Sa., 26.05.12

Digitale Konkurrenz? 14.09.2010 Wie Google in den Schulatlas kam

Digitaler Globus (Foto)
Die Karten aus dem Haack-Weltatlas von Klett in Symbiose mit Google Earth. Bild: Klett-Verlag

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert

Dröger Schulatlas? In Zeiten von Google Earth ist das vorbei. Der digitale Globus ist ein Muss. Während der Klett-Verlag das Angebot von Google nutzt, kauft Diercke eigene Satellitenbilder. Doch die Lehrer können mit beidem im Unterricht wenig anfangen.

Lima wächst in die Berge. Zehn Sekunden dauert es, bis sich das letzte Haus der Hauptstadt von Peru tief in das schmale Andental gegraben hat. Die Atlaskarte zeigt die Ausbreitung der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten und liegt nun passgenau über dem Satellitenbild von Google Earth. Was auf der nackten Karte der Stadt noch nach Chaos und Zufall aussah, wird jetzt klar: Lima ist an ihren Rändern so ausgefranst, weil das Gebirge bestimmt, wo die Menschen bauen. Nur in den Tälern war Platz genug für neue Häuserzüge.

Volker Streibel gestikuliert vor dem Bildschirm, fährt mit dem Zeigefinger den Verlauf der Andentäler ab. «Wir kombinieren die Satellitenbilder von Google mit unseren thematischen Karten», erklärt der Geschäftsführer der kartografischen Abteilung des Schulbuchverlags Klett. So können Schüler nicht nur sehen, dass rund um den Vesuv in Italien Olivenbäume angepflanzt werden. «Sie wissen auch: Die Bäume stehen genau da, weil dort bei einem früheren Ausbruch die Lava ablief und den Boden fruchtbar gemacht hat», sagt Streibel.

Klett bezieht günstig, was Diercke teuer kauft

Klett liefert die digitale Erweiterung zusammen mit seinem Haack Weltatlas. Jede Karte darin kann mit ein paar Klicks über die Satellitenbilder von Google gelegt werden. Für den Verlag ist das eine clevere Allianz: Für Schüler und Lehrer ist Google Earth gratis und die kommerzielle Nutzung des Dienstes kostet Klett 400 Dollar (314 Euro) im Jahr. Ein Schnäppchen: Schon einzelne Luftbilder sind beispielsweise beim Geoinformationsdienst Geocontent erst ab 650 Euro zu haben. «Das ist ein feiner Zug von Google», kommentiert Streibel die kostengünstige Verfügbarkeit von Google Earth.

Die Konkurrenz geht andere Wege. Dem Diercke-Atlas von Westermann liegt zusätzlich zu einer Google-Earth-Schnittstelle ein eigener digitaler Globus bei. «Die Bilder sind so weltweit einheitlich, was die Betrachtung und den Vergleich verschiedener Regionen für den Schüler leichter macht», erklärt Diercke-Sprecher Sebastian Schlüter die Entscheidung für einen Globus mit eigens gekauften Satellitenbildern.

Google – kostenlose Konkurrenz für Schulbuchverlage?

Dennoch: Auch ohne Klett oder Diercke kann jeder die hochaufgelösten Satellitenbilder von Google oder das Alternativangebot der Nasa im Internet zur geografischen Recherche nutzen. Wozu also sollten Schulen noch teure Atlanten kaufen, wenn sie die Informationen auch kostenlos haben können? Georg Stöber sieht die Verlage durchaus durch den Informationsfundus im Netz unter Konkurrenzdruck. «Das wird den klassischen Atlas aber nie ablösen», sagt der Geograph vom Georg-Eckert-Insitut für internationale Schulbuchforschung. Denn die wesentlichen Informationen seien nicht die rein topografischen wie auf den nackten Satellitenbildern, sondern die auf den thematischen Karten im Atlas.

Geografielehrer Frank Czapek weiß, dass seine Kollegen auch außerhalb der klassischen Schulbücher recht findig sind, wenn es um neue Techologien geht. «In unserem Fach suhlen wir uns im Fortschritt», sagt der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schulgeografen. Die digitalen Angebote von Diercke oder Klett findet er «wunderbar und spannend.» In seiner täglichen Arbeit an einem Gymnasium in Hannover nützt ihm das allerdings wenig. «Die Schulen sind technisch einfach nicht gut ausgestattet.» Und ohne PCs ist jede CD-Rom nutzlos.

Statt der digitalen Tafel gab's ein analoges Schreibbrett

Czapek weiß, wovon er redet. Als er einmal für seinen Unterricht eine digitale Tafel beantragte, ein sogenanntes Whiteboard, lieferte die Behörde ihm das analoge Modell gleichen Namens. Darauf kann er zwar mit abwaschbaren Stiften in verschiedenen Farben schreiben, aber keine digitalen Karten anzeigen.

Für die virtuellen Flüge über der peruanischen Hauptstadt Lima hat Czapek aber auch unabhängig davon kaum Zeit. «Erdkunde ist eher ein Randfach mit nur wenigen Stunden.» Und so nimmt er die Stadtentwicklung Limas dann doch zweidimensional durch. Auf der nackten Atlaskarte.

jag/ivb/news.de
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