Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Von wegen öde. Wenn Boris Nikolai Konrad sich Zahlenreihen und Namen merkt, springen Tiere durch die Wohnung oder es spritzt schon mal Tomatensaft. Der Gedächtnissportler hat gerade wieder einen Weltrekord aufgestellt.
Wer Boris Nikolai Konrad folgen will, braucht eine schnelle Auffassungsgabe oder sehr fixe Finger zum Mitschreiben. Der Mann spricht unglaublich schnell. Das hat vermutlich mit seiner Berufung zu tun. Eine amüsante Vorstellung, wie er vor seinem geistigen Auge in einem Affenzahn Schwäne, Frösche oder Autos über Kleiderhaken und durch Spülen hüpfen lässt, wenn er sich wieder mal eine 1000-stellige Zahl ins Hirn hämmern will. Oder wie Thomas spritzend in eine Tomate beißt, während Olaf Olivenkerne spuckt und Silvia Silvesterknaller abschießt. Und alles nur, weil der Gedächtnissportler gerade einen Weltrekord aufstellen will - und deshalb Brücken baut.
Denn Boris Nikolai Konrad merkt sich Dinge, möglichst viele Dinge. Am Wochenende waren es 201 Namen, die er nach 15 Minuten Merkzeit ihren Gesichtern zuordnen konnte – und damit den eigenen Weltrekord von 195 Namen übertraf. Er gehört zu den Menschen, die unter der Fuchtel von Thomas Gottschalk beeindruckende Geistesleistungen vollbringen. 2004 gewann er seine Wette, indem er sich die Essensbestellungen von 50 Restaurantgästen in vier Minuten ins Gedächtnis stanzte, 2006 merkte er sich fünf Sudokus und spuckte sie zwei Minuten später gelöst wieder aus.
Wie macht der das, fragt nicht nur Thomas Gottschalk, und Konrad hat kein Problem damit, sein Rezept preiszugeben. Denn er ist kein Naturgenie, das schon in der Grundschule historische Daten vor sich hin plapperte. Seine erste Erinnerung ist, wie eine Katze auf der Terrassentür einen Vogel zerlegt. Damals war er drei, das ist ein ganz normales Alter für eine erste Erinnerung. Und im Lernen von Vokabeln war er nie eine große Leuchte.
Bis es ihn packte. Gegen Ende seiner Schulzeit hörte er von den Methoden: «Das Wichtigste ist, dass man in Bildern denkt. Das Gehirn merkt sich Dinge nur dann, wenn sie visuell oder emotional bedeutend sind. Reine Sachinformationen sind schwierig zu speichern», erklärt der Weltrekordhalter. Seine Zahlenmethodik hat er sich von den antiken Rhetorikern abgeschaut. Das ist kein Geheimtipp, das macht die Konkurrenz genauso. Deshalb ist sein Hobby auch keine Zauberei, sondern ein Sport. Gedächtnissport, und der kommt immer mehr in Mode.
Zahlenreihen sind ein Gang durch die Wohnung
Seinen Weltrekord hat er am Wochenende bei den Deutschen Meisterschaften geknackt. Zum Titel reichte es zwar nicht, aber es war auch das stärkste Teilnehmerfeld, das Konrad je erlebt hat. «Ich bin nur Vierter geworden, habe es damit aber auf Platz sieben der Weltrangliste geschafft und immer noch den aktuellen Weltmeister aus Großbritannien und den letztjährigen deutschen Meister besiegt.» Im Gedächtnissport gehören die Deutschen zu den stärksten Nationen, aber sie sind auch schon seit 15 Jahren dabei. China holt gerade enorm auf. Ende November reist Boris Nikolai Konrad ins Reich der Mitte, zur WM. Da treten dann auch erstmals Teams aus Indien, den Philippinen, Thailand und Indonesien an. «Ich bin gespannt, wie die sich entwickeln.»
Konrad kann mit leichtem Gepäck reisen, denn seine Sportgeräte hat er im Kopf. Geht es um Zahlen, verknüpft er Bilder mit Wegen. Seine «Zwei» beispielsweise ist ein Schwan. An welcher Position der Schwan in der Zahlenkombination sitzt, merkt er sich über den Weg: «Ich stelle mir Wege in realen Räumlichkeiten vor, zum Beispiel durch die eigene Wohnung. Position eins ist die Haustür, zwei der Kleiderhaken, drei die Spüle, vier der Herd, und so weiter. Wenn das feststeht, stelle ich mir zum Beispiel den Schwan vor, der zur Tür hereinflattert. Dann ist die erste Zahl eine ‹Zwei›.» Solche visuellen Gebilde ließen sich einfacher einbilden als eine reine Zahlenfolge, sagt Konrad. Um sich lange Zahlenketten einzuprägen, hat er Bilder für alle zweistelligen Zahlen.
Doch der Sport ist nicht nur Spielerei. Weil er auch für den Alltag taugt, konnte Boris Nikolai Konrad ihn zu seinem Beruf machen: Er gibt Seminare im Gedächtnistraining und schult Leute darin, ihre Konto- oder Geheimnummern in eine Geschichte zu packen oder sich Stichworte für lange Vorträge zu merken, um den roten Faden nicht zu verlieren.
Doch Konrads große Stärke sind die Namen. Wenn er einen Vortrag hält, überrascht er die Teilnehmer erstmal damit, dass er sie sofort ansprechen kann. Und auch hier sind Bilder der Trick. «Bei Thomas denke ich an Tomate, weil sich das so ähnlich anhört. Dann merke ich mir ein Bild, wo er in eine Tomate beißt und der Saft spritzt auf seine Kleidung.» Genau das hat er beim Weltrekord mit 201 Namen in 15 Minuten gemacht. «Das Tempo ist nur Übungssache.»
jag/ivb/news.de