Von news.de-Redakteur Jan Grundmann
Im thüringischen Schmalkalden hat sich die Erde geöffnet. Das Unglück geschah in der Nacht; leise und zum Glück ohne Tote. Ein Pkw ist im Krater gelandet. Und das Loch wird von Stunde zu Stunde größer. News.de hat sich mit der Feuerwehr am Krater umgesehen.
Ein Rohrbruch in der Walter-Rathenau-Straße, ein etwa drei mal drei Meter großes Loch - mit dieser Information des Notrufes wurden die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Schmalkalden gegen 3 Uhr in der Nacht zum Montag aus dem Schlaf gerissen. Doch am Einsatzort war kein Rohr geplatzt. Hier hatte die Erde einen Teil der thüringischen Kleinstadt Schmalkalden verschluckt.
«Mitbekommen habe ich nichts, es gab keinen Krach», berichtet Anwohnerin Anne Währa, die mit ihrem Mann unweit der Unglücksstelle wohnt. Hier, über dem Stadtzentrum, leuchtet der Thüringer Wald im Sonnenlicht wohl so schön wie selten sonst im Jahr. Doch ein Teil der Einfamiliensiedlung über dem Zentrum der historischen Stadt wurde verschluckt. Neun Häuser, 25 Menschen sind evakuiert worden. Laut Medienberichten sind sie schreiend aus ihren Häusern gerannt. Viele sind bei Verwandten untergekommen, einige wurden von den Einsatzkräften im Notzelt versorgt.
«Ich bin wach geworden, habe aus dem Fenster geschaut», so Anwohnerin
Anne Währa weiter. «Die ganze Straße war voller Einsatzwagen, Notstromaggregate liefen.» Wer in Richtung der Walter-Rathenau-Straße läuft, bemerkt immer mehr Risse im Asphalt, bevor sich der Riesenschlund auftut: Rund 30 Meter im Durchmesser. Und etwa 20 Meter tief kann man hier in die rotbraune Erde schauen, so Wolfgang Nicolai, Chef der Polizeidirektion Suhl.
Mögliche Schädendurch den Bergbau verneint Dr. Lutz Katschmann. Er arbeitet beim geologischen Landesdienst in der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie und ist in Schmalkalden vor Ort. «Diese sogenannten Erdfälle sind ein natürliches Risiko in Thüringen. Zehn bis 20 pro Jahr sind durchaus üblich im Bundesland», bestätigt der Experte.
«Die bleiben nicht stehen»
Ein blauer Pkw, der auf der Straße geparkt worden sei, sei in den Erdschlund gerissen worden, berichtet Marco Groeger, stellvertretender Wehrführer der Feuerwehr Schmalkalden. Eine Handvoll Kameraden der Feuerwehr Schmalkalden hält Wache unweit des Lochs. Zwei Autos drohen verschluckt zu werden. Immer wieder bröckelt Erde ab, reißen Stücke von Asphalt oder Fundament ins Innere. Die beiden Autos stehen in Garagen - noch.
«Die bleiben nicht stehen», sagt einer der Kameraden und zieht wieder an seiner Pfeife. Der Boden unter den Hinterrädern ist bereits weggerissen, ein Garagentor ist bereits im Höllenschlund, ein weiteres hängt am seidenen Faden. Und das Loch wächst immer weiter, vor allem durch Vibrationen im Boden.
Rund zwei Dutzend Kameraden sind den ganzen Tag bereits vor Ort, ebenso wie 20 Polizisten, Geologen, Hubschrauber, Fernsehteams. Und die Schmalkaldener sind auf den Beinen, an der Absperrung herrscht ein Gewusel. Journalisten interviewen Anwohner, Anwohner diskutieren mit Polizisten, ein Hubschrauber steigt auf, martinsbehornte Einsatzwagen kreischen durch die engen Straßen.
Unklar, ob das Gebiet jemals wieder bewohnbar ist
Am Dienstag soll mit der Verfüllung des Kraters begonnen werden. Aber das kann schwer werden. Denn es gibt Nachrutschungen, und der Krater liegt eben am Berghang. «Wir wissen noch nicht , wir wir da rankommen sollen», so Thüringens Umweltminister Jürgen Reinholz (CDU).
Schweres Gerät bis an den Kraterrand zu bekommen - gefährlich. Förderbänder seien wohl die Alternative - aber schwer aufzutreiben. «Zum Verfüllen sind etwa 1000 Lkw-Ladungen mit Kies nötig», so Schmalkaldens Bürgermeister Thomas Kaminski (SPD). Der Stadt stünden noch harte Stunden und Tage bevor, denn es bröckelt weiter. Zudem bewege sich der Krater weiter an die Häuser heran.
Vor allem die evakuierten Anwohner müssen weiter bangen - im Notzelt, bei Bekannten oder in Pensionen. Ob sie jemals wieder in ihre Häuser zurückkehren können, ist laut Umweltminister Reinholz zufolge jetzt noch nicht absehbar.
Lesen Sie hier das komplette Interview mit dem Geologen Dr. Lutz Katschmann.
tno/ivb/news.de