Sa., 26.05.12

Blutbad von Lörrach 21.09.2010 Amoklauf löst Waffenverbotsreflex aus

Polizisten entfernen die Absperrungen, die Suche nach dem Motiv für den Amoklauf der Sportschützin Sabine R. geht weiter. Unterdessen beginnt - wieder einmal - eine Diskussion um das Verbot von privaten Schusswaffen.

Nach dem Amoklauf einer Sportschützin in Lörrach ist eine neue Diskussion über das Waffenrecht entbrannt. Die Grünen fordern erneut, Sportwaffen aus privaten Wohnungen zu verbannen. «Sie müssen ganz raus aus den Privaträumen», sagte der Innenexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Wolfgang Wieland.

Nach Angaben des Deutschen Schützenbundes war die Amokläuferin bereits 1996 aus dem Schützenverein ausgetreten, hatte ihre Waffe aber behalten. «Dies wäre heute so nicht mehr möglich», sagte der Verbandssprecher Birger Tiemann. Das geltende Recht hätte den Amoklauf verhindern können.

Seit 2003 müsse ein Schützenverein jeden Austritt der kommunalen Behörde melden. Diese prüfe dann, ob der Ausgetretene weiterhin ein berechtigtes «Bedürfnis» habe, eine Waffe zu besitzen. Wenn ein Sportschütze nicht mehr regelmäßig im Verein schieße, müsse ihm die Waffe jetzt in der Regel abgenommen werden. «Natürlich werden jetzt Generalverdächtigungen über die ganzen Schützen ausgebreitet.» Aber die Schützenvereine seien an strenge gesetzliche Vorgaben gebunden: «Wir haben in Deutschland schon mit eines der strengsten Waffengesetze der Welt.»

Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Wolfgang Bosbach (CDU), lehnte ein Verbot von Schusswaffen in Privatwohnungen als kontraproduktiv ab. Der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte Bosbach: «Ein Verbot des privaten Schusswaffenbesitzes würde die innere Sicherheit nicht erhöhen, sondern völlig neue Gefahrenquellen schaffen.» Wenn rund zehn Millionen legale Waffen in Deutschland in zentralen Waffenarsenalen lagerten, müssten diese mit riesigem Aufwand bewacht werden. «Dazu wären Sportschützen und Jägerschaft personell und finanziell sicher nicht in der Lage.» Sofern ein Überfall auf ein solches Lager gelänge, «können sie mit den erbeuteten Waffen eine Privatarmee ausrüsten», warnte der CDU-Innenexperte.

Auch der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, lehnte zentrale Sammelstellen ab. Solche Forderungen führten «zu großer Begeisterung bei den Leuten, die sich nicht auskennen», sagte er am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin. Wichtig sei, dass das novellierte Waffengesetz nach dem Amoklauf von Winnenden endlich umgesetzt werde. So fehle für die verdachtsunabhängigen Kontrollen in Privatwohnungen das Personal. Außerdem sei es «verantwortungslos», das Waffenregister erst Ende 2012 einzuführen. «Wir wissen in Deutschland, wie viel Bananen eingeführt werden. Wir wissen aber nicht, wie viele Schusswaffen es gibt», sagte Freiberg. Er sagte weiter, man könne stolz sein auf die Leistung der Polizisten beim Amoklauf im baden-württembergischen Lörrach, die weitere Tötungen verhindert hätten.

Sein Amtskollege Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft warnte jedoch, die Polizei sei auf Einsätze bei Amokläufen nicht gut vorbereitet. «Bei Amokläufen müssen die eintreffenden Streifenpolizisten den Täter schnell stoppen, die Beamten sind darauf aber in der Regel völlig unzureichend vorbereitet», sagte Wendt der Neuen Osnabrücker Zeitung. Es bedürfe dringend spezieller Amok-Trainings für Streifenpolizisten, die alle zwei Monate wiederholt werden müssten. «Gegenwärtig verlassen wir uns bei Amokläufen zu sehr auf den Faktor Glück», sagte der Gewerkschaftschef. In Lörrach sei das gut gegangen. «Ich möchte aber nicht den Tag erleben, an dem dieses Glücksspiel schiefgeht», sagte Wendt.

Auch wenn Polizei und Politik gegen ein Verbot von scharfen Waffen sind: Eigentlich muss der Staat alles dafür tun, um die körperliche Unversehrtheit seiner Bürger zu schützen. Wenn er sich gegen ein Verbot sträubt, missachtet er damit das Grundgesetz,  lautet das Fazit von news.de-Redakteur Jan Grundmann in seinem Kommentar zum Thema.

Ergebnisse der Obduktion sollen Aufschluss geben

Nach dem Amoklauf in Lörrach versuchen Polizei und Staatsanwaltschaft weiterhin, sich ein vollständiges Bild vom Ablauf und von den Motiven für die Tragödie mit vier Toten zu machen. Im Laufe des Tages könnte es die ersten erhellenden Erkenntnisse geben. Dann rechnet die Polizei mit den Ergebnisses der Obduktion der Leichname des Mannes und des fünfjährigen Jungen, sagte ein Polizeisprecher.

Die 41-jährige Frau hatte ihren Mann erschossen und ist vermutlich auch für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Den bisherigen Ermittlungen zufolge wurde der Fünfjährige erschlagen. Die beiden Leichen wurden in ihrer Wohnung gefunden. Danach stürmte sie in das benachbarte St. Elisabethen-Krankenhaus, tötete dort einen Pfleger und wurde kurz darauf von der Polizei erschossen. Durch den Brand, den sie in ihrer Wohnung gelegt hatte, mussten 15 Bewohner wegen Rauchvergiftungen behandelt werden.

In der Nacht versammelten sich zahlreiche Trauernde in Lörrach vor den Tatorten. Sie zündeten Kerzen an und legten Blumen nieder. Zudem trugen sie sich in ein Kondolenzbuch ein. Unter den Trauernden waren viele Jugendliche. Sie hatten sich über das Internet verabredet und die öffentliche Trauer organisiert. Für die kommenden Tage sind zudem Gedenkgottesdienste geplant.

Stadt ruft zu Spenden für Familie des getöten Pflegers auf

Die Stadt Lörrach rief inzwischen zu Spenden für die Familie des von der Amokläuferin getöteten Pflegers und der durch die Hausexplosion obdachlos gewordenen Menschen auf.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei könnte die noch frische Trennung von ihrem Mann und dem fünfjährigen Sohn der Auslöser für die Tat der 41-Jährigen gewesen sein. Sie waren seit Juni getrennt. Die Sportschützin hatte nach Angaben der Oberstaatsanwaltschaft zuletzt «psychisch angespannt» gewirkt. In der Klinik, in der sie einen Pfleger erschoss, hatte sie vor sechs Jahren eine Fehlgeburt.

Die Rechtsanwältin Sabine R. brachte ihren Mann um, als der 44 Jahre alte Schreiner am Sonntagabend den Sohn bei ihr in einer Wohnung in dem Mehrfamilienhaus in der Lörracher Innenstadt abholen wollte. Sabine R. wohnte dort und hatte dort ihre Anwaltskanzlei. Der Junge lebte bei seinem Vater und war über das Wochenende zu Besuch bei seiner Mutter.

In dem Haus fielen nach Augenzeugenberichten Schüsse und dann gab es eine Explosion. Die Frau hatte beim Verlassen der Wohnung Feuer gelegt. Aus dem brennenden Haus rettete die Feuerwehr sechs Erwachsene sowie ein Kind. Warum Sabine R. dann auf dem Weg in die benachbarte St. Elisabethen-Klinik auf Passanten feuerte und in der gynäkologischen Abteilung einen 56 Jahre alten Pfleger tötete, ist noch nicht geklärt.

jag/tno/news.de/dpa/dapd
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Michel1966
  • Kommentar 2
  • 21.09.2010 13:34
 Antwort auf Kommentar 1

Kennt ihr den Spruch: "Wenn Waffen die Ursache für Verbrechen sind, dann sind Kugelschreiber die Ursache für Rechtschreibfehler !" Denkt mal darüber nach und schließt in Zukunft eure Kissen weg, denn die liegen in der Statistik auch weit vorne.

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  • Michel1966
  • Kommentar 1
  • 21.09.2010 13:31
 

ZITAT: "Eigentlich muss der Staat alles dafür tun, um die körperliche Unversehrtheit seiner Bürger zu schützen." Gut - also erstmal ein ALKOHOLVERBOT das ich sehr begrüße und dann ein schärferes Gesetz für Autofahrer, da dort jährlich einige tausend Menschen ums Leben kommen - darunter viele Kleinkinder. FANGEN WIR DOCH SO AN ! Dannach verbieten wir Bügeleisen und Messer sowie weitere Sportgeräte mit denen die meisten Gewalttaten verübt werden. Schaut auch jemand der sowas schreibt mal in die BKA Statistik ? NEIN - man tauscht nur einen Gegenstand aus und denkt damit ist das Problem behoben.

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