2000 Quadratmeter großen Areal an der citynahen Nonnenmühlgasse entsteht ein geschichsträchtiger Kirchenneubau. Es wird das neue Zuhause für die katholische Propsteigemeinde St. Trinitatis.
Ein Blick zurück: Die Alte Trinitatiskirche war der erste katholische Kirchenneubau in Leipzig seit der Reformation 1539. Nach der lutherischen Erneuerung hatte die katholische Gemeinde keine eigene Kirche. Ab 1710 durfte sie ihre Gottesdienste im Reitsaal der Pleißenburg, dem heutigen Neuen Rathaus der Stadt, abhalten. 1847 wurde die neu erbaute römisch-katholische Propsteikirche zur Heiligen Dreifaltigkeit (Trinitatis) geweiht. «Dort drüben hat sie gestanden, ein Steinwurf von hier entfernt», Pfarrer Giele deutet in Richtung des angrenzenden, sechsspurigen Martin-Luther-Ringes. Keine hundert Jahre stand das Gotteshaus auf seinem Fundament. Im Zweiten Weltkrieg, am 4. Dezember 1943, wurde St. Trinitatis bei einem schweren Luftangriff der Alliierten bis auf die Grundmauern zerstört.
Zu Gast in evangelischen Kirchen
Ältere Gemeindemitglieder verbinden heute mit der Alten Trinitatiskirche ganz besondere Jugend- und Kindheitserinnerungen. Ihre Zerstörung bedeutete den Verlust eines Stückes Heimat. Heimatlos sollte die Gemeinde seit diesem Tag auch vorerst bleiben. Ein Wiederaufbau kam für die Stadtobrigen nicht infrage und so plante die katholische Kirche nach Kriegsende einen Neubau am alten Standort. Der Entwurf wurde 1958 jedoch als störende, städtebauliche Dominante angesehen. Es dauerte noch bis 1982, bis die katholische St. Trinitatis-Gemeinde an einem anderen Ort, im Schatten des Stadtzentrums, einen neu errichteten DDR-Zweckbau beziehen durfte. „Bis dahin waren wir dankenswerter Weise in evangelischen Kirchen zu Gast: In der 1968 leider abgerissenen Universitätskirche, hauptsächlich in der Lutherkirche und auch in der Nikolaikirche“, erzählt Pfarrer Giele. Schon bei der Einweihung der neuen Propsteikirche im Nordwesten der Stadt zeichneten sich erste bauliche Mängel ab.
Thomas de Maizière: «kraftvoll und dynamisch»
2006 signalisierte der Bürgermeister erneut Interesse an einem Neubau und stellte der Gemeinde das Grundstück im Stadtzentrum in Aussicht. «Die Zusammenarbeit mit der Stadt hat wirklich gut funktioniert», sagt Pfarrer Giele, «als es dann aber um eine bundesweite Kollekte für den Neubau ging, hatten alle Beteiligten schon ein wenig Bammel.» Die Sorge war unberechtigt. Schnell zeigte sich, dass das Vorhaben in ganz Deutschland Zuspruch findet. Mehr als 1,1 Millionen Euro sind bisher von Privatpersonen mit der Betreffzeile «neue Propsteikirche» auf dem Spendenkonto eingegangen. Auf der Gemeindehomepage werben mittlerweile 44 Prominente Persönlichkeiten für das Projekt. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) nennt das Neubau-Vorhaben «kraftvoll und dynamisch», Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) spricht von einer «ermutigenden Nachricht», und ZDF-Moderator Peter Hahne freut sich «auch als Lutheraner.»
15 Millionen Euro wird der Bau voraussichtlich kosten. Den Hauptanteil übernimmt das Bistum Dresden-Meißen. Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken möchte das Projekt mit einer Million Euro unterstützen. Eine weitere Förderung ist aufgrund der geplanten, nachhaltigen und umweltbewussten Bauweise von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) zugesagt. «Von Anfang an wurde gefordert, dass mit der neuen Propsteikirche ein besonders nachhaltiges Bauwerk entsteht, dem ein beispielhaftes Energie- und Ökologiekonzept zu Grunde liegt», erklärt Architekt Ansgar Schulz. Der Ingenieur hatte zusammen mit seinem Team den im Mai 2009 international ausgeschriebenen Architekturwettbewerb gewonnen.
«Ort der Ruhe» versus «Flughafentower»
Durch klare Kanten und schnörkellose Formen entsteht nun ein sehr modern anmutendes Gotteshaus, gebaut aus Rochlitzer Porphyr, einer wertvollen Gesteinsart aus der Region. «Wir bekommen viel jungen Zuwachs, auch von Leuten, die erstmals in eine Kirchengemeinde eintreten» sagt Pfarrer Giele mit Blick auf die zeitgemäße Umsetzung des Baus. 4100 Mitglieder hat die Gemeinde bereits, jedes Jahr kommen 150 hinzu. Der Altersdurchschnitt liegt bei 36,8 Jahren. Am neuen Standort soll mit einem Tag - und Nacht begehbaren, offenen Pfarrhof noch mehr Neugier geweckt werden. «Die Kirche öffnet sich zu den Wegeströmen im Stadtraum und generiert mit dem Pfarrhof einen Ort der Ruhe», sagt Architekt Schulz. Der Bau solle zwanglos Leute anlocken, zunächst in den Kirchenbezirk und dann in den Kirchenraum hinein. Dies sei der größte Wunsch der Bauherren gewesen.
Kritiker befürchten leise, der Kirchenneubau verschandele Leipzigs Innenstadt. Von einem «Flughafentower» oder einem «Hallenbad mit Turm ist die Rede», manche fürchten gar die «Ruhrpottisierung Leipzigs.»
Einem Trend entgegen
Stadt und Kirche steuern mit dem Bau der neuen Propsteikirche einem Trend entgegen. In einer Zeit, in der an vielen Orten in Deutschland Kirchen entweiht werden, um anschließend Restaurants oder Theatern Platz zu bieten, wagt man in Leipzig den Neubau. In Sachsen, dem eigentlichen «Stammland» der evangelischen Kirche. Mehr als 90 - größtenteils evangelische - Kirchenbauten prägen das Stadtbild derzeit. Die neue Propsteikirche wird sich dort prominent einfinden und mit ihren 600 Sitzplätzen - exakt so viele, wie bis 1943 - einer katholischen Gemeinde ein lang ersehntes, neues Zuhause geben. An der Nonnenmühlgasse entsteht damit der größte Kirchenneubau Ostdeutschlands seit dem Mauerfall.
Ende 2013 ist die feierliche Einweihung geplant. «Das ist sehr ambitioniert, bei so einem Bauwerk. Wir dürfen nichts überstürzen, denn die Propsteikirche ist ja ein Projekt für die Ewigkeit», sagt Architekt Ansgar Schulz. Damit trifft er genau den Ton der Gemeinde. Wann der Umzug dann wirklich stattfinden wird, scheint nicht wichtig. «Auch wenn wir in großer Vorfreude sind, wollen wir die Mitglieder nicht überfordern», sagt Pfarrer Gregor Giele mit Blick auf die vielen Hochzeiten, Taufen und Gottesdienste, die an anderer Stelle stattfanden. Eigentlich habe man sich ja bei all den Schwierigkeiten auf der langen Reise immer irgendwie wohlgefühlt.
bjm/news.de