Von news.de-Mitarbeiter Ayke Süthoff
Immer mehr Kindergärten machen Experimente schon mit den ganz Kleinen. News.de sprach mit einem der Initiatoren, Professor Wassilios Fthenakis, über die Ziele naturwissenschaftlicher Projekte mit Kleinkindern.
Professor Fthenakis, warum sollten sich schon dreijährige Kinder mit Naturwissenschaften beschäftigen?
Wassilios Fthenakis: Wir wissen heute, dass Kinder bereits am Ende des ersten Lebensjahres in der Lage sind, Hypothesen aufzustellen, was das Funktionieren der Welt betrifft. Mit zwei Jahren sind sie in der Lage, sich in die Situation eines anderen zu versetzen und von dort aus dessen Probleme zu sehen. Das heißt, die Kinder entwickeln von sich aus früher eine Lernneugier, sie entwickeln Kompetenzen, die sie befähigen, früher als bislang angenommen, die Bildungsprozesse selbst und aktiv mitzugestalten. Wenn wir heute dafür plädieren die frühe Bildung so ernst zu nehmen, dann deshalb, weil wir dieser Lernneugier der Kinder gerecht werden wollen.
Wie sieht die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften im Kindergarten konkret aus. Was wird dort gemacht?
Fthenakis: Zunächst einmal knüpfen wir an die Alltagssituationen und die Interessen der Kinder an. Wenn wir den Wald um diese Jahreszeit besuchen und die Kinder die wunderschön gefärbten Blätter sammeln, kann ein Kind die Frage aufwerfen: Warum fallen die Blätter? Warum jetzt und nicht im Frühjahr? So haben Pädagogen eine wunderbare Gelegenheit, diese Neugier aufzunehmen und daraus ein konkretes Projekt zu machen. Interessant dabei ist zweierlei: Erstens, es wird ein moderner Ansatz des Lernens durch Ko-Konstruktion angewandt. Das Kind und die Erzieher überlegen gemeinsam, sie konstruieren gemeinsam. Und das Zweite ist, dass wir uns nicht mit Wissensvermittlung begnügen, sondern wir streben vor allem nach Sinnkonstruktionen: Was macht das für einen Sinn für den Baum, dass diese Blätter fallen?
Sie sprechen von Ko-Konstruktion zwischen Kindern und Erziehern. Können kleine Kinder wirklich von sich aus Erklärungen für naturwissenschaftliche Phänomene finden?
Fthenakis: Das Interessante ist nicht, ob das Kind allein und von selbst die Erklärung findet. Sondern, dass jedes Kind ermuntert wird, seinen Erklärungsansatz zu entwickeln, diesen den anderen mitzuteilen, mit diesen darüber zu diskutieren und gemeinsam in der Gruppe nach dem richtigen Ansatz zu suchen. Die Betreuer sind natürlich da, um gemeinsam mit den Kindern den Prozess der Ko-Konstruktion aktiv mitzugestalten.
Wird da nicht zu viel von den Kinder verlangt, wenn sie sich in der Gruppe einbringen und über solche komplexen Themen diskutieren sollen?
Fthenakis: Die drei- und vierjährigen Kinder konstruieren ihr Wissen durch Tun. Das heißt, sie spielen mit. Aber den Fünf- und Sechsjährigen reicht diese Art der Aktivität nicht aus. Die Kinder beginnen in diesem Alter selbst darüber nachzudenken, dass sie lernen, was sie lernen und vor allem wie sie lernen. Und wenn Sie dieser Lernneugier und diesem Anspruch der Kinder nicht gerecht werden, langweilen sich die Kinder. Wir machen also verschiedene Projektgruppen, je nach Alter. Bei Drei- und Vierjährigen kann das gleiche Projekt gemacht werden, wie bei den Älteren, nur die Komplexität wird geringer sein.
Politik und Wirtschaft bemängeln, dass Arbeitskräfte in den naturwissenschaftlichen Bereichen fehlen. Kann diese Lücke durch naturwissenschaftliche Förderung in Kindergärten gestopft werden?
Fthenakis: Nein, ganz klar nicht. Und der Zusammenhang ist meines Erachtens auch nicht empirisch begründet. Es ist nicht der Fall, dass die Kinder, die sich am Kindergarten mit MINT-FächernMINT ist die Abkürzung für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik beschäftigen, später unbedingt Ingenieure und Naturwissenschaftler werden wollen. Aber wir haben andere Zugänge, viel intelligentere, wie man das erreichen kann. Wenn Sie zum Beispiel Kinder mit einem Migrationshintergrund haben und von ihnen erwarten, dass sie die deutsche Sprache erlernen, dann ist es viel besser, den Spracherwerb mit naturwissenschaftlichen Inhalten zu kombinieren. Denn dort fühlen sich die Kinder weniger verbal unterlegen. Dort können sie ihre intellektuellen Kompetenzen entfalten und betten so den Spracherwerb in einen Lernbereich ein, in dem sie sich stark fühlen. Dadurch lernen sie effizienter. Insofern nutzen wir diese MINT-Bereiche nicht nur, um künftige Naturwissenschaftler zu fördern, sondern viel mehr, um Kindern eine optimale Entwicklung zu bieten.
Besteht da nicht das Problem, dass Kinder das, was sie dort lernen bald wieder vergessen, weil in der Grundschule wenig Raum für Naturwissenschaften ist?
Fthenakis: Ich entwerfe institutionsübergreifende Bildungspläne und befürworte damit auch eine Kontinuität vom Kindergarten in die Grundschule und darüber hinaus. Das gegenwärtige Bildungssystem knüpft in der Grundschule nicht an das an, was die Kinder im Kindergarten gelernt haben. Damit verliert man Bildungseffekte! Deshalb müssen wir Programme entwickeln, die kontinuierlich weiterentwickelt werden. Die Bildungsziele: Stärkung von Kompetenzen, die Ko-Konstruktion, die Prinzipien, wie man Kinder stärkt und begleitet, müssen über alle Stufen des Bildungsverlaufs gleich bleiben. Das einzige, was sich ändert, ist die Komplexität des Bildungsbereichs.
ham/news.de