Sa., 26.05.12

Frösteln extrem 22.10.2010 Einmal Eiswürfel. Mit Mensch drin, bitte!

Der Icemann geht baden (Foto)
2004 tauchte Wim Hof in der RTL-Show Die größten Weltrekorde - Guinness World Records für 67 Minuten ins Wasser. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Jan Grundmann

Endlich wieder Winter, sagt der Niederländer Wim Hof. Der «Iceman» liebt es kalt. Er sitzt über Stunden im Eisbad, rennt halbnackt am Nordpol. Seine Körpertemperatur bleibt dabei stabil; die Ärzte rätseln. News.de lüftet sein Geheimnis.

Draußen wird es dunkler und kälter, damit beginnt die Badesaison für Wim Hof. Der 51-jährige Iceman aus Amsterdam stellt sich leidenschaftlich gern in eine Glasbox, lässt sie mit Eiswürfeln vollschütten und verbringt die folgenden Stunden in Fröstel-Umgebung, ohne dass seine Körpertemperatur sinken würde.

Wim Hof testet seit Jahrzehnten aus, wie weit er gehen kann. Er liebte die winterlichen Badefreuden in kalten Bächen. Irgendwann, es war zu Beginn der 1990er Jahre, stieg er im niederländischen Winter in einen eisigen Fluss. «Ich habe mich selbst trainiert, blieb jedes Mal länger im Wasser», erzählt der Iceman im news.de-Gespräch.

Ein Mensch, dessen Körpertemperatur auch nach Stunden im Eisbad nicht sinkt? Irgendwann falle auch in ihm die «Kerntemperatur», sagt Hof, dann müsse er aufhören. «Irgendwann kühlt die Haut so weit ab, dann hinterlässt die Kälte irreparable Schäden.»

Aber bis dahin vergeht ja einige Zeit. Als Mensch in der Eiswürfel-Box habe er vor gut zehn Jahren eine halbe Stunde ausgehalten. Mittlerweile liegt der von ihm aufgestellte Weltrekord bei einer Stunde und 44 Minuten. Laut Messung startete er bei einer Körpertemperatur von 37,2 Grad. Dann ging es runter bis auf 36,4 Grad, der Schlusskurs nach 104 Minuten lag leicht erholt bei 36,7 Grad.

Tingeln durch TV-Shows: «Die Kälte ist jetzt mein Beruf»

Der Niederländer hält noch 17 weitere Weltrekorde, etwa für einen Marathon am nördlichen Polarkreis in kurzen Hosen und einen Halbmarathon barfuß. Auch für das Tauchen unter einer Eisdecke gab es den Rekordeintrag. Hier erlebte Wim Hof seine einzige bedrohliche Situation: Er schwamm und verlor die Orientierung. «Da hatte ich keine Brille auf. Und nach 35 Metern habe ich nichts mehr gesehen», sagt er. Sonst sei alles kontrolliert verlaufen.

Bei allen Guinness-Rekorden der Frostfreude steht sein vegetatives Nervensystem im Mittelpunkt, das Herzschlag, Atmung, Blutdruck, Verdauung und Stoffwechsel kontrolliert. Eigentlich können diese Funktionen nicht direkt durchs Bewusstsein gesteuert werden. Wim Hof jedoch behauptet, dies zu schaffen. Und hat angeblich eine Methode entwickelt, um die Vitalfunktionen beeinflussen zu können.

So begann Mitte der 1990er Jahre die Medienkarriere des Wim Hof: Erst stand ein Artikel in der Regionalzeitung, dann sprang das Fernsehen auf, schließlich meldete sich das Guinness-Buch. Er gab seinen alten Job als Postbeamter auf, reist nun um die Welt und verdingt sich als Iceman. Vor allem in TV-Shows, in Los Angeles, New York, Paris, Peking, Tokio, Köln. «Die Kälte, das ist jetzt mein Beruf.»

Herr Hof, sind sie einfach ein Heißblüter?

Jeder könne die Kontrolltechnik lernen, sagt Hof. Auch durch das Buch, das er gerade schreibt. Oder im Therapiezentrum, das Hof im kommenden Jahr eröffnen will. «Menschen, die krank sind, haben über ihr vegetatives Nervensystem keine Kontrolle», sagt Hof, der aber auch zugibt: «Es wird wissenschaftlich noch untersucht.» Der Kern des Kältegeheimnisses sei die Kontrolle der Atmung.

Wenn er sich ins öffentliche Eisfach stellt, erreicht er einen Trancezustand, vergisst seine Umgebung komplett. «Freunde von mir wollten zu einer Demonstration kommen. Aber ich habe sie nicht wahrgenommen, ich war so in mich gekehrt, obwohl sie nur einen Meter wegstanden.» Vielleicht ist Wim Hof einfach ein Heißblüter mit höherem Stoffwechsel? «Nein, ich bin nicht viel anders als andere Leute. Das ist einfach Trainierung», erzählt der 51-Jährige auf Deutsch mit seinem niederländischen Akzent.

Und weil er seinen Körper noch lange nicht an der Belastungsgrenze angekommen sieht, will er sich im kommenden Jahr in die Hitze begeben. 50 Kilometer möchte er durch die Sahara laufen - ohne zu trinken. Das ist doch das ganze Gegenteil des Eisbadens? «Nein, es geht auch um die Kerntemperaturkontrolle».

Lesen Sie weiter, wie ein Sportpsychologe das Rätsel des «Iceman» lüftet.

Sportpsychologe Stefan Floresku aus Hannover kann sich vorstellen, dass die Technik von Wim Hof funktioniert. «Es geht darum, innere Körperprozesse erkennen und steuern zu können. Der Niederländer verwendet offenbar eine Meditationstechnik.»

Auch er kennt eine Technik, die auf die bewusste Steuerung von inneren Körperprozessen setzt: das Biofeedback. Bei Schmerzpatienten, bei Depressiven oder im Sport wird es angewendet. «Das vegetative Nervensystem läuft eigentlich unbewusst. Durch die Technik sollen die Patienten ihre Vitalfunktionen bewusst steuern lernen», so Floresku. Dazu werden Dioden an die Haut angeschlossen, die Stress messen sollen. Ist der Proband angespannt, verzeichnen die Dioden zum Beispiel einen höheren Hautleitwiderstand. Der wird über Bilder oder Töne erlebbar gemacht: etwa durch einen Golfplatz auf einem Bildschirm. Ist man angespannt, bewegt sich der Ball weiter vom Loch weg.

Auch durch Hypnose können Körperprozesse beeinflusst werden

Auch im Sport wird Biofeedback-Training genutzt. Wenn ein Tennisspieler zwischen zwei Sätzen kurz an der Seitenlinie pausiert, kann vorheriges Biofeedback-Training helfen. «Er lernt, in der kurzen Pause gut runterzufahren, sich effektiv zu entspannen.» Auch das Gegenteil sei möglich: etwa, wenn ein Sportler vor einem Wettkampf in einen angemessenen Spannungszustand kommen möchte. «Aber was Wim Hof macht, ist sicher eine extreme Ausprägung», meint der Sportpsychologe.

Auch in der Hypnose können Körperfunktionen durch mentale Prozesse beeinflusst werden. Der Sportpsychologe erinnert sich an ein Experiment, bei dem hypnotisierten Probanden eingeredet wurde, dass auf ihrem Arm eine Elektrode klebt – und die Stromstärke immer weiter steigt. «Dabei hatten die Patienten statt einer Elektrode nur ein Geldstück auf dem Arm. Trotzdem hatten sie nach der Hypnose an dieser Stelle Brandblasen. Allein die Vorstellung kann eine immense Auswirkung auf den Körper haben.»

iwi/reu/news.de
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