Von Marion van der Kraats
In Zeiten des Klimawandels reicht es nicht mehr, Desaster nur zu beobachen. Wir müssen sie vorhersehen, um sie bekämpfen zu können. Das sagt der Leiter des Instituts für Klimafolgenforschung. Sonst gehen wir unter.
Extreme Wetterlagen könnten nach Einschätzung von Experten künftig häufiger zum Alltag gehören und erhebliche Investitionen nötig machen. «Wir haben bisher viel zu sorglos gebaut», sagte der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber.
Nach Hochwasserkatastrophen wie im August 2002 in Sachsen seien die Stadtentwickler sensibilisiert. «Das war ein Schockereignis, ein Weckruf.» Nun gelte es, Naturkatastrophen möglichst gut vorherzusagen. Helfen sollen dabei mathematische und physikalische Berechnungen.
«Es geht darum, mögliche Desaster wissenschaftlich ‹vorauszuahnen› anstatt nur aus früheren Desastern Konsequenzen zu ziehen», erklärte Schellnhuber anlässlich einer internationalen Tagung in Potsdam zur Erforschung von Extremereignissen. Bislang habe die Klimaforschung vor allem versucht, hilfreiche Erkenntnisse aus der Beobachtung der Vergangenheit zu ziehen.
Es gibt kein festes Muster mehr
«Dabei wird statistisch argumentiert», erklärte der Physiker. «Gewisse Gebiete werden möglichst lange beobachtet und man versucht dann zu klären, mit welcher Häufigkeit gewisse Ereignisse auftreten.» Auf Grundlage dieser Erfahrungen basierten bauliche Veränderungen oder auch Schutzmaßnahmen beispielsweise bei Hochwasseralarm.
«In Folge des Klimawandels verändern sich jedoch offenbar die Muster», so der PIK-Chef. «Es gibt eine populäre Aussage: Stationarität ist tot. Das heißt, es gibt kaum noch ein festes Wahrscheinlichkeitsmuster.» Damit werde eine zweite Methode immer wichtiger: die Vorhersage. Mit Hilfe von physikalischen Gleichungen und mathematischen Berechnungen versuchten Experten, Szenarien zu entwickeln und auf dem Computer Situationen der Zukunft virtuell als Realität zu erzeugen.
«Wir antizipieren dann, was geschieht, wenn alles Ungünstige in Hochwassergebieten wie Sachsen oder Brandenburg zusammenkommt», schilderte der Physikprofessor. «Gibt es eine ungünstige Wetterlage wie zuletzt in Sachsen mit drei Tagen Regen und ist die Topographie noch so, dass sich Abflüsse zu einem reißenden Strom vereinigen können und leben dann Menschen in diesem Gebiet - dann ist es eine Situation mit einer großen Bedrohung.»
Klimawandel: Mehr Niederschlag in kürzerer Zeit
Diese Erkenntnis könne dann zu städtebaulichen und wasserbaulichen Konsequenzen führen. Generell sei infolge des Klimawandels eine Tendenz zu größeren Niederschlagsmengen innerhalb kurzer Zeitspannen zu erwarten. Wenn sich dies fortsetze, müsse die Hochwasserpolitik geändert werden.
So könne die Situation entschärft werden, indem mehr Überlaufbecken oder Talsperren gebaut würden, um das Wasser zu bremsen. «Es wird aber auch mehr Gebiete geben müssen, in denen man prinzipiell keine Menschen wohnen lassen sollte oder keine Werte wie Fabriken stehen dürfen», meinte Schellnhuber.
Die Folgen des Klimawandels seien in den Griff zu bekommen, wenn die globale Erderwärmung gestoppt werden könnte, etwa bei moderaten Werten von etwa zwei Grad im Vergleich zu der Zeit vor der Industrialisierung. «Es besteht jedoch die große Gefahr, dass Anpassungsbewegungen durch die Geschwindigkeit der Änderung zunichte gemacht werden», sagte er.
iwi/ivb/news.de/dpa