Jörg Nießen hat für sein Buch Schauen Sie sich mal diese Sauerei an 20 schräge Episoden aus seinem Leben als Notfall-Sanitäter gesammelt. Lesen Sie bei news.de die schrägsten Episoden. Los geht's:
«Klassiker» sind Ereignisse, die in Deutschland regelmäßig diensthabende Chirurgen beschäftigen. Schön geformte Glasgefäße, die in irgendwelche Körperöffnungen gesteckt werden, gehören schon zur Tagesordnung. Mit etwas Pech bildet sich ein Unterdruck, sodass zum Beispiel die 0,33-Liter-Colaflasche nur noch mit fremder Hilfe entfernt werden kann. Gleiches gilt für Dildos aller Art, die vollständig im Körper verschwunden sind und einfach keine Möglichkeit mehr bieten, sie zu packen. Hier gibt es ein schönes überliefertes Zitat eines Chirurgen während einer rektalen Untersuchung: «Raus krieg ich das Ding so nicht, aber ausschalten kann ich es.» Über die Verletzungsmuster nach Masturbation mit einer bekannten Staubsaugermarke gibt es sogar eine Doktorarbeit.
Warum rufen Betroffene in derartigen Situationen eigentlich den Rettungsdienst? In den meisten Fällen wäre der Weg ins Krankenhaus auch selbstständig möglich. Ich denke, es ist die Hoffnung, dass das Malheur zu Hause, sozusagen im kleinen Kreis, behoben werden kann. In der Regel müssen wir diese Hoffnung leider enttäuschen. Unter der Rubrik «Ich war dabei» kann ich nun Folgendes berichten: Zwei sehr sympathische schwule Mitbürger unserer Stadt hatten unsere Hilfe erbeten. Auf die obligatorische Frage «Was ist denn passiert?» kam eine knappe und präzise Antwort: «Ich hab zwei Billardkugeln im Arsch, die Drei und die Vier!»
«Warum um alles in der Welt Billardkugeln?», fragte mein Kollege Hein verdutzt. «Wir haben früher schon mal andere Kugeln vergessen, da mussten wir auch ins Krankenhaus - Darmverschluss und so. Billardkugeln sind wenigstens nummeriert, da weiß man, was man hat, die Eins und die Zwei sind ja da, aber die Drei und die Vier wollen einfach nicht raus», antwortete einer der Schwulen. «Aber die sind so groß!», stellte Hein mit leidendem Gesichtsausdruck fest. Wir wurden aufgeklärt, dass Dehnungspausen bei analen Spielereien das A und O sind und dass da noch ganz andere Sachen reinpassen. Anschließend brachten wir die beiden Poolspieler gut gelaunt ins nächste Krankenhaus. «Und denkt immer dran, der Mensch nutzt nur zehn Prozent seines Dickdarms!» Mit diesem frechen, aber dennoch schönen Schlusssatz verabschiedete sich das Pärchen von uns.
«Dann wollen wir mal!», sagte Hein und rüttelte unseren Patienten mit den Worten «Tach auch, Rettungsdienst!» unsanft an den Schultern. Wie aus schlechten Träumen erweckt, schreckte der junge Mann hoch, schaute uns mit weit aufgerissenen Augen an und sprach ehrfurchtsvoll: «Wahnsinn! Eben die Schneekönigin mit ihrem Kerkermeister und jetzt ein Außenteam vom Raumschiff Enterprise!»
«Wie bitte?», fragten Hein und ich wie aus einem Mund. Der junge Mann brauchte eine Weile, um sich zu orientieren. Wortlos saß er im Bett, schaute sich um und machte dabei den Eindruck, dass langsam, aber sicher seine fünf Sinne zu ihm zurückkehrten. «Heftig, das Zeug, hätte ich nicht gedacht, macht richtig bunte Bilder im Kopf!», entfuhr es unserem Patienten.
Hein nahm erneut Anlauf zur Kontaktaufnahme: «Guten Tag noch mal, Rettungsdienst, dürfen wir Sie kurz körperlich untersuchen?»
«Ja sicher, der Wissenschaft darf man nicht im Weg stehen, tun Sie sich keinen Zwang an!» Unser Patient ließ sich erschöpft ins Kopfkissen fallen. Es folgte eine Reihe von Routineuntersuchungen, die aber alle ohne nennenswerte Befunde blieben. Wir bombardierten den gerade Erwachten mit Fragen: «Wie ist eigentlich Ihr Name? Und was meinten Sie eben mit ‹heftig, das Zeug›? Was für ‹Zeug› denn? Drogen? Wenn ja, welche?»
«Langsam, langsam!» Es setzte eine Denkpause ein. «Mein Name ist Hanf, Franck Hanf, der Name ist Programm, ich experimentiere mit alternativen Natursubstanzen, aber nennen Sie mich ‹The Frog›, das ist mein Szenename, verstehen Sie?», fuhr Herr Hanf - The Frog - in sprachlicher Zeitlupe fort.
«Aber das ist doch nicht legal, geschweige denn gesund!», bemerkte Hein in vorwurfsvollem Tonfall. Franck verzog angewidert das Gesicht: «Legal, legal, gesund, gesund - was für hässliche Worte! Es gibt Schwarz. Es gibt Weiß. Aber es gibt unendlich viele Stufen von Grau, verstehst du? Das mit dem ‹gesund› ist ja noch bekloppter, heute ist niemand mehr gesund. Die Schafe der Herde sind höchstens unzureichend untersucht. Eh, hör auf, Alter, jede Hochkultur hatte ihre Drogen, Inkas, Mayas, Griechen, Römer. Aber nicht missverstehen, eh, Kokain, Heroin und der ganze harte Scheiß, das kannst du alles verbrennen. Macht die Birne bräsig, verstehst du. Natur, Natur muss es sein, Bewusstseinserweiterung, Alter, darum geht es.»
«Und was haben Sie da so alles experimentell herausgefunden?», fragte ich interessiert.
«Herausgefunden ist das richtige Wort!», fuhr The Frog in angeberischem Tonfall fort. «Ihr wisst gar nicht, wen ihr vor euch habt, ich bin ein Pionier der Szene. Ich war der Erste, der im Marihuanadreieck Aachen - Köln - Düsseldorf südamerikanische Frösche abgeleckt hat. Natürlich nur die Weibchen. Da blitzt und knallt es in der Birne. Ja! Jetzt wüsstet ihr gerne die genaue Froschsorte, nicht wahr?! Bleibt aber mein Firmengeheimnis, jedenfalls kommt daher mein Szenename!»
«Was Sie nicht sagen», kommentierte Hein ironisch.
«Egal, danach hab ich mich mit Aphrodisiaka beschäftigt, die man aus Gewürzen oder Früchten gewinnt: Ich sag nur Muskat! Rauchbare Pflanzen und magische Pilze gehören natürlich auch zu meinem Repertoire. Aber da muss man aufpassen. Das meiste Zeug ist genmanipulierte Scheiße. Aber der Kenner weiß, wo es noch pure Natur gibt!» Franck deutete euphorisch mit beiden Daumen auf seine Brust.
«Und welcher völlig natürlichen Substanz haben wir unseren Besuch hier und heute zu verdanken?», fragte ich neugierig.
Sein misstrauischer Blick wanderte zwischen Hein und mir hin und her. «Ihr könnt aber den Mund halten, oder? Ich bin erst am Anfang meiner Forschungen auf dem Gebiet. Ich hab keinen Bock, dass irgendein anderer Kiffer meinen Ruhm erntet.
Ich hab nen Ruf zu verlieren.»
«Klar, keine Sorge», versuchte ich Franck von unserer Vertrauenswürdigkeit
zu überzeugen, «wir sind doch Brüder im Geiste!»
«Also gut.» Ein letzter durchdringender Blick prüfte uns. «Kuhscheiße! Kuhscheiße ist das natürliche Halluzinogen der Zukunft. Überall auf der Welt beschaffbar, in ausreichenden Mengen vorhanden. Und das Beste: Das Zeug ist nirgendwo illegal.»
Angepisst unterbrach ich unseren Patienten: «Freundchen, bis hier war es witzig. Aber verarschen kann ich mich schon ganz allein, da brauche ich keine Haschtüte wie dich dafür. Kuhscheiße! Hat man so ne Scheiße schon gehört!»
Frank hielt lauthals dagegen: «Jaja, so reagieren die Zweifler und Verblendeten immer. Wenn alle so denken würden, dann würden sie heute noch predigen, dass die Erde eine Scheibe ist. Kuhscheiße enthält, wenn sie frisch ist - und das ist entscheidend -, halluzinogene Gase.»
«Ich hab noch Herzmassage gemacht», schluchzte Agnes. In diesem Moment wurde ich leicht stutzig. Josef saß zusammengesackt, aber dennoch fast aufrecht im ledernen Ohrensessel.
Wiederbelebungsmaßnahmen, vor allem Herzdruckmassage, sind in dieser Haltung nicht nur ineffizient, sondern technisch auch nahezu unmöglich. Ich konnte nicht anders und fragte nach: «Wie haben Sie denn das Herz massiert, Frau Zimmermann?» Ohne zu zögern, zog Agnes aus der aufgesetzten Seitentasche ihrer Strickjacke ein durchsichtiges Fläschchen 4711 Echt Kölnisch Wasser. Was nun folgte, war eine ungewollte Parodie auf alle Erste-Hilfe-Kurse. Agnes benetzte großzügig ihre rechte Hand mit dem Duftwässerchen und verrieb es in im Uhrzeigersinn verlaufenden, kreisenden Bewegungen auf Josefs gesamter Brust. Nach der Demonstration schauten wir in fragende, unsichere, ja fast um Bestätigung bittende Augen. Für einen Moment herrschte erdrückende Ruhe - kaum zu ertragen.
Sie mögen mich für einen Bastard halten, aber ich lachte innerlich. Das sind die Momente in meinem Beruf, in denen Tragik und Situationskomik sehr nah beieinanderliegen. Nun erklärte sich nicht nur der Duft in der Wohnung, sondern auch der Unterschied zwischen Herzmassage und Herzdruckmassage. Ich riss mich zusammen, um Agnes nicht durch verkniffenes Lachen zu verletzen. Das hätte sie nicht verdient.
Hein hatte heute wohl schon seinen Rhetorikkeks gegessen und ließ sich zu einem pathetischen «Sie haben getan, was Sie konnten …» hinreißen. Ein Biss auf die Zunge verhinderte das Lachen. Josef war seit mindestens einer Stunde tot - keine noch so tolle Herzdruckmassage hätte ihn retten können.
Helmuth darf getrost als Super-Gau der Rettungsdienstausbildung bezeichnet werden. Jene Kombination aus Naivität und übertriebenem Rettungseifer, die ihn kennzeichnete, erhöhte das allgemeine Lebensrisiko für alle Beteiligten. Die rhetorischen Fähigkeiten unseres angehenden Sanitäters waren dabei das größte Problem. Eine gewisse kindliche Unbefangenheit ließ Helmuth alles so formulieren, wie er es im Augenblick erlebte oder durchdachte.
Nach einem Tötungsdelikt mit einem Brotmesser im Bahnhofsviertel fragte Helmuth gut gelaunt in die Runde der Angehörigen: «Sind denn in letzter Zeit irgendwelche Lebensversicherungen abgeschlossen worden?» Die Anwesenden reagierten leicht gereizt auf seine unterschwellige Annahme, der Tod des Opfers könne möglicherweise durch sie eingetreten sein. Nur mit Mühe konnten weitere Stichverletzungen verhindert werden. Noch dazu war Helmuth kaum zu vermitteln, warum die Frage aus dem Mund eines Kriminalbeamten eventuell angemessen, aber aus seinem einfach nur unverschämt klang.
Ein Patient mit einer schmerzhaft geschwollenen Wasseransammlung im Hodensack wurde mit folgendem Kommentar beglückt: «Mann, Mann, Mann, da haben Sie aber eine Weile drauf gesammelt, was?» Die wütende Reaktion des todkranken Mannes war zwar nachzuvollziehen, aber nicht gut für seinen Blutdruck. Nach einer Vielzahl verbaler Entgleisungen wurde Helmuth verboten, sich mit Patienten und Angehörigen zu unterhalten oder ihre Situation zu kommentieren.
Sich selbst schonte Helmuth allerdings auch nicht. Bei einer Todesfeststellung erkannte und verhinderte Hein erst im letzten Augenblick die Absicht unseres Auszubildenden, bei einer zwei Tage alten Leiche eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchzuführen. Es fehlte schlicht am gesunden Menschenverstand, dass einer Leiche in diesem Stadium nicht mehr zu helfen ist.
Helmuth war ein Füllhorn der Unmöglichkeiten, mit ihm wurde es nie langweilig. Mal versuchte er mithilfe des Blutzuckermessgerätes den Glukosegehalt in seinem morgendlichen Milchkaffee zu bestimmen, oder er verwechselte das piepsende Geräusch seines Funkmeldeempfängers mit der akustischen Alarmierung eines Beatmungsgerätes.
jag/news.de