Von news.de-Mitarbeiter Ayke Süthoff
In Deutschland fehlen Naturwissenschaftler, zumindest wenn es nach Politik und Wirtschaft geht. Auch deshalb sollen Kinder immer früher mit Naturwissenschaften experimentieren. Doch bringen Kindergärten wirklich kleine Forscher hervor?
«Grüüün», ruft der dreijährige Jonas und freut sich wie verrückt über den Effekt, den er erreicht, als er Gelb und Blau mischt. Schon wieder etwas gelernt und das mit so viel Spaß!
Jonas besucht den Kindergarten «Forscherinsel» in Seebenisch, einem kleinen, idyllischen Ort, nicht weit von Leipzig. Dort ist der Name Programm, es wird mächtig geforscht. Das sieht zwar bei Kleinkindern anders aus, als das Klischee des verrückten Professors mit wüstem Haar, Chemiekolben und Bunsenbrenner nahe legt. Aber das Wort «forschen» trifft es trotzdem sehr gut. In der Kinderkrippe wird heute mit Wasser, Pipetten und Zucker experimentiert.
«Ipette, Ipette»
Vier Kinder unter drei Jahren dürfen mitmachen: Sina, die Kleinste und etwas Schüchterne. Daneben der blonde Jonas, Erik und Franz, der Größte. Sie sitzen am Tisch, jeder hat sich einen tiefen Teller holen dürfen, in die Erik jeweils einen Schluck Wasser gießt. Birgit Poppe, die Erzieherin, holt jetzt die Pipetten raus. «Wisst ihr noch, wie das heißt?», fragt sie in die Runde. Keiner kann sich erinnern. «Das ist eine Pipette», sagt die Pädagogin und gibt jedem Kind eine. «Ipette», erinnert sich Jonas lautstark daran, dass er das Wort eigentlich doch schon kannte. «Ipette, Ipette!»
In der Krippe werden Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren betreut. Danach ziehen sie ein paar Räume weiter, in den Kindergarten. Auch dort gibt es naturwissenschaftliches Experimentieren, aber anders. Denn Krippenkinder erforschen permanent ihre Umwelt. Fast jede Bewegung, jedes Spiel, dient dem Lernen. Ihnen reicht eine Pipette, etwas Wasser und schon geht es los. «Die Kinder probieren es immer wieder aus: Wie bekomme ich das Wasser in die Pipette, wie wieder raus?», beschreibt Poppe einen wichtigen Teil des Lernprozesses. «Gleichzeitig lernen sie auch sprachliche Begriffe. Wer kennt in diesem Alter sonst schon das Wort ‹Pipette›?»
Blau zu Grün
Alles Weitere ist Zugabe: etwa die verschiedenen Farben, die die Kinder auf ihren Tellern mischen. Franz, der Meister der Pipette, hat sein Wasser schon tiefblau gefärbt, während Sina nur einen ganz leichten Gelbton erreicht. «Wir verwenden nur die Grundfarben Rot, Blau und Gelb», sagt Poppe. «Auch wenn wir mit den Kindern malen. So lernen sie von Anfang an, was passiert, wenn Farben gemischt werden.»
Die Experimente auf der Forscherinsel basieren auf einem Konzept der Stiftung «Haus der kleinen Forscher». Diese wurde 2006 von der Helmholtz-Gemeinschaft und verschiedenen Stiftungen aus der Wirtschaft gegründet. Anfangs beteiligten sich deutschlandweit 54 Kindertagesstätten an dem Pilot-Projekt. Jetzt, vier Jahre nach der Gründung, gehören schon 14.000 Kitas zum Haus der kleinen Forscher. Die Zahl wächst stetig.
28.000 Erzieher ausgebildet
Die wichtigste Voraussetzung, damit ein Kindergarten ein Haus der kleinen Forscher werden kann, ist die Schulung der Mitarbeiter. Pro Kita werden durchschnittlich zwei Erzieher weitergebildet. Sie lernen, wie sie Experimente mit Kindern durchführen und dass sie diesen den Freiraum lassen müssen, selbst Erklärungen für naturwissenschaftliche Phänomene zu finden. Denn Bildung im Kindergarten sollte niemals zum Frontalunterricht werden, in dem die Erzieher den Kindern die Welt erklären.
In Workshops führen die Erzieher deshalb selbst die Experimente durch und versetzen sich so in die Perspektive der Kinder. «Wir haben im Workshop mit Experimentieren angefangen, ohne vorher zu wissen, worum es eigentlich ging. Genau wie die Kinder hier», erzählt Birgit Poppe, die ihre erste Schulung gerade absolviert hat. Sie ist damit eine von ungefähr 28.000 Kindergarten-Mitarbeitern, die an solchen Workshops teilgenommen haben und weiterhin teilnehmen: Zweimal im Jahr müssen die Erzieher weiterführende Seminare besuchen, damit die Kita Teil des forschenden Netzwerks bleibt.
Dass sich Farben ändern können, bemerken jetzt auch Franz und Erik. Rot auf Blau gibt: «Lilaaa», kreischt der begeisterte Jonas, der die Farbenlehre erstaunlich gut beherrscht. Jetzt verteilt die Erzieherin auch noch Zuckerstückchen. Eine Anleitung gibt es nicht, die Kinder sollen sich schließlich selbst ausprobieren dürfen. Und sie probieren: stapeln den Zucker im Wasser, bis er sich auflöst; färben die Stückchen bunt; rühren eine dickflüssige, bunte Zuckerpampe an.
Spaß haben und lernen
Genau das ist die Idee: Die Kinder sollen sich verlieren, Spaß haben und dabei lernen. Die Grundlage der naturwissenschaftlichen Experimente am Kindergarten bildet das Forschungsprojekt «Natur-Wissen schaffen», das unter der Leitung vom Bildungsforscher Wassilios Fthenakis entstanden ist. «Die drei- und vierjährigen Kinder konstruieren ihr Wissen durch Tun. Das heißt, sie spielen mit», erklärt Fthenakis die Experimente in der Krippe. Doch damit hört die vorschulische Bildung nicht auf. Im Kindergarten werden die Experimente komplizierter, die Kinder sollen dann selbstständig Erklärungen für naturwissenschaftliche Phänomene finden.
Die Kleinen - Jonas, Sina, Franz und Erik - panschen noch immer im bunten Wasser. Nach einer Weile schaut Birgit Poppe auf die Uhr. «Das dauert jetzt schon über eine halbe Stunde. Das ist eine Aufmerksamkeitsspanne, die Krippenkinder normalerweise nie aushalten», staunt die Erzieherin selbst über die Forschungsbegeisterung der Kleinen.
Doch kurz darauf sammelt sie die Teller und Pipetten ein. Schließlich sollen die Kinder heute noch ein bisschen an die frische Luft. Am nächsten Tag dürfen sie wieder experimentieren. Dann tummeln sich vier andere Dreijährige mit den Farben. «Grüüün» spielt bestimmt wieder eine wichtige Rolle.
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