Von Sarah Klein
Macho oder aktiver Familienvater, der im Haushalt und in der Kindererziehung hilft? Die Emanzipation greift jetzt auch auf türkische Männer über. Zumindest diskutieren sie über neue Rollenbilder - in Deutschlands einziger türkischer Männergruppe in Berlin.
In der kleinen Erdgeschosswohnung in Berlin-Neukölln riecht es nach Schwarztee und Mandarinen. Rund 20 Männer mit türkischen Wurzeln sitzen entspannt zusammen, der Jüngste ist 16, der Älteste 67 Jahre alt. Was sie verbindet, ist die Suche nach ihrer Identität als türkische Väter in der deutschen Gesellschaft. «Türkische Väter schwanken zwischen Machogehabe, Familienvater und Verlierer», sagt ein junger Mann. Welche Rolle ist die richtige?
Beim «Väteraufbruch» Neukölln sind die Männer unter sich. Sie reden offen. Kazim Erdogan (57) hat die wöchentlichen Treffen ins Leben gerufen. Der hagere Mann lebt seit 36 Jahren in Deutschland und arbeitet als Psychologe beim Jugendamt Neukölln. Er kennt den klassischen Berliner Migrantenkiez und seine Landsleute. Auch er ist Vater von zwei Töchtern. Erdogan weiß, was türkische Männer bewegt. Ihm ist der Austausch wichtig. Wie können türkische Männer Verantwortung übernehmen? Für ihn reicht Verantwortung von der Bildung der Kinder bis zur aktiven Teilhabe an Politik.
Erdogan weiß aber auch, dass es noch an Vielem fehlt. Erst wenige türkische Väter bringen ihre Kinder zur Kita oder gehen zum Elternabend in der Schule. «Die Väter stehlen sich aus der Verantwortung, wenn man sie nicht für solche Themen sensibilisiert», sagt Erdogan.
Türkinnen fordern von ihren Männer Hilfe im Haushalt
Die Väter folgen seiner Einladung. Denn viele stellen sich ähnliche Fragen: Welche Rolle habe ich als Mann und Vater, wenn patriarchalische Alltagsstrukturen sich überlebt haben? Der Druck kommt auch von den eigenen Ehefrauen. Viele Türkinnen in Berlin wollen keine Paschas mehr zu Hause. Sie fordern Hilfe bei der Kindererziehung und im Haushalt.
Manchmal sind die eigenen Nöte ein Grund für die Passivität türkischer Männer. Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Kommunikationsschwierigkeiten lasten auf vielen. Am unteren Ende des großen Tischs sitzt Hasan Arici, ein Mann um die 50, mit Schnurrbart, buschigen Augenbrauen und leiser Stimme. Deutsch hat er auf dem Bau gelernt. Doch dann schlitterte er in die Alkoholabhängigkeit. Nun dürfe er seine Frau und seine zwei Kinder nicht mehr sehen, sagt er leise.
Es gibt aber nicht nur die Traurigen beim «Väteraufbruch». Dort reden auch die Tatkräftigen. «Wir türkischen Männer wollen nicht mehr nur der Macho sein», sagt Aydin Bilge (39). «Es ist zum Beispiel sehr wichtig, dass wir mit unseren Kindern offen über Sexualität reden.» Nach einer kurzen Pause ergänzt er: «Wir Väter müssen genauso wie andere an uns arbeiten.» Männer hätten nicht einfach immer nur recht.
Deutschlandweit einzigartiges Projekt
Der Großteil der Diskussionen läuft auf Türkisch, obwohl die meisten Männer fließend Deutsch sprechen. «Wenn wir nur Deutsch reden würden, würde die Hälfte nicht kommen», sagt Onursah Özkaya, der in Berlin Pädagogik studiert. Über emotionale Themen könne man am besten in seiner Muttersprache reden. «Bei uns hier gibt es überhaupt kein Tabuthema», wirbt Gründer Erdogan.
Väter und Männer für Bildung und Erziehung zu sensibilisieren, gehört zur Grundidee des «Väteraufbruchs». Es geht auch darum, Gewalt aus den Familien zu verbannen. Damit ist das Projekt aus Neukölln deutschlandweit einzigartig. Stolz zeigen die Männer die gerahmte Urkunde herum, mit der ihr Projekt vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet wurde. Es gab ein Preisgeld in Höhe von 3500 Euro. Ähnliche Männer- und Vätergruppen sind nun in Duisburg, Dortmund, Köln, Frankfurt (Main) und Hamburg geplant. Sogar aus Österreich kamen schon Anfragen.
Die Männer des «Väteraufbruchs» verstehen sich als Vorbilder und Multiplikatoren, im Bekanntenkreis, in ihren Vereinen oder in der Moschee. Sie arbeiten auch mit Kitas und Schulen im Bezirk zusammen. Viele türkische Frauen begrüßen das Engagement. Aus ihrer Sicht könnte es sogar noch viel weiter gehen. Stadtteilmütter wünschen sich Pädagogik- und Kindererziehungskurse für junge türkische Väter. Sie wollen sie mitnehmen auf dem Weg in ein modernes Großstadtleben.
jag/reu/juz/news.de/dpa
So sehr ich die Initiative von Erdogan und Co auch begrüße, der von dieser Gruppe gewählte Vereinsname war ein glatter Fehlgriff. Es gibt in Deutschland den Väteraufbruch für Kinder e.V., der in der Vergangenheit von Medien - auch einigen Mitgliedern und Gegnern gern als "Väteraufbruch", verstümmelt und dem Anliegen nicht gerecht werdend, umgedeutet wurde. Wann immer ich also zukünftig Beiträge über den "Väteraufbruch für Kinder e.V." suchen werde, ich werde zwangsläufig über den nur mäßig integrativ wirkenden "Väteraufbruch" stolpern.
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