Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Im Partyleben von Berlin oder Bremen gehört Rauchen dazu. Im ländlichen Bayern wird nicht so viel gequalmt. So klar, so gut. Aber warum ist ausgerechnet Mecklenburg-Vorpommern das Mekka der Nikotinsüchtigen? News.de stochert im blauen Dunst.
Mecklenburg-Vorpommern ist tief bordeauxrot auf der Raucherkarte. Bayern hingegen lachsfarben. Dazwischen liegen fast sieben Prozentpunkte. Dass die Mecklenburger viel quarzen, war auch schon so, bevor von Hartz IV überhaupt die Rede war, und Bayern war auch schon vor dem Volksentscheid das nikotinärmste Bundesland. 26,4 Prozent der Mecklenburg-Vorpommerer bezeichneten sich im Mikrozensus 2009 als Raucher, nimmt man die Gelegenheitsraucher hinzu, sind es gute 30 Prozent. Nur 19,8 Prozent der Bayern hingegen rauchen regelmäßig, 3,7 Prozent ab und an.
Hat der Kapitalismus Ostdeutschland in die Nikotinabhängigkeit getrieben? Weit gefehlt. Erstens rauchen im ostdeutschen Sachsen sogar noch 0,1 Prozent der Bürger weniger als in Bayern. Und zweitens sah das auch kurz nach der Wende kaum anders aus. Tatsächlich haben sich die Rauchgewohnheiten der Deutschen im Großen und Ganzen nicht signifikant verändert seit 1992, insgesamt lässt sich in den meisten Ländern ein leichter Rückgang ausmachen.
Damals wie heute ist Berlin absolute Raucherhochburg, gefolgt von Bremen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, während Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg traditionell die Schlusslichter bilden.
Nord-Süd-Gefälle beim Rauchverhalten
«Das Nord-Süd-Gefälle beobachten wir seit geraumer Zeit. Das hat kulturelle Gründe», sagt Thomas Langer, Diplomsoziologe am Roland Koch Institut. In den Stadtstaaten fällt die Begründung relativ leicht. «Es gibt einen bewegteren, offeneren Lebensstil, wo Rauchen dazugehört. Und die Bevölkerung ist in den Großstädten in der Regel jünger als in den Flächenstaaten, das allein führt in Bremen oder Berlin zu höheren Raucherquoten», erklärt er.
Zu Kultur, Tradition und Altersstruktur komme die soziale Komponente: «Mecklenburg-Vorpommern ist das Land, das bei vielen Indizes am schlechtesten dasteht. Hohe Arbeitslosigkeit, hohe Armutsquote – Bayern, Baden-Württemberg und Hessen sehen da am besten aus.» So richtig erklären kann sich in Schwerin das Suchtverhalten trotzdem niemand. «Wir haben keine Antwort darauf. Wir versuchen, alles dagegen zu tun, die Prävention so früh wie möglich ansetzen zu lassen – und trotzdem ist der Anteil der Raucher bei uns immer über dem Schnitt», sagt Rainer Siedelberg von der Landeskoordinationsstelle für Suchtvorbeugung.
Auch hier rauchen vor allem die jungen Leute, und zwar so stark, dass sie den gesamten Schnitt runterreißen, wie Thomas Wimmer betont. 57 Prozent der 25-Jährigen rauchen im Ostsee-Bundesland, während in Bayern in dieser Altersklasse nur 35 Prozent qualmen. Bei den 60-Jährigen sind es auch im Nordosten wiederum nur 11 Prozent, erklärt der Soziologe, der an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität zum Rauchverhalten forscht.
Suchtverhalten wird überliefert
Er hat auch die Nikotinsucht von Spanien bis Russland untersucht, und seine Ergebnisse haben ihn davon überzeugt, dass Faktoren wie Alter, Einkommen oder Bevölkerungsdichte nicht alles erklären. «Es bleibt immer etwas übrig, die kulturellen Unterschiede bleiben bestehen. Das ist in den Bundesländern ähnlich.» Rauchen sei nicht vergleichbar mit anderem Konsumverhalten, da hier Sucht- und Gewohnheitseffekte im Vordergrund stehen. «Die Leute bleiben sehr lange dabei, das wirkt sich auf die Erziehung aus – so werden Unterschiede sogar über Generationen überliefert», erklärt er die Kontinuitäten im Rauchverhalten.
Woher solche kulturellen Eigenheiten kommen, kann er nicht erklären. Sein Kollege Thomas Langer lässt sich zu einer kulturhistorischen Vermutung hinreißen, warum in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur viel geraucht, sondern auch traditionell viel harter Alkohol konsumiert wird. «Ich habe schon überlegt, ob es mit der Hanse zu tun haben könnte, weil im Norden der Rum und auf den selben Wegen vermutlich auch Tabak über den Seeweg ankam. Doch das sind nur Spekulationen.»
che/news.de