Von news.de-Redakteur Jan Grundmann
Seit der umstrittenen RTL-2-Sendung Tatort Internet ist sie wieder im Gespräch - die Kinderliebe, die tabu ist. Wie sie entsteht, wie viele Deutsche pädophil sind und warum das Internet für sie eine Gefahr darstellt: News.de hat nachgefragt.
Pädophilie ist ein Tabuthema. Und wenn sie zur Sprache kommt, dann mit dem moralischen Zeigefinder - wie in der Tatort-Internet-Sendung. News.de hat deshalb mit dem Psychoanalytiker Micha Hilgers, der jahrzehntelange Erfahrung in der Therapie von Pädophilen hat, über die Neigung gesprochen. Mal etwas unaufgeregter.
Wie leben denn Pädophile ihre Neigungen aus?
Hilgers: Die meisten Pädophilen fallen gar nicht auf. Sie haben zwar pädophile Fantasien und Neigungen, leben diese aber in der Realität nicht aus. Solche Menschen können durchaus in festen Partnerschaften leben. Das Internet hat die Befriedigung pädophiler Neigungen sehr viel leichter gemacht: Früher verschafften sich Pädophile zum Beispiel Versandkataloge mit Kinderabbildungen, schauten Kindersendungen im Fernsehen. Heute wird nahezu jede auch sehr sadistische Neigung im Internet bedient. Wird die Nähe zu Kindergärten oder Spielplätzen aufgesucht, so ist die Pädophilie bereits deutlich dranghafter und oft auch unkontrollierter ausgeprägt. Daneben gibt es eine kleine Gruppe von Kernpädophilen, die eine ausschließliche sexuelle Orientierung auf Minderjährige haben. Das sind die Extremfälle.
Wie entstehen denn pädophile Neigungen? Gibt es ein Muster?
Hilgers: Häufig waren die Täter früher selbst einmal Opfer. Aber nicht jeder, der solche Übergriffe erlebt hat, wird später selbst pädophil. Solche Erlebnisse können sich einbrennen und dann mit kindlichen Opfern reproduziert werden. Man versucht dann, die Kontrolle und Macht zu gewinnen, die man damals nicht hatte. In den allermeisten Fällen werden pädophile Übergriffe im engeren sozialen Umfeld begangen, Nachbarn oder Freunde der Familie sind meist die Täter.
Sind nur Männer pädophil?
Hilgers: Der Missbrauch wird meist von männlichen Tätern begangen. Aber es ist eine ideologisch überfrachtete Meinung, dass es nur Männer sind. Sie fallen bloß mehr auf, weil ihr Verhalten dranghafter ist. Aber es gibt auch Frauen als Täter. Ein fast schon klassisches Beispiel sind Nonnen. Schüler schildern, wie sie vor den Nonnen bei einer Verfehlung onanieren mussten und auf das entblößte Gesäß geschlagen wurden - eine perfide Mischung von sexueller Demütigung und Gewalt.
Wie viele Deutsche sind denn pädophil?
Hilgers: Schwer zu sagen. Die Täter fallen ja nur auf, wenn sie strafrechtlich relevante Dinge tun. Zudem schweigen viele Opfer, weil die Täter zum Zeitpunkt der Tat viel Macht besaßen oder innerpsychisch für die Opfer immer noch haben. Ein katholischer Würdenträger oder ein Internatsleiter ist eben weniger angreifbar als ein arbeitsloser Hartz-IV-Empfänger. Etwa bei den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche oder an der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim.
Wie viele Kinder werden in Deutschland missbraucht?
Hilgers: Pro Jahr gibt es in Deutschland zwischen fünf und acht Kindstötungen mit pädophilem Kontext. Diese Zahl hat über die Jahre abgenommen – früher waren es etwa 15 pro Jahr.
Im Internet gibt es massenweise pädophiles Material. Kann das möglicherweise reale Missbräuche von Kindern verhindern?
Hilgers: Das alte Triebmodell der Entlastung gilt nicht. Wenn man guten Sex hat, nimmt das Bedürfnis nach gutem Sex auch nicht ab. Das Internet ist ein leichter Weg, an Material heranzukommen – und kann die pädophile Neigung sogar noch verstärken. Pädophile können so immer weiter in eine Parallelwelt hineingleiten.
Welche Möglichkeiten der Therapie gibt es?
Hilgers: Behandlung ist möglich, Heilung nicht. Pädophilie ist eine lebenslang bestehende Neigung. Geht man der Neigung nach, nimmt sie zu. In der Behandlung geht es darum, Pädophile auf ihre Verantwortung hinzuweisen. Also: Dem Patienten muss klargemacht werden, dass er die Internetseite mit pädophilem Material bewusst aufruft. Die Seite öffnet sich nicht einfach von selbst. Doch diese Erkenntnis ist für viele Betroffene schmerzhaft und mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden. Je mehr Scham- und Schuldgefühle entstehen, desto besser, denn diese moralischen Affekte haben eine regulierende Funktion. Wer aber wirklich Gewalt gegen Kinder ausübt, hat keine moralischen Affekte – die Chance, auf die pädophile Neigung im Leben zu verzichten, ist sehr gering. Geht ein Täter jedoch mit exzessiver Gewalt gegen Minderjährige vor und lebt seine Neigungen nicht nur im Internet, so fehlen fast immer Scham- und Schuldgefühle und die Bereitschaft zur Mitarbeit an einer Therapie läuft gegen null.
Was bringt die RTL-2-Sendung Tatort Internet?
Hilgers: Nichts, außer einer Emotionalisierung, die weder therapiebereiten Pädophilen noch den Opfern etwas bringt. Da werden Leute erst in Situationen gebracht, über die dann berichtet wird. Das ist kein seriöser Journalismus. Das führt dazu, dass Menschen - also Täter wie Opfer -, die über eine Therapie nachdenken, Angst haben. Gefragt ist nüchterne Berichterstattung, alles andere lässt die Opfer noch mehr allein, verstärkt ihre Traumatisierung und stigmatisiert jene Pädophilen, die eigentlich Hilfe aufsuchen wollen.
Psychoanalytiker Micha Hilgers war 20 Jahre lang Supervisor (Berater) für Diagnostik, Therapie und Behandlung in der forensischen Abteilung der Rheinischen Kliniken Düren, in der unter anderem pädophile Delinquenten behandelt werden. Jetzt führt er zwei Praxen in Aachen und betreut Krankenhäuser und Institutionen mit psychotherapeutischer Ausrichtung.
iwi/ivb/news.de
Die Aufarbeitung der Kindheitsbiografien von pädophilen Tätern ist sehr wichtig. Zum einen für den Täter wichtig, um aufzuarbeiten und die eigene Opferrolle als Kind nachzuerleben und überhaupt zu erkennen, aber auch um sich dann die Rolle der eigenen Opfer besser vorstellen zu können. Um Mitleid geht es bei den Täterbiographien nicht, sondern um Aufarbeitung, Erklärung und darum zukünftige Taten zu vermeiden.
jetzt antwortenKommentar meldenich liebe kinder wie jeder normale mensch,habe selbst 3 und 5 enkel.Wer sich an kindern vergreift gehört einfach in eines der russischen Urlaubsparadiese...........Gulag 1 Gulag 2 u.s.w
jetzt antwortenKommentar meldenPädophilie ist nicht heilbar? Solange die Branche Psychiater, Psychoanalytiker etc. keine vergangenen Leben anerkennt bzw. für möglich hält, wird nur wenig heilbar sein, lediglich die Leute mit Medikamenten voll stopfen, denn in unserer Gesellschaft wird es schon als Fortschritt angesehen, wenn Personen ruhig (abgestumpft) und etwa unbewußter sind. Im Hinblick auf die X/Y-Theorie vertrete ich die Auffassung, daß der Mensch eigentlich gut ist; man muß sich nur seine Vorleben ansehen - und da wird man viel finden an geistigen Verletzungen.
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