Von news.de-Mitarbeiter Ayke Süthoff
Musikalische Früherzeihung wird immer populärer. Schon Babys lernen den Umgang mit Rassel, Gong und Co. Aber auch die Eltern lernen dabei. News.de sprach mit dem Rostocker Musikpädagogen Professor Magnus Gaul über die Ziele solcher Kurse.
Professor Gaul, welchen Sinn macht Musikunterricht mit Babys, die noch nicht einmal ein Jahr alt sind?
Magnus Gaul: Ein frühes Heranführen an die Welt der Musik ist für Menschen in jedem Alter eine besondere Herausforderung. Gerade in früher Kindheit erleben sie Zusammenhänge, erleben Musik in ihrer besonderen, man kann fast sagen «natürlichen» Form. Dabei entdecken sie unterschiedliche Qualitäten neu, vor allem im persönlichen Erfahrungsbereich: im Miteinander, im gemeinsamen Schwingen, später im gemeinsamen Singen.
Das artikuliert sich bei den Babys natürlich zunächst in Bewegungsformen. Es hat deshalb vor allem im psychomotorischen und emotionalen Bereich einen enormen Wert, die Kinder früh an Musik heranzuführen.
Das bedeutet, die Kinder bewegen sich rhythmisch zu der Musik.
Gaul: Es ist ja bekannt, dass bereits vor der Geburt Reaktionen der Kinder stattfinden. Beispielsweise wenn Mütter berichten, dass sich ihr Kind im Mutterleib bewegt und dabei Schwingungen von außen aufnimmt, (Körper-)Geräusche oder auch die Stimme der Mutter. Diese Bewegungen setzen sich natürlich unmittelbar nach der Geburt fort.
Können durch musikalische Früherziehung Wunderkinder a lá Mozart heran gezüchtet werden?
Gaul: Also als Wissenschaftler möchte ich mich von dem Begriff Mozart-Effekt, einer wissenschaftlichen Legende, distanzieren. Kleine Mozarts werden wir durch diese Kurse nicht kriegen. Allerdings wird eine Sache in der Gesellschaft vielfach unterschätzt: Dass gerade mit Musik ein Zusammenwachsen untereinander, ein soziales Leben gefördert wird und Kinder auf diese Art frühzeitig und in spielerischer Form persönliche Erfahrungen machen, die sie ansonsten in keinem anderen Bereich erleben dürften.
Das Stichwort «soziale Kompetenz» fällt immer wieder, wenn über musikalische Früherziehung geschrieben wird - was soll das konkret bedeuten und was hat das mit Musik zu tun?
Gaul: Im Lernbereich Musik treten vielfältige Fähigkeiten und Fertigkeiten auf, die in anderen Erfahrungsfeldern, auch sozialen Bereichen, wiederkehren. Beispielsweise das gegenseitige Austauschen von Instrumenten oder das Zuhörenkönnen. Natürlich auch das Erweitern von Konzentration und Aufmerksamkeit. Das sind Kompetenzen, die sich spielerisch anbahnen und auch in anderen Lernsituationen verwerten können, auch später in der Schule.
Das hat nicht zuletzt mit Wertschätzung zu tun, von dem, was der Nachbar macht und was ich selbst mache. Kinder lernen Singen und Musik als Werte kennen.
Das heißt, Kinder nehmen schon in diesem Alter wahr: Mein Nebenmann hat jetzt das Instrument, gleich bekomme ich es.
Gaul: Wenn Sie die Frühkurse für Babys ansprechen, dann möchte ich das nicht unterschreiben. Aber Kinder merken frühzeitig, wenn sie mit Instrumenten konfrontiert werden, dass dies eine andere Sprache ist, die für sie manchmal sehr viel tänzerischer wirkt, sehr viel belebender oder sehr viel einschmeichelnder und ruhiger. Es ist ja von alters her bekannt, dass Mütter ihren Kindern zum Einschlafen Lieder vorgesungen haben, zur Beruhigung. Und das ist bis heute eigentlich geblieben: Musik hat eine Ausdruckskraft, die in der Erziehung eine elementare Bedeutung einnimmt.
Haben Kleinkinder und Babys denn überhaupt Spaß an solchen Kursen?
Gaul: In der Regel haben sie riesigen Spaß. Man darf nicht annehmen, dass die Kinder nicht musikalisch seien. Jedes Kind hat einen Kern von Musikalität in sich. Übrigens auch viele Erwachsene, nur sie wissen es oft nicht.
Also ist Musikalität ein angeborenes Talent und jedes Kind kann Musik lernen.
Gaul: In der Regel kann jedes Kind musikalische Botschaften aufnehmen und verarbeiten. Das Problem heutiger Zeit ist, dass die Musik in den Elternhäusern immer weiter zurückgeht. Viele Eltern singen nicht mehr mit ihren Kindern. Die Kinder kommen in die Kindergärten und Schulen und haben vielfach ihre eigene Stimme noch nicht trainiert, kennengelernt, erforscht. Sie lernen Musik nicht als Botschaft kennen. Eigentlich ist dabei das Problem, dass Eltern und Kinder nicht gemeinsam die Musik kennen lernen. Und diesem Sachverhalt begegnen die Musikgärten für Babys, indem sie Eltern mit den Kindern in einen gemeinsamen Entwicklungsprozess einbeziehen.
Sie haben schon die Schlaflieder angesprochen, die früher zur Beruhigung der Kinder gesungen wurden. Heute heißt es immer wieder, dass die wenigsten Eltern überhaupt noch Schlaflieder kennen. Müssten eigentlich die Eltern vermehrt an Musikkursen teilnehmen und wie erreicht man das?
Gaul: Als Musikpädagoge arbeite ich mit meinem Team daran, dass auch Eltern gezielt zur Musik und zum Lied hingeführt werden, und diese wieder als Wert erkennen. Wenn man sich die schulische Entwicklung anschaut, erlebt man im Moment, dass gerade die ästhetischen Fächer stark zurückgedrängt werden. Viele Bildungspolitiker haben immer noch nicht erkannt, dass gerade in den ästhetischen Fächern wie Musik, Kunst oder Sport, eine hohe Schulmotivation liegt für die Kinder, eine Chance für jeden Bildungsprozess. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Also bilden diese Fächer auch einen Lernanreiz, der durchaus auch andere Disziplinen begleiten und tragen kann.
Sie bemängeln also, dass Musik-, Kunst- oder Sportunterricht verdrängt werden von naturwissenschaftlichen Fächern, weil die Politik diese als wichtiger empfindet.
Gaul: Nicht nur Politiker, sondern auch viele Eltern favorisieren die sogenannten PISA-Fächer. Allerdings sollte das nicht auf Kosten der ästhetischen Fächer geschehen. Man könnte stattdessen zum Beispiel mit Einbindung musikalischer Lerninhalte hervorragende Erlebnisse schaffen und nachhaltige Ergebnisse bei den Kindern erzielen. Beispielsweise physikalische Gesetze durch den Klang von Instrumenten erklären.
In meinen Kinder-Uni Veranstaltungen habe ich diese Elemente drin: Die Luftsäule oder die klingende Saite, die an verschiedenen Instrumenten unterschiedlich erklingt. Das ist Lernen im direkten Erfahrungsbereich der Kinder, aus der Praxis, in der Praxis, für die Praxis. Das kommt bei den Heranwachsenden, selbst im Vorschulalter bereits sehr gut. Das gemeinsame Musizieren ist darüber hinaus eine essenzielle Erfahrung für Kinder, die man ihnen nicht nehmen sollte. Das müsste permanent geschehen, auch in den Schulklassen.